Thomas Sevcik, zvg.

The End of…
USA

Die Vereinigten Staaten durchleben eine ihrer schwierigsten Phasen seit ihrer Gründung. Hunderttausende Amerikaner beginnen nun, sich nach Zweitpässen umzuschauen. In ­privaten Gesprächen wird immer wieder der gleiche Grund ­genannt: Falls der bestehende kalte Bürgerkrieg «heiss» werden oder eine autoritäre Regierung an die Macht kommen sollte, können diejenigen schneller gehen, die einen Zweitpass oder sonstiges Zweitlandarrangement haben. Das hätten Deutschland ab 1933 oder kürzlich Hongkong mit den «British National (Overseas)»-Pässen gezeigt.

Das sind ungewohnte Signale und Bilder vom Vorreiter und Hoffnungsland der Demokratie und der Sister Republic der Schweiz. Zwei unversöhnliche Lager sind in der Tat immer stärker auszumachen – gleich noch praktisch-amerikanisch in Farben unterteilt (Blau und Rot). Ihre fast komplett inexistente Kompromissbereitschaft ist beängstigend. Vordenker der ­«Neuen Rechten» entwerfen Ideen von rot-blau getrennten Bezirken; Westküsten­aktivisten skizzieren einen eigenen Pazifikstaat von Seattle bis San Diego. Angeheizt wird der Konflikt in getrennten Echokammern ­eigener Informations- und Diskussionswelten.

Es scheint, als dass sich die USA eben nicht vor Europa befinden, sondern sozusagen als Nachzügler nun in ihre Version der europäischen Dunkelzeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hineinkommen. Antiamerikanische Schadenfreude auf dem alten Kontinent ist hierbei total fehl am Platz. Angebracht ist höchste Besorgnis.

Auswege gibt es zwei. Beide wurden in den USA bis jetzt als sehr euro­päisch und damit unamerikanisch gesehen. Doch vielleicht sind sie nun ­nötig. Erstens könnten die zwei dominierenden Parteien bald zerfallen und einer Mehrparteienlandschaft Platz machen – mit einem entsprechenden Zwang zu Koalitionen: nicht ideal, aber Alltag in Europa. Zweitens brauchen die USA vielleicht eine neue Verfassung. Praktisch jedes andere westliche Land (sogar die Schweiz!) ist bei Verfassung Nummer zwei, drei, vier oder fünf angelangt. Nun sind die USA als Nachzügler dran. Das Management der ­Ursprungsverfassung mittels Zusätzen («Amendments») hat sich überholt. Eine neue Verfassung müsste drei Bereiche neu justieren: eine klarere Regelung des Verhältnisses zwischen Bundesstaaten und Bund, eine Anpassung der Senatsmacht (die ländlichen Staaten sind dort massiv überrepräsentiert) und eine klarere Definition der Rolle des Obersten Gerichtshofs (Supreme Court). Let’s go, USA!

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»