Tango muss sein

Tango muss sein

Kultur ist unvermeidlich. Reicher oder ärmer, volksnah oder «abgehoben». Wenn Menschen zusammen kommen, entstehen verschiedene Kommunikationsformen, Umgangsweisen und Verhaltensmuster, welche einen Feedbackprozess in Gang setzen. Musik wird von diesem Phänomen besonders geprägt, weil sie eine der abstraktesten Kunstformen ist. Die Melodien, Harmonien und rhythmischen Formen klingen in den Menschen weiter, egal was sie tun, gleich wohin sie fahren.

Buenos Aires, Ende des 19. Jahrhunderts: Europäer aller Nationalitäten trafen auf die in Argentinien lebende «Creole»-Bevölkerung. Schon nach wenigen Jahren sind in der Umgangssprache eine Menge Neologismen zu finden, die aus den Einwanderersprachen stammen. Jemand sagte, dass die Argentinier jene Italiener sind, die spanisch sprechen, sich wie Engländer kleiden, deutsche Instrumente wie das Bandoneon spielen, schottische Rinder essen und tief in der Seele sehr gern Franzosen sein würden.

Der Tango entstand ähnlich. Harmonien wie bei einer italienischen Oper, Melodien von Portugal bis Russland, Rhythmen von Spanien mit einem kleinen, aber wichtigen «negro»-Einfluss, welcher der spanischen eckigen Leidenschaft der Habanera (remember Carmen) eine gewisse Härte nimmt und Erotik beifügt. Dieser Einfluss kommt im Tango nur unterschwellig zum Ausdruck. Nicht wie zum Beispiel in Cuba, wo der Swing der Schwarzen die spanische Habanera aufgelockert hat. Im Tango blieb bei Leidenschaft die Betonung auf Leiden. In der Oper Carmen, der Schilderung einer spanischen Liebe und Leidenschaft, ist der Tod unausweichlich. Im Tango dagegen bleibt der Mann, trotz erneutem Verrat durch die Frau oder das Schicksal, mit innerlichen Tränen zurück und tröstet sich am Klang eines Bandoneons.

Das Wort Tango stammt vielleicht aus dem lateinischen Wort «tangere», in Kontakt kommen, berühren, so wie die verschiedenen Kulturen es in Argentinien getan haben und immer noch weiter tun, so wie es auch die Frauen und Männer im Tanz, der aus dieser Musik entstanden ist, nicht anders tun. Eine Liebesgeschichte, die drei Minuten dauert. Die Einflüsse berühren sich, sind aber nicht total und definitiv ineinander verschmolzen, sie behalten teilweise ihre ursprüngliche Identität. Vielleicht findet deswegen diese Musik aus dem «Melting Pot» des Südens in Europa Resonanz, weil jeder zu eigenen Erfahrungen Brücken findet. Der Tango ist die einzige europäische Musik, die ausserhalb von Europa geboren wurde.

Schon zu Beginn wurde dem Tango ein kurzes Leben prognostiziert, 1913 hat der Papst ihn als unmoralischen Tanz verurteilt. Aber der Tango lebte weiter und wurde salonfähig; er hat die Zeiten nicht ignoriert und immer widerspiegelt. Fast jedes Jahrzehnt erneuerte sich der Tango: Die Instrumentalbesetzung bestand anfangs aus Gitarre, Flöte oder Stimme, Ende des 19. Jh. kam das Bandoneon dazu, der Contrabass und die Geige, in den 20er Jahren wurde das Klavier zum festen Mitglied; in der 30ern war ein kleines Orchester zusammen, in den 40ern ein grosses, bald stiessen auch elektronische Instrumente hinzu, heutzutage finden wir alle möglichen Instrumente. Und all die Komponisten und Interpreten! In den Anfängen Matos Rodriguez, Aieta, dann, in den 20er Jahren, die Brüder Julio und Francisco Decaro sowie der unvergessliche Carlos Gardel, in den 30ern Canaro, in den 40ern Pugliese, in den 50ern Troilo und Piazzolla, später Salgan, Mederos und Binelli …

Kultur ist unvermeidlich – der Tango auch.

Sabin Hansen sei gedankt, sie half mir, den Text in Deutsch zu schreiben.

Francisco Obieta, geboren in Buenos Aires, ist Professor am Landeskonservatorium für Vorarlberg in Feldkirch, und Solobassist im Sinfonieorchester St. Gallen.

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Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»