Tech-Nerds in Gummistiefeln

Big Data, Blockchain und die Biolandwirtschaft: Wie die digitale Revolution den Lebensmittelhandel umkrempelt.

Die Digitalisierung hält in der Lebensmittelwirtschaft ungebremst Einzug: Selbstfahrende Traktoren sind in landwirtschaftlichen Grossbetrieben Standard, dasselbe gilt schon bald für Düngestreuer mit Bodenkamera oder für Kühe mit Fitnesstracker, die beim Melkroboter einchecken: Sensoren überwachen Verarbeitungsprozesse, die sie dank Zugang zu Echtzeitdaten laufend optimieren, Big-Data-Analysen senken die Energie- und Materialkosten und verringern die Abfallmengen. Es scheint für die Ernährungsindustrie eine Zeit revolutionärer Neuerungen gekommen, wie sie den Finanzsektor in den 1980ern, die Kommunikation um 2000 herum und unser Sozialleben im letzten Jahrzehnt umgekrempelt haben. Bio und High-Tech sind kein Widerspruch mehr, sogar das Swiss Economic Forum beteiligt sich nun an Projekten zur Förderung der Kreislaufwirtschaft («Circular Economy») – der «Weltverbesserer» mit Birkenstock-Image wird vom Tech-Nerd in Gummistiefeln abgelöst.

Auch auf Konsumentenseite bedient sich der Öko-Afficionado heute digitaler Tools: von der App gegen Lebensmittelverschwendung bis zum Fischratgeber von Greenpeace, der ihm die ökologischen Konsequenzen seiner Bouillabaisse vorrechnet. Selbst beim durchschnittlichen Käufer hierzulande sind Preis, Geschmack und leichte Zugänglichkeit nicht mehr die einzigen Entscheidungskriterien. Stattdessen ist Transparenz bezüglich der Inhaltsstoffe und deren gesundheitlicher Auswirkungen gefragt.

Transparenz

Der Ruf nach Transparenz ist laut und allgegenwärtig, aber wie mit den immer grösseren Datenmengen umgehen, die in Produktion, Verarbeitung und Vertrieb anfallen? Über zehn führende Unternehmen, darunter Nestlé, McCormick, Tyson Foods und Unilever, arbeiten seit 2016 mit IBM zusammen an einer «Food Trust Blockchain», die die globale Verfolgung von Nahrungsmitteln in ihrer Lieferkette möglich machen soll. Hält der Anwender den QR-Code eines Produkts unter sein Smartphone, erhält er Zugriff auf dessen gesamte Geschichte von der Ackerparzelle bis ins Geschäftsregal. Das erleichtert Kaufentscheidungen bezüglich Herkunft, Verarbeitung und Nachhaltigkeit und verleiht Labels wie «Fair Trade» oder «Bio» Glaubwürdigkeit. Der entscheidende Vorteil: Die Blockchain kann nicht manipuliert werden, da Informationen und Transaktionen in einem Computernetzwerk rund um den Globus erfasst werden und jeder Infoblock mit dem vorherigen verknüpft wird.

Onlinehandel

Der Transport von Lebensmitteln ist nur für einen kleinen Anteil der weltweiten Emissionen verantwortlich, zumindest im Vergleich mit Waldrodungen, Methan von Wiederkäuern oder überdüngten Äckern. Es mangelt allerdings noch an Transparenz hinsichtlich der globalen Transportketten. Sobald etwa ein Lebensmittel in Europa verarbeitet wird, entfällt die Pflicht, dessen ursprüngliche Herkunft zu kennzeichnen. Tomaten angeblich italienischer Herkunft stammen daher oft aus China, das sich zum weltweit grössten Obst- und Gemüseproduzenten entwickelt hat. Mit etwas Salz und Wasser angemischt, werden die pomodori von Italien nach Europa, Afrika und in den Nahen Osten verschifft.

«Regionalität und Nachhaltigkeit sind starke Verkaufstreiber,

selbst Denner wirbt heute mit Slogans à la

‹So nachhaltig wie unsere Preise.›»

Schweizer sind dabei besonders «picky», was Qualität, Herkunft und Umweltverträglichkeit ihrer Mahlzeiten betrifft: Sie kaufen weltweit am meisten Biolebensmittel ein. 2018 war gemäss Dachverband Bio Suisse ein Plus von 13,3 Prozent zu verzeichnen; damit stieg der Biomarktanteil auf 10 Prozent. Lebensmittel werden bei uns weitestgehend noch in Geschäften eingekauft – erstaunlicherweise, denn seit Jahren schrumpft der klassische Einzelhandel schleichend, während der Onlinehandel jedes Jahr zweistellige Wachstumsraten vorzuweisen hat. In China und den USA sind Online-Lebensmittelkäufe bereits eine Selbstverständlichkeit, bei uns steht der Durchbruch noch bevor: Die Crédit Suisse prognostiziert im Online-Lebensmittelvertrieb einen Anstieg auf 3,6 Prozent bis 2022. Einige grosse Onlinedienste auf dem deutschen Markt (z.B. Froodies oder Supermarkt.de) sind schnell wieder verschwunden, Amazon Fresh, in vielen anderen Ländern bereits sehr erfolgreich, operiert seit 2017 in Deutschland – bei Fleisch, Obst und Gemüse sind stationäre Anbieter aber immer noch sehr viel erfolgreicher. Warum? Appetit ist ein kurzlebiges Bedürfnis, Käufer lassen sich gerne sinnlich vom Angebot inspirieren, und Lebensmittel auf Bestellung sind eben nicht sofort verfügbar. Das Einhalten von Kühlketten ist eine technische Herausforderung, daher existieren auch Mindestmengen und höhere Gebühren als für andere Produkte. Die Schweiz ist…

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
über den «Schweizer Monat»