Thomas Sevcik, zvg.

The End of…
Antwerpen

Der De-facto-Stadtstaat Antwerpen war im 16. Jahrhundert ein Traum für jeden aufrechten Liberalen. Die Stadt war offen für Händler und Macher aus den unterschiedlichsten Kulturen und mutierte so zu einer heimlichen «englischen» sowie auch «italienischen» Stadt. Die ­Börse Antwerpens gilt als erste moderne Börse der Welt. Im obersten Stock war ein Kunsthandelsraum untergebracht: Hier konnte Kunst als Asset Class gehandelt werden. Gemälde von Albrecht ­Dürer waren dabei so etwas wie eine Aktie von Roche oder Apple: Mit seinen Bildern konnten ganze Schiffe versichert werden.

Die Medienindustrie, also der Buchdruck, war in Antwerpen weit fort­geschritten, und Frauen genossen für die damalige Zeit viele Rechte. So ­waren die Ehefrauen der Händler voll handlungsfähige ­Direktorinnen, wenn ihre Männer auf Geschäftsreisen waren – also praktisch immer. Die Gatten wurden dann bei Wiederankunft vor vollendete Tatsachen ­gestellt. Antwerpen war im 16. Jahrhundert also das, was man heute mit Hongkong (vor den jüngsten, unerfreulichen Ereignissen), New York oder eben Zürich umschreiben würde.

Ebenso interessant ist aber der Niedergang der Stadt. Hier spielten zwei Faktoren eine Rolle. Einerseits die ewig neidischen niederländischen Spanier der Gegenreformation, die den Erfolg und die ­damit verbundene Weltläufigkeit und Liberalität Antwerpens als «dekadent» empfanden und zusammen mit der umliegenden Landbevölkerung die Stadt kaputtmachten, weil sie das Urbane hassten. Zum anderen die eigene Bevölkerung, die irgendwann neidisch auf die erfolgreichen Ausländer wurde, während sie gleichzeitig immer mehr von den Renten dieses Erfolgs lebte und sich nicht mehr bewegte. Antwerpen im frühen 17. Jahrhundert war dann ­Berichten ­zufolge eine schöne, aber ideenlose, wirtschaftlich abgehängte Stadt ohne viel Leben auf den Strassen und sehr langweilig.

Die Ähnlichkeit mit einem von bestimmten Seiten aktuell inszenierten «Stadt-Land-Konflikt», in einem immer mehr von Renten ­seines wirtschaftlichen Erfolges lebenden Quasi-Stadtstaat, der ­tendenziell auch immer ­neidischer und genervter auf erfolgreiche Ausländer reagiert, ist wie immer rein zufällig.

«Facettenreiche Perspektiven
statt monotoner Haltungsjournalismus.»
Peter Hettich, Professor für öffentliches Wirtschaftsrecht,
über den «Schweizer Monat»