Stresstest fürs globale Dorf

Menschen mussten sich schon immer im vertrauten Umfeld wie in der weiten Welt zurechtfinden. Liberale Denker liefern Einsichten, wie das auch weiterhin gelingen kann.

Stresstest fürs globale Dorf
Globalisierung: Die Kirche auch mal in der Grossstadt lassen. Frankfurter Skyline mit Katharinenkirche. Bild: fotolia.

Die Welt ist wieder einmal in Aufruhr. Einerseits pflügt sie die Globalisierung schon länger um, andererseits hat auch die Digitalisierung gerade begonnen, über sie hinwegzurollen. Die Debatten über Arbeitsplatzverluste im Westen wegen China oder Osteuropa scheinen, trotz der überaus schrillen Töne Trumps, eher der Vergangenheit anzugehören. Die Diskussionen über den «wegdigitalisierten» Taxifahrer, über das überflüssig werdende Hotel oder über «banking without banks» – alles Ergebnisse des jüngsten Digitalisierungsschubs – stecken hingegen noch in den Kinderschuhen. Zweierlei kann man aber diesem digitalen Schumpeter’schen Prozess der schöpferischen Zerstörung bereits heute ansehen: Er ist erstens in seiner Wucht radikal und zweitens in der Geschwindigkeit seiner Entfaltung geradezu atemberaubend.

Als liberaler Ökonom steht man solchen Prozessen grundsätzlich offen gegenüber, da man den Charakter des Prozesshaften schätzt, wenn der Prozess innerhalb einer funktionsfähigen und menschenwürdigen Ordnung abläuft. Nur eben: Wie könnte eine solche Ordnung angesichts der Dynamik von Globalisierung und Digitalisierung aussehen? Und was wären die dazugehörigen, ein Mindestmass an Statik gewährleistenden Fixpunkte, welche man unter den altmodischen Begriff der Sozialpolitik fassen könnte?

Interessanterweise, und hier setzt dieser Beitrag an, können auf der Suche nach Antworten ausgerechnet liberale Klassiker des 20. Jahrhunderts ausgesprochen hilfreich sein – nicht unbedingt mit fertigen Rezepten, wohl aber mit inspirierenden Impulsen. Bei Friedrich August von Hayek und Wilhelm Röpke lebt nämlich in den Diskursen um Staatslegitimation und Sozialpolitik eine grundlegende Dualität sozialwissenschaftlichen Denkens wieder auf, um die sich auch in der heutigen Debatte so vieles dreht: den kategorialen Unterschied zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft.

 

Das Überschaubare und das Anonyme

Viele Liberale legen beim Begriff «Sozialstaat» ein instinktives Unbehagen an den Tag. Der Ausgangspunkt ihrer Kritik ist die Vorstellung, dass im Mittelpunkt der Sozialpolitik die Solidarität steht. Manche Liberale verstehen aber Solidarität als Zug menschlichen Verhaltens, der lediglich in unmittelbaren zwischenmenschlichen Beziehungen «echt» sei, die auf Freiwilligkeit basieren – nicht aber, wenn der Staat diese Solidarität mit Zwang «verordnet» und durch seine Instrumente der Besteuerung einsetzt, um die Mittel dafür zu haben. Was an dieser Kritik wertvoll ist, ist im vorliegenden Fall nicht so sehr die normative Frage, ob «staatlich verordnete» Solidarität via Sozialpolitik legitim ist. Spannend und analytisch produktiv daran ist, dass hier eine grundlegende Dualität aufgespannt wird: die unmittelbare, auf Vertrauen basierende, darum zwingend überschaubare Gemeinschaft einerseits – die mittelbare, organisierte, in ihrer Grösse potentiell unbeschränkte Gesellschaft andererseits. Diese Dualität ist nicht erst seit Ferdinand Tönnies’ Klassiker in der ordnungstheoretischen Diskussion präsent: Bereits Adam Smith hebt deutlich hervor, dass die «great society» dem sozialen Verhalten genuin andere Gesetzmässigkeiten auferlege, als dies in der kleinen Gruppe der Fall sei.

Genau entlang dieser Gemeinschaft-Gesellschaft-Scheidelinie lassen sich auch die Ordnungstheorien von Friedrich August von Hayek und Wilhelm Röpke nachzeichnen. Obwohl ihre Theoriegebäude sich in vielem ähneln, weisen sie gerade hier einen diametralen Gegensatz auf: Hayeks grosse sozialphilosophische Sorge ist es, dass die Gemeinschaftslogik der kleinen Gruppe immer wieder die Regeln des abstrakten Gesellschaftskontextes konterkariert oder gar zerrüttet, während Röpke von der Frage umgetrieben wird, wie die Regelkreise kleiner Gemeinschaften von den Gefahren einer vermassten Gesellschaft bewahrt werden können. Während also Hayek die Moderne und ihre «great society» schon früh als Baustein seiner Ordnungstheorie ausmacht und sie im Spätwerk in die eigene Formel der «extended order» zu übertragen sucht, ist gerade diese Moderne für Röpke ein Prozess mit enormer zerstörerischer Sprengkraft für das menschliche Miteinander. An dieser Stelle lohnt sich ein kurzer Einschub: Was ist wesentlich für diese Moderne, die die beiden Denker auf so unterschiedliche Weise bewerten?

Die Moderne ist ein im Vergleich zur Menschheitsgeschichte ausgesprochen junges Produkt, das ich durch zwei zentrale Charakteristika operationalisieren möchte:

1) die Ausdifferenzierung der einzelnen gesellschaftlichen Sphären statt des verschmolzenen Lebenszusammenhanges des traditionellen Dorfes sowie