Thomas Sevcik, zvg.

THE END OF…

Realität.

 

Nun kommen die Simulationen – in den vielfältigsten Formen und Versionen. Wer sich dabei bloss virtuelle Computerwelten vorstellt, denkt zu wenig weit. Vor einigen Jahren wollte ein Autohersteller ein Werk in Südwestfrankreich schliessen, da auf dem Markt hohe Überkapazitäten herrschten. Der französische Staat untersagte die Schliessung. Danach produzierte das Werk einfach Autos für die Halde, zum Teil wurden sie praktisch kostenlos an irgendwelche Flottenbetreiber abgegeben. Genau genommen wurde mit 5000 Mitarbeitern Autoproduktion simuliert.

Da ist es dann nicht mehr weit zum Simulieren von Kapitalismus. Er wird seit Jahren via Nullzinsen und Ewigankäufe von Wertpapieren durch Notenbanken in einer Art Softvariante gespielt: Unternehmen können in diesem Spiel praktisch nicht mehr insolvent werden, sondern bleiben als «Zombiefirmen» erhalten. Irgendwie ist immer Geld da. Noch weiter geht die «Modern Monetary Theory»: Sie postuliert, dass wir alle gar nicht mehr pleite­gehen können, weil Geld unbegrenzt gedruckt werden kann. Let’s play ­capitalism.

Dazu passen dann die vielen simulierten Lebensläufe, simulierten Doktorarbeiten und der Trumpismus mit seinen «alternativen Fakten». Realität wird simuliert, indem wahre Zahlen und Ereignisse manipuliert werden, bis sie nichts mehr mit Tatsachen gemeinsam haben. Eskapismus, Realitätsverweigerung und Fakes sind mittlerweile ein Bestandteil der westlichen Kultur. Da können wir glücklich sein, dass ostasiatische Gesellschaften anscheinend nach wie vor mehr an Fakten glauben statt an bequeme Simulationen.

Doch nun werden noch handfestere Simulationen entwickelt. Metaverse heisst das Zauberwort von Mark Zuckerberg: eine Parallelwelt in perfekter Ausführung, realitätsnah und ebenbürtig mit unserer Welt. Das zumindest die Vision. Egal ob Metaverse fliegen wird oder nicht – es ist ein Symbol für den langsamen Sieg der Simulation über die Realität. Ist die Realität zu unangenehm, zu volatil, komplex, ­unübersichtlich und mehrdeutig geworden? Oder etwa zu langweilig?

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»