Studieren in der Fremde

Die Jungen zieht es oft in die weite Welt. Dabei hätten sie schon vor der eigenen Tür ein eigenes Universum.
Vier Studenten berichten.

Einführung

In der Schweiz bilden sich immer mehr Gruppen zur Verteidigung der Mundarten oder Landessprachen. Dass man angesichts von vier anerkannten Sprachen von vier Landesteilen spricht, ist aber eine unzulässige Vereinfachung. Die willkürlich abgegrenzten Kulturräume sind heterogen und überschneiden sich. Unser Land fällt genau deshalb nicht auseinander, weil alle Sprachgebiete geteilt sind, durch geographische, konfessionelle, gesellschaftliche, wirtschaftliche Grenzen. Diese Grenzen wandern. Kantone sind entstanden, haben sich gespalten oder vergrössert. Eine Bedrohung für die Kohäsion der Schweiz entsteht bloss dann, wenn man scheinbar Gleiches zu Gleichem in einheitlichen Räumen zusammenfasst. Anerkennen wir, dass wir parallel in verschiedenen Systemen leben, nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich, kulturell, sprachlich!

In den Medien wird allein aufgrund der Sprache zwischen «uns» und «anderen» abgegrenzt. Dabei ist Sprache nur ein Aspekt von Kultur. Sprachen entwickeln sich nach ähnlichen Gesetzen und bleiben trotzdem uneinheitlich. Wenn die Verfassung nun vier Landessprachen berücksichtigt, dann ist das ein abstrakter Sollzustand: ein Grossteil der Romandie pflegte, stellenweise bis ins 20. Jahrhundert hinein, die Muttersprache Frankoprovenzalisch, die fast restlos durch das Französische verdrängt wurde. Das Rätoromanische konnte neben dem Deutschen bestehen und wurde, in einem Abwehrreflex gegen Mussolinis Ansprüche, 1938 offiziell als Landessprache anerkannt. Historisch und aktuell ist in der Schweiz eine Kluft zwischen Mundarten und Standardsprachen (Diglossie) der Normalfall.

Dialekte gibt es demnach nicht nur in der Deutschschweiz. Die Tessiner und Südbündner teilen die Kultur Italiens, pflegen aber noch heute lombardische Dialekte. Die Deutschschweizer nehmen an einem Sprachraum teil, der nicht auf Deutschland reduziert werden kann. Man spricht hier Dialekte, wie man sie auch in Winkeln des Elsasses, Süddeutschlands, Liechtensteins, Tirols und Norditaliens finden kann. Die Romands sprechen eine eigentliche Weltsprache, während das ursprüngliche Frankoprovenzalische nur noch im Aostatal blüht.

Während die fünf rätoromanischen Dialekte mit dem Rumantsch Grischun erst seit knapp 30 Jahren eine eigene Standardsprache haben, kommen unsere italienischen, französischen und deutschen Standards allesamt aus dem Ausland. Dass es bei der Stellung der Landessprachen auch um die historische und aktuelle Beziehung der Landesteile zu den grossen Nachbarn geht, wird gerne ausgeblendet. Kohäsion ist nicht nur das Produkt unseres Willens.

Wir leben in einer Zeit der Globalisierung. Es gibt attraktive Angebote an unsere besten Jugendlichen. Gerade diejenigen, die als Brückenbauer und Vorbilder auch in Zukunft für eine landesweite Verständigung sorgen könnten, folgen gerne dem Ruf der weiten Welt, lernen neben Englisch noch Arabisch, Hindi, Japanisch, Mandarin, Russisch und machen auf anderen Kontinenten Karriere. Das ist gut so! Aber wirklich offen ist nur, wer auch die Schweiz und die kulturell anderen vor der eigenen Haustüre kennt.

Die Mobilität ist längst interkontinental. Wir tun gut daran, dafür zu sorgen, dass die innerschweizerische und interregionale Mobilität darunter nicht leidet. Die Offenheit gegenüber den Landessprachen ist jedenfalls ein Trumpf, der durch nichts ersetzt werden kann. Eine doppelte Offenheit der besten jungen Köpfe gegenüber den uns im In- und Ausland am nächsten stehenden Menschen stärkt die Schweiz. Dann kann das Land, mit einem direkten Draht zu den Nachbarn innen und aussen, frei von Komplexen und Ressentiments wirken.

Vier Stipendiaten der Schweizerischen Stu-dienstiftung aus verschiedenen Sprachräumen der Schweiz stellen sich im folgenden vor. Selbstbewusst reflektieren sie dabei ihre Stellung im jeweils anderen Landesteil sowie in der Welt.

 

Aurelio Vigani Meine Tessiner Elveticità

Als Tessiner und italienischsprachiger Einwohner bemerke ich in Lausanne zuerst viele Gemeinsamkeiten, etwa das Selbstverständnis der Leute, Schweizer zu sein, oder Eigenschaften der physischen Umgebung. Obwohl ich mehrmals pro Monat eine lange Reise von einem Ende des Landes zum anderen unternehme, bleibt das Gefühl, zu Hause zu sein. Ganz anders aber ist es, wenn ich mich aus dem Tessin in das wenige Minuten entfernte Italien (Como oder Mailand) begebe. Trotz gemeinsamer Sprache…

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»