Tätowieren ist für Verlierer

Die Eindrücke, die ich diesen Sommer am Strand von Mallorca sammeln konnte, lassen sich sehr schön mit dem Titel eines alten Albums der Rolling Stones resümieren: «Tattoo You». Man sieht kaum mehr jemanden, der nicht tätowiert wäre. Ähnlich wie beim Piercing und der grossartigen Idee, sich die Haare blau färben zu lassen, handelt es sich […]

Die Eindrücke, die ich diesen Sommer am Strand von Mallorca sammeln konnte, lassen sich sehr schön mit dem Titel eines alten Albums der Rolling Stones resümieren: «Tattoo You». Man sieht kaum mehr jemanden, der nicht tätowiert wäre. Ähnlich wie beim Piercing und der grossartigen Idee, sich die Haare blau färben zu lassen, handelt es sich beim Kult der Tattoos um eine unfreiwillige Parodie auf Self-Design. Selbstdarstellung ist in der modernen Gesellschaft entscheidend wichtig, aber es kommt auf das Wie an.

Schuld an dem schrecklichen Bild, das sich ja nicht nur am Platja de Palma bietet, ist das grosse Missverständnis «Individualität». Alle wollen Individuen sein, aber da sie keine objektiven Kriterien für Individualität mehr kennen, praktizieren sie Selbstdarstellung nach dem Kriterium der Eigenrichtigkeit. Das führt zu Hause dazu, dass Frauen glauben, in Männerkleidern gut auszusehen. Das führt im Urlaub dazu, dass brave Mädchen böse sein wollen – so kann man es jedenfalls auf T-Shirts lesen. Und alle nehmen alles hin.

Das ästhetische Missverständnis rührt daher, dass es tatsächlich schöne Menschen gibt, die ein Tattoo nicht entstellt. Marlene Dietrich hat in Männerkleidern toll ausgesehen, und Angelina Jolie fasziniert auch in einem Sackkostüm. Aber eben nur Schönheit hat die Erlaubnis zum Hässlichen. Für alle anderen gilt der Satz von Adolf Loos: «Ornament ist Verbrechen.» Der Architekt zielte damit auf Baukünstlerisches, aber er hat die harte These an der Tätowierung exemplifiziert. Tattoos stammen nämlich aus der Welt der Wilden und Kriminellen. Doch heute sind sie leider kein blosses Unterschichtenphänomen mehr. So hat die deutsche Boulevardpresse unlängst das Tattoo der Bundespräsidentengattin als besonders sexy gefeiert.

Wer tätowiert ist, dem ist die Selbstdarstellung missglückt. Er trägt ein Brandzeichen, weil es ihm nicht gelungen ist, sich selbst zur Marke zu machen. «Brand you» ist für die Sieger, «tattoo you» ist für die Loser. Die Verlierer sind natürlich in der Mehrheit und prägen unsere Gegenwart, die der amerikanische Rechtswissenschafter Tim Wu «exposure culture» genannt hat. Was die Tätowierten mit der Facebook-Generation verbindet, ist der fröhliche Exhibitionismus. Die peinlichen Emoticons in Mails gehören genauso dazu wie die Blogs und die Tätowierungen der Umwelt, die man Graffiti nennt.

Auf dem Rückflug: Schräg vor mir sitzt ein junger Mann, der die Stewardess mit seiner Weigerung nervt, das Handy auszuschalten. Dann bestellt er «O-Saft». Auch dieser junge Mann ist eine genauere Betrachtung wert. Offenbar will er seiner Umwelt imponieren, indem er signalisiert, dass er auch nicht eine Stunde von der Weltkommunikation abgeschnitten werden darf. Aber dann kommt auch schon der Infantilismus «O-Saft», der sofort deutlich macht, dass man diesen Menschen nicht ernst nehmen kann – weder beruflich noch privat. Damit sind wir im Bereich der verbalen Tattoos. Dazu gehört der Jargon der politischen Korrektheit, aber auch der Managerjargon des Teamgeists. Ständig muss man von den Jungdynamikern hören, dass sie sich «committen» und «networken». Und eine beliebte Abschiedsformel lautet: «Wir müssen uns vernetzen». Beim Abendessen liegt dann das Smartphone auf dem Tisch. Dass Telephonieren so billig geworden ist, ist eine Kulturkatastrophe.

Kann man sich heute noch unmöglich machen? An dieser Frage hängt die Zukunft der Bürgerlichkeit. Denn Bürgerlichkeit ist die Verteidigung der Normalität. Angesichts einer ästhetisch entgleisten Öffentlichkeit ist das eine heroische Aufgabe. Nur disziplinierte Berufsarbeit und philosophische Dauerreflexion bieten heute noch ein Gegengewicht zur exposure culture. Der Bürger führt, um die wunderbar genauen Worte Max Webers zu zitieren, ein «waches bewusstes helles Leben». Das kann man sich nicht tätowieren lassen.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»