Tänzchen am Abgrund

Der Euro zeigt es: zu viel Einheit verdirbt den Brei. Der europäische Freundschaftsverbund hält dann am besten, wenn man ihn lose lässt – forciert man die Nähe, schwindet der Friede. Wer ist schuld an der Misere? Die Frivolität einer Generation, die keine Ernstfälle mehr kennt.

Clemens Puppe: Folgende Frage treibt mich um: In Deutschland verhält sich Bremen – das Bundesland mit der republikweit höchsten Pro-Kopf-Verschuldung – wie Griechenland in Europa. Trotz dieser ähnlichen Konstellation befürchtet aber niemand das Auseinanderbrechen Deutschlands: Während «Griechenland» den Zusammenhalt Europas gefährdet, hat «Bremen» keine Auswirkung auf das deutsche Gefüge. Weshalb? Warum funktioniert der Länderfinanzausgleich innerhalb Deutschlands, nicht aber in Europa? Fehlen in diesem grossen, abstrakten Rahmen anders als in der überschaubaren Heimat vielleicht Verbundenheit und Vertrauen, also mithin der Glaube daran, dass «die Griechen» ihre Schulden zurückbezahlen werden?

Peter Sloterdijk: Hinsichtlich der Rückzahlungsversprechen sind wir in den letzten Jahren alle genötigt worden, mit einer Differenz zu arbeiten, die in der klassischen Moralphilosophie und in der Juristerei eigentlich nicht vorgesehen war, nämlich mit der Unterscheidung zwischen bonafiden und malafiden Krediten. Das heisst zwischen solchen Krediten, die in authentischer Rückzahlungsabsicht aufgenommen worden sind, und anderen, bei denen eine solche Absicht nicht erkennbar ist und die dennoch aufgrund der bestehenden Umstände gewährt werden. Das ist eine neuartige Situation, die mit einer moralischen Drift zu tun hat, die ich als eine progressive Frivolisierung beschreiben würde. Die hat nichts spezifisch Griechisches: Die malafiden Kredite wurden den Griechen von den kreditverleihenden Institutionen – grosse deutsche waren dabei, aber französische Banken haben sich auf dem Feld besonders hervorgetan – ja gewährt, obwohl die schon hätten wissen können und müssen, dass solche Kredite unter seriösen Prämissen nicht hätten gewährt werden dürfen. Zu dem Zeitpunkt, an dem der malafide Charakter auch auf der Gläubigerseite sich manifestiert, werden die Verantwortlichen aber alle pensioniert sein. Kurz, moralische Aushöhlung und Untergrabung von Vertrauen sind auf allen Seiten zu beobachten.

Kai Konrad: Die Unterschiede zwischen den Staaten in der EU sind viel grösser als die Unterschiede zwischen Bundesländern. Innerhalb der deutschen Ländergemeinschaft gibt es auch Einkommensunterschiede. Die sind aber verhältnismässig gering. Die Einkommensunterschiede innerhalb Europas sind eine ganze Dimension grösser. Wir haben ausgerechnet, wie viele Transfers erforderlich wären, um den deutschen Finanzausgleich auf europäischer Ebene nachzubilden. Selbst wenn man nur halb so viel ausgleicht wie innerhalb Deutschlands, müsste man jährlich ungefähr 450 Milliarden Euro an Nettotransfers leisten. Das ist schätzungsweise etwa zwanzigmal so viel wie die Nettotransfers, die derzeit in der EU fliessen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein solches Umverteilungsprogramm politische Akzeptanz in Europa findet.

Sloterdijk: Ich glaube, dass die Gründerväter der Europäischen Union das Dimensionsproblem, das Grössenproblem, ganz allgemein unterschätzt haben. Politische Gebilde dieser Grössenordnung sind in der Tradition nicht nachzuweisen, und selbst die grössten früheren Strukturen waren, was die Populationen angeht, an heutigen Verhältnissen gemessen Kleinstaaten. Zum Zeitpunkt seiner grössten Ausdehnung wird das Römische Reich auf ungefähr 35 Millionen Menschen geschätzt. Das ist etwas mehr als die Hälfte der Einwohnerzahl des heutigen Italien. Inte­gration war auch damals schon nur mit diktatorischen Mitteln zu vollziehen, und die Umstellung von politischen Grosskörpern auf demokratische Strukturen gehört zum Kompliziertesten, sozialtheologisch Anspruchsvollsten, was Menschen sich überhaupt vornehmen können. Der moderne Nationalstaat war ja eigentlich die politisch-alchemistische Institution, die die Modernen im Gefolge der Französischen Revolution ersonnen haben, um Menschen so zu erziehen, dass sie in der Grössenordnung einer Nation miteinander koexistieren können. Was auch schon eine sozialpsychologische Unwahrscheinlichkeit ohne Rang ist: Wie redet man 80 Millionen Deutschen ein, miteinander verwandt zu sein? Wie flösst man ihnen Solidaritätsgefühle ein? Es ist offenbar gelungen. In einem sehr, sehr schwierigen, blutigen Erziehungsprozess ist so etwas wie Nationalsolidarität in einem gewissen Ausmass bei uns entstanden. In Frankreich in einer ganz eigenen nationalen Färbung auch. Bei den Briten gibt es ähnliche Dinge, obwohl dort die Separatisten beweisen, dass soziale Synthesis der Herzen in keiner Weise als eine automatische Leistung bei den einzelnen Menschen unterstellt werden…

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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