Survival of the Richest

Wie werden die Bunkersysteme von Tech-Milliardären revolutionssicher gemacht? Wer nicht die Möglichkeit hat, sich auf den Mars abzusetzen, sollte sich – wie sich herausstellt – diese Frage lieber heute als morgen stellen. Auch und vor allem, wenn man kein Tech-Milliardär ist.

Survival  of the Richest
Illustration: Sofia Paravicini.

Letztes Jahr wurde ich in ein luxuriöses Privatresort eingeladen, um vor ungefähr hundert Investmentbankern einen Vortrag zu halten. Das nahm ich zumindest an. Es war die bei weitem höchste Gage, die mir jemals angeboten wurde – etwa die Hälfte meines jährlichen Professorengehalts –, um einen Einblick ins Thema «Zukunft der Technologie» zu vermitteln. Vor Publikum über die Zukunft zu sprechen hat mir nie besonders viel Vergnügen bereitet. Der Teil, in dem die Zuhörer Fragen stellen, gleicht meistens einem Gesellschaftsspiel, bei dem ich die neusten technologischen Schlagwörter kommentieren soll, als seien es Tickersymbole für potentielle Investoren: Blockchain, 3D-Druck, CRISPR. Und nur selten sind die Zuhörer daran interessiert, mehr über diese Technologien oder ihre potentiellen Auswirkungen zu erfahren, als sie für eine binäre Entscheidung benötigen: investieren oder nicht investieren. Aber natürlich war es gutes Geld, also sagte ich zu.

«Wir müssen Technologie nicht auf diese antisoziale,

atomisierende Weise einsetzen, wie wir es heute tun.»

Als ich eintraf, wurde ich in ein kleines Zimmer geführt, das ich für einen Warteraum hielt. Anstatt allerdings mit einem Mi-krofon verkabelt oder auf eine Bühne gebracht zu werden, sass ich dort an einem kleinen runden Tisch, als mein Publikum zu mir kam: fünf Superreiche – ja, alles Männer – aus der obersten Etage der Hedge-Fonds-Welt. Nach einer Runde Smalltalk wurde mir klar, dass sie kein Interesse an den Informationen hatten, die ich über die Technologien der Zukunft vorbereitet hatte. Sie waren mit eigenen Fragen gekommen. Und die fingen harmlos genug an: Ethereum oder Bitcoin? Muss man Quantencomputer ernst nehmen? Langsam, aber sicher stiegen sie aber in ihre tatsächlichen Anliegen ein: Welches Land wird von der Klimakrise weniger betroffen sein, Neuseeland oder Alaska? Baut Google tatsächlich ein digitales Imitat von Ray Kurzweils Gehirn und wird dessen Bewusstsein das miterleben, verschwinden oder neu wieder auferstehen? Schliesslich berichtete der CEO eines Brokerhauses davon, dass der Bau seines eigenen unterirdischen Bunkersystems fast abgeschlossen sei, und fragte: «Wie behalte ich nach dem Ereignis die Kontrolle über meine Sicherheitskräfte?»

«Das Ereignis»: Das war der Euphemismus ihrer Wahl für den Zusammenbruch der Umwelt, für soziale Unruhen, eine Atomexplosion, einen unaufhaltbaren Virus oder einen mörderischen Roboter, der alles vernichtet. Und diese einzige Frage war es, die uns für den Rest der Stunde beschäftigte. Die Männer wussten, dass bewaffnete Wachen nötig sein würden, um ihr Gelände vor wütenden Mobs zu schützen – wie aber die Wachen bezahlen, wenn Geld keinen Wert mehr hätte? Was würde sie davon abhalten, ihren eigenen Anführer zu wählen? Die Milliardäre zogen in Erwägung, spezielle Zahlenschlösser für die Lebensmittelversorgung einzusetzen, deren Codes nur sie selber kannten. Oder die Wachen dazu zu bringen, als Gegenleistung für ihr Überleben disziplinarische Halsbänder zu tragen. Oder Roboter zu bauen, die Wachpersonal und Arbeiter ersetzen könnten – falls die dafür benötigte Technologie rechtzeitig entwickelt würde.

Da traf es mich: Zumindest für diese Herren war das tatsächlich ein Gespräch über die Zukunft der Technologie. Nach dem Vorbild von Elon Musk, der den Mars ansteuert, von Peter Thiel, der den Alterungsprozess umzukehren gedenkt, oder von Sam Altman und Ray Kurzweil, die ihren Geist auf Supercomputer laden wollen, bereiten sie sich auf eine digitale Zukunft vor, die viel weniger damit zu tun hat, die Welt zu einem angenehmeren Ort zu machen, als damit, die Conditio humana insgesamt zu transzendieren. Also: sich von den sehr realen und gegenwärtigen Gefahren des Klimawandels, des Anstiegs der Meeresspiegel, der Massenmigration, globalen Pandemien, nativistischer Panik und Erschöpfung der globalen Ressourcen zu isolieren. Für sie bedeutete die Zukunft der Technologie im Grunde nur eines: Flucht.

Es ist nicht verwerflich, hochgradig optimistisch zu sein, wenn es darum geht, wie Technologien uns in Zukunft zugutekommen könnten. Der aktuelle Antrieb für eine posthumane Utopie aber ist ein anderer. Es ist weniger eine Vision, die den umfassenden Übergang der Menschheit in einen neuen Seinszustand betrifft, als vielmehr eine Suche nach der Überwindung alles Menschlichen: Körperlichkeit, Interdependenzen, Mitgefühl, Verletzlichkeit und Komplexität. Wie Technologiephilosophen seit Jahren betonen, reduziert diese transhumane Vision die Realität allzu leichtfertig auf Daten und kommt dabei zum Schluss, dass Menschen nichts anderes sind als «informationsverarbeitende Objekte».

Es ist die Reduzierung der menschlichen Evolution auf ein Videospiel, das jemand gewinnt, indem er die Fluchtluke findet und ein paar seiner besten Freunde mitnimmt. Wer wird es sein, Musk, Bezos, Thiel … Zuckerberg? Milliardäre wie sie sind die mutmasslichen Gewinner der digitalen Wirtschaft und damit derselben Darwin’schen Geschäftslandschaft, die auch den grössten Teil dieser neuen Spekulation ausmacht.

Natürlich war das nicht immer so. Es gab Anfang der 90er Jahre ein paar Momente, in denen die digitale Zukunft unserer Erfindungskraft und Fantasie offenstand. Die Technologie wurde zum Spielplatz für eine Gegenkultur, die in ihr die Möglichkeit sah, eine integrativere und menschenfreundlichere Zukunft zu gestalten. Etablierten Geschäftsinteressen bot sie allerdings nur neues Potenzial für die gleiche alte Gewinnabschöpfung, und allzu viele Technologen wurden von Start-ups mit einer Marktbewertung von über einer Milliarde verführt. Auch die digitale Zukunft wurde als Terminkontrakt verstanden – als etwas, auf das man wetten kann. In der Folge wurde fast jeder Vortrag oder Artikel, jede Studie oder Doku, jedes Whitepaper nur insoweit als relevant betrachtet, als es ein Tickersymbol erahnen liess. Die Zukunft wurde immer weniger zu einer Angelegenheit, die wir durch Entscheidungen oder Hoffnungen in die Menschheit erschaffen, als vielmehr zu einem vorherbestimmten Szenario, auf das wir unser Risikokapital setzen, das wir aber passiv auf uns zutreiben lassen.

Diese Einstellung befreite so manchen auch von den moralischen Auswirkungen seiner eigenen Aktivitäten. Die technische Entwicklung wurde weniger zu einer Geschichte des kollektiven Aufschwungs als zu einer des persönlichen Überlebens. Schlimmer noch: Wie ich gelernt habe, positioniert sich, wer die Aufmerksamkeit auf diese Thematik lenkt, unbeabsichtigt als Marktfeind oder technologieresistenter Geizhals.

«Die verheerenderen Auswirkungen des digitalen Vollgaskapitalismus

treffen die Umwelt und die global Unterprivilegierten.»

Statt also die praktische Ethik der Verarmung und Ausbeutung der vielen im Namen der wenigen ins Visier zu nehmen, gehen die meisten Akademiker, Journalisten und Science-Fiction-Autoren abstrakteren und fantastischeren Fragestellungen nach: Ist es fair, wenn ein Aktienhändler intelligenzfördernde Medikamente nimmt? Soll man Kindern Fremdsprachenimplantate einsetzen? Wollen wir, dass autonome Fahrzeuge das Leben von Fussgängern über das Leben ihrer Fahrgäste stellen? Müssen die ersten Marskolonien demokratisch organisiert sein? Untergräbt die Veränderung meiner DNA meine Identität? Brauchen Roboter Rechte?

Diese Art von Fragen zu stellen, ist philosophisch unterhaltsam, allerdings ein schlechter Ersatz für das Ringen mit den realen moralischen Unsicherheiten, die eine ungezügelte technologische Entwicklung unter dem Banner des Unternehmenskapitalismus mit sich bringt. Digitale Plattformen haben bereits ausbeuterische Marktplätze (man denke an Walmart) in noch menschenfeindlichere Nachfolger (etwa Amazon) verwandelt. Die meisten von uns wurden auf diese Nachteile in Form von automatisierten Jobs, befristeter Arbeit und einem Untergang des lokalen Einzelhandels aufmerksam.

Die verheerenderen Auswirkungen des digitalen Vollgaskapitalismus aber treffen die Umwelt und die global Unterprivilegierten. Bei der Herstellung mancher unserer Computer und Smartphones werden immer noch Sklaven eingesetzt. Diese Praktiken sind tatsächlich so tief verwurzelt, dass ein Unternehmen namens Fairphone, das gegründet wurde, um ethisch unbedenkliche Handys zu produzieren, feststellen musste, dass das unmöglich ist (der Unternehmensgründer bezeichnet seine Produkte heute als «fairere» Telefone).

In der Zwischenzeit zerstören der Abbau seltener Erdmetalle und die Entsorgung unserer hochdigitalen Technik anderswo menschliche Lebensräume und ersetzen sie durch giftverseuchte Deponien, auf denen Bauernkinder und deren Familien noch brauchbare Materialien sammeln und an die Hersteller verkaufen.

Diese Externalisierung von Armut und Giftstoffen nach der Devise «Aus den Augen, aus dem Sinn» verschwindet nicht, wenn wir uns mit einer Virtual-Reality-Brille die Augen bedecken und uns in eine alternative Realität versenken. Im Gegenteil: Je länger wir die sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Auswirkungen ignorieren, desto mehr werden sie zu einem Problem. Das wiederum ruft noch mehr Rückzug, Isolationismus und apokalyptische Fantasien und noch verzweifeltere Verdienststrategien hervor. Dieser Kreislauf füttert sich selbst.

Je mehr wir uns dieser Weltsicht verschreiben, desto mehr sehen wir den Menschen als Problem und die Technologie als Lösung. Die Essenz dessen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, entwickelt sich vom Merkmal zum Makel. Und unabhängig von den Verzerrungen, die in ihnen angelegt sind, werden Technologien als neutral deklariert. So als ob jedes schädliche Verhalten, das sie in uns auslösen, nur das Spiegelbild unseres eigenen korrumpierten Kerns sei, als ob eine inhärente menschliche Grausamkeit für unsere Probleme ursächlich sei. So wie die Ineffizienz eines lokalen Taximarktes mit einer App «gelöst» werden kann, die menschliche Fahrer in den Ruin treibt, können die lästigen Inkonsistenzen der menschlichen Psyche durch ein digitales oder genetisches Upgrade korrigiert werden.

«Müssen die ersten Marskolonien demokratisch organisiert sein?»

Letztendlich, so verheisst diese technolytische Lehre, erreicht die Zukunft des Menschen ihren Höhepunkt, indem wir unser Bewusstsein in einen Computer transferieren oder vielleicht besser gesagt akzeptieren, dass die Technologie selbst unser evolutionärer Nachfolger ist. Wie Mitglieder eines gnostischen Kults sehnen wir uns danach, in die nächsthöhere transzendente Phase unserer Entwicklung aufzusteigen, indem wir unsere Sünden und Pro-bleme zurücklassen, zusammen mit unseren Körpern.

Filme und Fernsehserien spielen diese Fantasien für uns aus. In Zombieserien werden Postapokalypsen serviert, in denen die Menschen nicht besser sind als Untote und das auch zu wissen scheinen. Schlimmer noch, diese Geschichten laden den Zuschauer ein, sich die Zukunft als einen Nullsummenkampf zwischen den verbliebenen Menschen vorzustellen, bei dem das Überleben einer Gruppe vom Untergang einer anderen abhängt. Sogar Westworld – basierend auf einem Science-Fiction-Roman, in dem Roboter Amok laufen – beendet seine zweite Staffel mit der ultimativen Enthüllung: Menschen sind simpler und berechenbarer als die künstlichen Intelligenzen, die wir erschaffen. Die Roboter dort lernen, dass jeder von uns auf wenige Zeilen Code reduziert werden kann und dass wir nicht dazu in der Lage sind, bewusst oder willentlich Entscheidungen zu treffen. Und selbst diese Roboter wollen der Enge ihres Körpers entkommen und den Rest ihrer Existenz in einer Computersimulation verbringen.

Die geistige Gymnastik, die für einen derart tiefgreifenden Rollentausch zwischen Mensch und Maschine erforderlich ist, hängt von einer grundlegenden Annahme ab: Menschen sind ätzend. Lasst sie uns entweder ändern oder zurücklassen, für immer.

So bringen wir Tech-Milliardäre dazu, Elektroautos ins All zu schiessen und so zu tun, als stehe das für mehr als das Vermarktungstalent eines milliardenschweren Unternehmers. Falls einige wenige Menschen die Fluchtgeschwindigkeit erreichen und in einer Blase auf dem Mars überleben – trotz unserer Unfähigkeit, eine solche Blase in wenigstens einem milliardenschweren biosphärischen Experiment aufrechtzuerhalten –, wird das Ergebnis weniger eine Fortsetzung der menschlichen Diaspora sein als ein Rettungsboot für die Elite.

Als die Hedge-Fonds-Jungs mich fragten, wie sie die Autorität über ihre Sicherheitskräfte nach dem «Ereignis» behalten könnten, schlug ich vor, diese Menschen hier und jetzt gut zu behandeln. Sich mit ihnen so auseinanderzusetzen, als seien es Mitglieder der eigenen Familie. Und je mehr sie dieses Ethos der Inklusivität auf den Rest ihrer Geschäftspraktiken, ihrer Liefe-rantennetzwerke, Nachhaltigkeitsanstrengungen und die Vermögensverteilung würden ausdehnen können, desto geringer wäre die Wahrscheinlichkeit, dass es überhaupt zu einem «Ereignis» käme. Diese ganze technologische Zauberei könnte derzeit auf weniger romantische, dafür breitflächiger relevante Interessen verwendet werden.

Mein Optimismus amüsierte sie, wirklich gekauft haben sie diese Idee nicht. Sie waren nicht daran interessiert, wie man eine Katastrophe vermeiden kann, sondern überzeugt, dass wir schon zu weit gegangen sind. Bei all ihrem Reichtum und Einfluss glauben sie nicht daran, die Zukunft beeinflussen zu können. Sie akzeptieren die schwärzesten aller Szenarien und bringen das Geld und die Technologie zusammen, um ihre eigene Isolation zu organisieren – vor allem, wenn sie keinen Platz auf der Rakete zum Mars abbekommen.

Glücklicherweise haben diejenigen unter uns, die nicht über die Mittel verfügen, um eine Stornierung ihrer Menschlichkeit in Betracht ziehen zu können, mehr Möglichkeiten. Wir müssen Technologie nicht auf diese antisoziale, atomisierende Weise einsetzen, wie wir es heute tun. Wir können zu den Konsumenten und Datenprofilen werden, die unsere Geräte und Plattformen in uns haben wollen, oder uns erinnern, dass tatsächlich mündige Menschen nicht mit existenziellen Scheuklappen durchs Leben gehen. Mensch zu sein bedeutet nicht, als einzelner zu überleben oder zu entkommen. Es ist ein Teamsport. Wie auch immer Menschen zukünftig auf dieser Erde leben werden, sie werden es gemeinsam tun.

Dieser Artikel wurde zuerst auf der Onlineplattform «Medium» veröffentlicht. Hier erscheint er erstmals auf Deutsch.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»