Tausch oder Raub

Ich gewinne, du verlierst. Wer hat, der hat es anderen genommen. Klingt vertraut, oder? Es ist die Räuberlogik. Matt Ridley erklärt im Gespräch, wie die Welt wirklich funktioniert. Und warum wir immer reicher werden, auch wenn wir es nicht merken.

Tausch oder Raub

Herr Ridley, auf den Flohmarkt zu gehen und um vergilbte Bücher zu feilschen, ist für die meisten ein tolles Wochenenderlebnis. Dieselben Menschen fürchten sich am Montag vor dem global wirkenden Markt, der in den Medien als grosse anonyme Macht beschworen wird. Warum ist das so?

Der Mensch ist schizophren, das ist eine seiner Stärken. Wie sollte er sonst die Wirklichkeit ertragen? Nein, Sie haben natürlich recht: Märkte für kommerzielle Güter, für Hamburger und Frisuren, funktionieren wunderbar. Sie funktionieren nach dem Prinzip des Marktplatzes – es wird kommuniziert, getauscht, gelacht, alles auf der Basis der Freiwilligkeit. Nur, es gibt da eine verflixte Ausnahme…


Einen Markt, der nicht wie ein Markt funktioniert?

Genau, einen Pseudomarkt. Mein Kollege Vernon Smith, der ja auch für Sie schreibt, hat in Laborversuchen nachgewiesen, dass ein grosser Unterschied besteht zwischen einem Marktplatz, auf dem man Gemüse oder Antiquitäten kaufen kann, und den Vermögensmärkten. Auf diesen Vermögensmärkten werden Erwartungen gehandelt, nicht Waren. Blasen und Crashes sind deshalb unvermeidlich. Es gibt sie ständig, auch wenn sie nicht bewusst herbeigeführt werden. Auf echten Güter- und Dienstleistungsmärkten kommt es hingegen zu keinen Blasen.


Konkreter, bitte.

Wenn ich an der Strassenecke für einen Dollar einen Hamburger kaufe, dann machen sowohl ich als auch der Verkäufer ein gutes Geschäft. Vergleichen wir dies mit dem Immobilienmarkt, wie er heute funktioniert. Dieser sollte eigentlich ein Markt für Güter und Dienstleistungen sein, oder? Ist er aber längst nicht mehr. Es gilt hier nicht das einfache Prinzip: verkauf mir dein Haus, ich will darin leben. Es gilt vielmehr das Prinzip: verkauf mir dein Haus, denn es wird bestimmt wertvoller, und ich kann es dann gut weiterverkaufen. Und jener, der es kauft, will es ebenfalls bloss weiterverkaufen. So entstehen Blasen, wie wir alle spätestens seit 2008 wissen. Das Pro-blem dabei: wenn am Ende die Blase platzt, zahlen nicht nur jene den Preis, die fleissig Luft reingepumpt haben.


Auch auf Finanzmärkten findet im Prinzip einfacher Handel statt. Jemand bezahlt Geld für eine Aktie, ein anderer bekommt dieses Geld für die Aktie. Worin besteht der Unterschied zum Gemüsemarkt?

Gegenfrage: wer kauft heute noch Aktien, weil er an der Firma interessiert ist? Es geht vielmehr um ein Spiel – der Käufer setzt auf fallende oder steigende Kurse. Oft wird mit riesigen Hebeln spekuliert. Täglich wird auf Finanzmärkten mit Volumina gehandelt, die die menschliche Vorstellungskraft übersteigen und ein x-faches des Bruttoinlandsproduktes betragen.


Dennoch bleibt es ein Tausch: einer verkauft die Aktie, und ein anderer kauft sie.

Formal gesehen, ja. Der Unterschied liegt woanders: wenn ich an der Strassenecke für einen Dollar einen Hamburger kaufe, dann machen sowohl ich als auch der Verkäufer ein gutes Geschäft. Beide sind zufrieden. Auf Finanzmärkten verhält es sich nicht so – da gewinnt der eine, was der andere verliert. Es ist ein Nullsummenspiel.


Aber eines mit einer volkswirtschaftlich wichtigen Funktion: es geht um die effiziente Allokation von Kapital.

Länder ohne Börse können Kapital nicht so effizient verteilen wie solche, die den Kapitalhandel über eine Börse abwickeln. Und natürlich schläft das Geld nie, es arbeitet, es ermöglicht zum Beispiel weniger Vermögenden die Aufnahme von Krediten für kluge Investitionen. Dennoch haben wir in den letzten Jahren gesehen, dass Kapitalmärkte für realwirtschaftliche Rezessionen verantwortlich sein können. Die Vermögenswerte stiegen und stiegen – um dann zusammenzubrechen. Leute verloren Geld, sie verloren damit Kaufkraft, dadurch verlieren andere ihre Jobs und dadurch dann noch mehr Geld.


Die ökonomische Krux von modernen Finanzmärkten ist eben, dass Geld kein knappes Gut darstellt. Es lässt sich in unserem System beinahe beliebig vervielfältigen.

Ich stimme Ihnen zu. Schauen Sie sich an, was in der Eurozone derzeit passiert. Schauen Sie vor…

«Das intelligenteste
Magazin der Schweiz.»
Rolf Dobelli, Bestseller-Autor und Unternehmer,
über den «Schweizer Monat»