THE END OF…

Bundesrepublik.

 

Der Geist der alten Bundesrepublik hat den Oktober 1990 überlebt. Zwar hat die untergegangene DDR durchaus das latent vorhandene nichtatlantische, kapitalismuskritische Element Deutschlands verstärkt. Doch das mediale, wirtschaftliche und kulturelle Kraftzentrum blieb für viele Jahre die klassisch westdeutsche Rheinschiene mit ihren Entscheidungsorten Frankfurt und Düsseldorf. Daran konnte auch Planet Berlin – die sich verselbständigende Hauptstadtwelt – zunächst nichts ändern. Doch nun, nach 15 Jahren Merkel und einer Kaperung der politischen Macht fast ausschliesslich durch Akteure aus dem wirtschaftlich schwachen Norden und Osten Deutschlands, wird der Bundesrepublik der Garaus gemacht.

Westbindung und soziale Marktwirtschaft bestehen weiter, doch mit anderem Groove. Bereits 2013 sah US-Politstratege Robert D. Kaplan in «Revenge of Geography» ein Land, welches sich entlang eines imaginären Längengrades in ein atlantisch-merkantiles, urbanes Technologiedeutschland und in ein von ehemaligem Junkertum geprägtes, ostorientiertes Deutschland paternalistischer Strukturen aufteilt (für Detailinteressierte: Die Grenze verläuft durch die Autobahnraststätte «Lehrter See Süd»). Welche dieser zwei Ausprägungen sich durchsetzen wird, ist nun plötzlich wieder offen.

Das Ende der real existierenden Bundesrepublik zeigt sich nun auch an anderen, überraschenden Stellen. Die Bundesrepublik hatte zwar ihre bräsigen Momente, hielt sich aber stets in einem ausgesprochen formidablen Zustand. Das ist vorbei: Die Infrastruktur hat sichtbare Probleme, die Digitalisierung verläuft desaströs, das Krisenmanagement ist eines Topstaates unwürdig. In den Beziehungen zu Russland und China hat sich die Bundesrepublik in eine strategische Impasse hineinmanövriert. Praktisch alle Parteien der diesjährigen Bundestagswahl haben eine Spielart von Romantizismus in ihren Wahlprogrammen.

Vor allem aber ist die Bundesrepublik langweilig geworden. In den 1980er Jahren war sie cool und in den späten 1990er Jahren aufregend. Nun geht sie zu Ende. Und Deutschland beginnt.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»