Stromlücke und Vernunftmangel

Die Schweiz mit eigener Sonnenenergie versorgen? Kein Problem – wenn wir das Wallis mit Kollektoren zupflastern und die Alpentäler mit Stauseen überfluten. Szenarien für ein Land, in dem die Politik sich an der Moral orientiert und mit der Atomenergie die Ratio verabschiedet.

Der Tsunami von Fukushima riss zehntausende Menschen in den Tod und zerstörte zudem die Reaktoren von Fukushima Daiichi. In wenigen Ländern – vorab in der Schweiz und in Deutschland – wurde diese Jahrhundert-Naturkatastrophe von den Medien flugs in eine Nuklearkatastrophe umgedeutet, und die Politiker läuteten eine «Energiewende» ein. Diese Energiewende bezweckt den Ersatz der Kernenergie durch erneuerbare Energien, vor allem Sonne und Wind.

Im wesentlichen dient die Kernenergie der Stromerzeugung. Die Elektrizität deckt zwar nur einen kleineren Teil des globalen Energieverbrauchs, sie hält jedoch unsere hochtechnisierte Zivilisation am Laufen. In der Schweiz stammt dieser Lebensstrom zu 40 Prozent aus Kernkraftwerken, die seit über 40 Jahren zuverlässig und sicher arbeiten. Nun hat der Bundesrat für 2020 den Ausstieg aus dieser Technologie beschlossen. Wer bereit ist, sich nüchtern über die Fakten zu informieren, wird rasch sehen, dass nicht sachliche Notwendigkeit zu diesem Entscheid geführt hat, sondern die Motivation für den Ausstieg aus der Kernenergie rein politischer Natur ist und mit ihrem ethischen und moralischen Anstrich religiöse Züge trägt. Weil Glauben in der Energiepolitik kein guter Ratgeber ist, sollen die Annahmen hier mit Vernunft und Bedacht überprüft werden.

Sonnenzellen statt Weintrauben?

Die Energiewende ist von vollmundigen Aussagen gekennzeichnet, die so propagandistisch wie irreführend sind und etwa so klingen: «Die neue, ökologisch pionierhafte Anlage mit Sonnenzellen auf dem Schulhausdach deckt den Strombedarf von 100 Haushaltungen.» Tatsache ist: Die Pionieranlage deckt gar nichts, denn keine einzige Haushaltung wäre bereit, nachts nie und im Winter nur selten Strom zu haben.

Man wird uns entgegnen, die bei Sonne anfallende Energie werde gespeichert und dann in der Winternacht abgerufen. Wie denn? In der fehlenden Antwort auf diese Frage liegt das grosse Problem der erneuerbaren Energien.

Die Technologie mag rasant voranschreiten, die Naturgesetze kann sie nicht ändern: Elektrizität bleibt vorerst weiterhin nur bedingt speicherbar, in grösserem Massstab in Speicherseen, in kleinem in Batterien. Grundsätzlich muss also in jedem Moment so viel Strom produziert werden, wie verbraucht wird. Für den Basisbedarf, den man mit der sogenannten «Bandenergie» deckt, sprechen wir dabei in der Schweiz von rund 6 Gigawatt im Sommer und 8 Gigawatt im Winter.

Ein grosses thermisches Kraftwerk erzeugt 1 Gigawatt Elektrizität als konstante Bandenergie. Installieren wir dafür nun als Ersatz ein Photovoltaikkraftwerk, brauchen wir Solarzellen für etwa 10 Gigawatt Spitzenleistung, denn in Mitteleuropa liefern Solaranlagen nur etwa während 15 Prozent der Zeit volle Leistung, und mit den Verlusten, die bei Umwandlung, Transport und Speicherung anfallen, liegt man mit 10 Prozent mittlerer Verfügbarkeit der vollen Leistung nicht weit daneben. Für diese Spitzenleistung brauchen wir Solarzellen mit einer Fläche von 70 Quadratkilometern, was einem effektiven Landbedarf von rund 200 Quadratkilometern entspricht. Ideal dafür wäre der Sonnenhang des Wallis, doch dürfte dessen Bodenpreis zu hoch liegen – ganz abgesehen davon, dass die Walliser wohl kaum auf ihre Weinproduktion verzichten möchten. Kurzum: Nur schon der Bau von solchen riesigen Anlagen ist in der Schweiz kaum denkbar.

Speichern heisst Fluten

Doch selbst wenn man eine zentrale Solaranlage hätte, bestünde das Hauptproblem der Speicherung weiter. Die Sachlage ist einfach: Die Sonne liefert schnell viel Strom, wenn man ihn nicht braucht, etwa an einem schönen Sommernachmittag, hingegen keinen Strom zu Bedarfszeiten, etwa an kalten Winterabenden. Deshalb kann man Strom aus Sonne praktisch nur selten direkt brauchen, sondern muss ihn zuerst speichern, um ihn als Bandenergie abrufen zu können.

Wenn das Solarkraftwerk aus unserem Beispiel also an einem schönen Tag während sechs Stunden acht Gigawatt liefert, so geht eines davon direkt in den Verbrauch, derweil wir die restlichen sieben während der sechs Stunden speichern müssen, um sie über Nacht oder in den nächsten trüben Tagen als Bandenergie abrufen zu können. Am besten dazu geeignet sind…