Süditalien retour

Der Zug war eine gute Wahl, auch wenn die Reise in den Süden Italiens Stunden dauert. Mit dem Auto wäre es zu weit gewesen. Nach der Mitteilung, dass ihr Vater im Sterben liege, hat Dora schnell ein paar Dinge eingepackt und sich auf den Weg gemacht. Im Speisewagen setzt ein netter Mann sich ihr gegenüber und zieht sie in ein Gespräch. Wegen Francesco trifft Dora schliess-lich verspätet zu Hause ein. Der Vater ist begraben, der Bruder wieder verschwunden, der Hausstand beinahe schon aufgelöst.

Es geschieht nicht viel in Sylvie Neeman Romascanos Roman «Nichts ist geschehen» – und wenn was geschieht: ist es das tatsächlich? Zum Beispiel die Geschichte, die Francesco erzählt. Er habe einen Brief bei sich, den ihm ein Fremder in Mailand überreicht hätte, damit er ihn in den Briefkasten werfe. Weil er die Adressatin flüchtig kenne, bringe er diesen Brief, einen Abschiedsbrief, nun persönlich vorbei. Doch tut er dies wirklich?

Während ihrer Zugfahrt taucht die Erzählerin in einen taumelnden Gedankenstrom, in dem sie sich selbst sehr genau beobachtet. «Während man die Kaffeetasse anstarrt, merkt man, wie sehr der Löffel fehlt, man könnte auch sagen, dass man ihn vermisst…» – wie einen «Rettungsring», an dem man sich festhalten könnte. Das distanzierende «man» kennzeichnet ihr Selbstgespräch. Es ist der Versuch, «sich selbst zu entfliehen» – ein vergeblicher Versuch. Erst die Begegnung mit Francesco öffnet flüchtig ein Fenster zum erzählenden «Ich».

Dieser diskrete Dreh verleiht der Prosa ihren unverkennbaren Reiz. Der luftige Wechsel zwischen «man», «sie» und «ich» grundiert die Suche der Erzählerin nach etwas, das «normal» und doch anders wäre, «was vom Gewöhnlichen abweicht, alles, was den Lauf der Ereignisse behindert». Erinnerungen an die Kindheit und den verstorbenen Vater tauchen nur flüchtig auf, die Gegenwart beschäftigt Dora zu sehr.

Die von leichter Melancholie angewehte, bewegliche, genaue und immer auch spielerische Sprache erhält im zweiten Teil mehr Gravität. Auf der Rückfahrt versucht die Erzählerin einzuordnen, was geschehen ist, hätte geschehen sein können, gar nie geschah. In gewundenen Sätzen legt sich die Sprache schwer auf Doras Gedanken, bis ihr mit einem mal bewusst wird, «was in meinem Leben wirklich nötig wäre»: ein Kind, oder jemand, der einen am Bahnsteig erwartet.

Diese Entschiedenheit wird gegen Schluss nochmals aufgelöst, in einer Wiederholung der mysteriösen Briefgeschichte. In Mailand beobachtet Dora, wie Francesco einem Fremden einen Brief zusteckt… Einen Liebesbrief an sie?

Sylvie Neeman Romascano: «Nichts ist geschehen». Zürich: Rotpunkt, 2010

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