Tanzen in New York

Oder: Von der Freiheit

Tanzen in New York
In Washington tanzen sie den Jitterbug, 1943, photographiert von Esther Bubley / Library of Congress.

Vor ein paar Tagen hörte ich eine junge und offensichtlich sehr intelligente junge Frau bei einer akademischen Feier von «der Befreiung meiner Generation» reden – und wusste wirklich überhaupt nicht, was sie wohl im Sinn haben könnte. «Freiheit» klingt heute wie ein ziemlich altmodisches Wort. Ein Wort, das vor allem in Nationalhymnen auftaucht und dessen immer etwas zu schweres Pathos man über sich ergehen lässt, weil es für Staatsakte (noch) keine Alternative gibt. «Freiheit» ist kein Problem für die meisten Zeitgenossen, vor allem nicht in Europa und Amerika – und schon gar keine Mangelware. Ein glücklicher Zustand, der in einem langwierigen Prozess der Vergangenheit, in den sogenannten «bürgerlichen Revolutionen» vor allem, erobert wurde. Unter welchen Umständen sollte sich denn diese einmal gewonnene Freiheit auflösen (will man sich nicht in Vorstellungen und Dystopien von bösen Tyranneien verspinnen, die uns das Leben zur Qual machen wollen)? Worum geht es, wenn wir nach der Zukunft der Freiheit fragen?

 

Ein Horizont von Möglichkeiten

Wenn wir über Freiheit reden, meinen wir vor allem «individuelle Selbstverfügung» und setzen damit zunächst voraus, dass unser Verhalten nicht durch «Instinkte» an alternativlose Sequenzen gebunden ist (wie wir das für Tiere annehmen). Freiheit bedingt Wahlmöglichkeiten. Dass Freiheit überhaupt in Prozessen historischen Fortschritts erobert werden und wieder verlorengehen kann, die Geschichtlichkeit der Freiheit, hängt davon ab, dass sie an die Zukunft gebunden ist. Genauer: an eine Zukunft, die als Horizont von Möglichkeiten erscheint, die uns zur Auswahl stehen. Und eben diese Struktur der Zukunft kann sich im Lauf der Zeit verändern und so Verluste oder Gewinne an Freiheit auslösen.

Um solche Veränderungsprozesse zu verstehen, müssen wir uns klarmachen, dass Menschen mit mindestens drei Ebenen oder Dimensionen der Zukunft konfrontiert sind. Zukunft gibt es erstens im Rahmen einer Zeitlichkeit des je vorausgehenden und des je folgenden (und schon vorweggenommenen) Moments auf jener Ebene, die Edmund Husserl «Form des Bewusstseins» nannte. Diese elementare, kurze Zukunft, welche Husserl «Protention» nannte, stellt uns aber noch keine Freiheit in Aussicht, denn sie ist nichts als die Annahme einer Kontinuität dessen, was unmittelbar vorher geschah. Ohne sie gelänge es uns nicht, die Sprache der anderen zu verstehen, mit ihnen zu tanzen und unser eigenes Verhalten als kohärent zu erleben. Die sozusagen entgegengesetzte, äusserst breit ausgedehnte Zukunft ist zweitens die der unterschiedlichen «sozialen Konstruktionen von Zeitlichkeit». Zu diesen Konstruktionen gehört etwa der Glaube, dass die Menschen – als Kollektiv, Kultur, Gesellschaft oder Klasse – ihr Leben gestalten und dass wir als Individuen zu dieser Gestaltung beitragen. Er fundiert den anspruchsvollen (und übrigens auch marxistischen) Begriff der Geschichte. Ebenfalls eine soziale Konstruktion von Zeitlichkeit ist aber auch die christliche Überzeugung, dass die Zukunft besetzt sei von einer Rückkehr Gottes, deren Zeitpunkt wir nicht kennen und deren Geschehen wir weder verhindern noch wählen können. Zwischen der momentanen Zukunft der «Protention» und dieser gedehnten Zukunft der verschiedenen «sozialen Konstruktionen» liegt – drittens und schliesslich – die Zukunft unseres Alltags, die wir als die Freiheit und manchmal auch die Bürde der individuellen Wahl erleben.

 

Europa ohne Gott

Die grosse Zeit der «Freiheit» und ihres spezifischen Pathos, die Zeit der späten Aufklärung und der Romantik, etwa zwischen 1780 und 1830, war in Europa und Amerika eine Zeit, in der sich zum einen die Vorstellung von einer zu gestaltenden Zukunft an die Stelle der christlichen Zukunft des Jüngsten Tages schob, während zum anderen der Alltag immer deutlicher als «Feld von Kontingenz» erlebt wurde, als eine Welt der Handlungsalternativen. Die beiden neuen Zukünfte liessen jede Reduktion der individuellen Freiheit im Alltag (etwa durch Standesprivilegien) unerträglich wirken und machten die Visionen von Staats- und Gesellschaftsformen, welche Reduktionenen von Freiheit ausschlossen, zum zentralen Projekt…