Stress im Kleinstaat

Leben die Schweizer in der Wohlfühloase des globalen Dorfes? Der Schein trügt. Auch im Jahr 2013 dringt Unbehagliches aus vielen Quellen.

Als Karl Schmid in seinem 1963 erschienenen Buch vom Kleinstaat sprach, dachte er weniger an ein völkerrechtliches Gebilde, dessen territoriale Ausdehnung oder Bevölkerungszahl im Verhältnis zu anderen Staaten als gering erscheinen, sondern im wesentlichen einzig an die Schweiz. Zudem argumentierte er nicht rechtlich oder politisch, sondern gesellschaftskritisch und psychologisch. Sein Essay handelte von den Bedingungen des Lebens in der bürgerlichen Gesellschaft schweizerischer Prägung. Schmid beschrieb verschiedene Formen des Leidens in und an der Schweiz. Schon damals galt aber: Niemand wird an der Auswanderung gehindert. Wer immer sich an der Kleinheit der Schweiz reibt und in einem grösseren Ganzen aufgehen will, kann sich seinen Wunsch erfüllen.

Schmid war nicht der erste, welcher der politischen Reflexion in der Schweiz das Merkmal Kleinstaatlichkeit zuführte, aber vielleicht hob es erst der Titel Unbehagen im Kleinstaat so recht ins allgemeine Bewusstsein. Die vom Verleger Bruno Mariacher gefundene Formel hat sich später von Schmids Werk gelöst und eine eigene Karriere gemacht. Unbehagen ist die Negation von Behagen, was nach Duden etymologisch «sich geschützt fühlen» zur Grundbedeutung haben soll. Mindestens im Adverb «behaglich» schwingt eine leicht negative Konnotation mit; man hört «allzu behaglich» und «bequem» heraus, was im Umkehrschluss zu einem Lob des Unbehagens führt. Etwas Unbehagen, liesse sich sagen, ist so gesund und lebensnotwendig wie «Stress», da es vor dem Verdämmern in realitätsfernen Wohlfühloasen bewahrt.

Karl Schmid hat in seinem Buch auch auf manche Vorzüge hingewiesen. So ist die Schweiz zu klein nicht nur für Weltpolitik, sondern auch für viele Laster. Wer Gross- und Kleinstaat unter dem Gesichtspunkt gegenüberstellt, wo der einzelne Bürger ein besseres Leben führen könne, wird indes kaum zu quantifizierbaren Werten gelangen. Immerhin beweist die anhaltende Zuwanderung, dass nicht wenige die Wonnen der Kleinheit kosten wollen.

Dies vorausgeschickt, soll nach Anlässen zum Unbehagen heute gefragt werden.

 

Strategische Bedeutungslosigkeit

Am Ende des Zweiten Weltkriegs waren es die grossen Planer − die Planer der Grossmächte −, die den Kleinstaat von der Landkarte tilgen wollten. Im Kalten Krieg gewann die Schweiz neue Bedeutung. Aber mit den Verwerfungen nach 1989 hat sie ihre geschützte und privilegierte strategische Position wieder verloren. Die Schweiz ist für ihre grossen Nachbarn unbedeutend geworden. Umso wichtiger ist es für sie, nicht in die Isolation zu fallen und Allianzen zu schmieden. Aussenpolitik ist so relevant wie lange nicht mehr.

 

Wehrlosigkeit

Es gibt keine höheren Gründe mehr, die Schweiz in Ruhe zu lassen. Manche Grossmächte lassen sie schmerzhaft spüren, wie klein sie ist. Die Amerikaner knipsen Schweizer Banken aus, und Deutsche wollen die Kavallerie vorbeischicken. Ein rücksichtsloser Imperialismus macht sich geltend, worüber die diplomatischste Verbrüderungsrhetorik nicht hinwegtäuscht. Handelskammern beschwören treuherzig die angebliche Freundschaft zwischen «Schwesterrepubliken» und gaukeln Courant normal vor. Courant normal ist, dass der Kleine sich fügen soll. Mit grandioser Impertinenz, ohne jede Mühe, ihre Arroganz zu kaschieren, werfen uns machtgewohnte Vertreter an sich zivilisierter Staaten die «Schwerfälligkeiten» und «Umständlichkeiten» unseres politischen Systems vor. Am Ende wird das Diktat noch als «Vertrag» oder «Bankendeal» euphemisiert. Die USA nehmen Züge eines Usurpators an, der sein Recht extraterritorial zu exekutieren keine Scheu trägt und dies sogar noch mit Moral verbrämt. Auch andere tun dies, selbst wo ihre Scheinheiligkeit zum Himmel stinkt − mit Sicherheit sind die USA nicht der einzige Akteur, der Feind und Freund flächendeckend ausspioniert.

Im Inland spielt sich seit Jahren derselbe Jammer ab. Stets finden sich sogleich eifrige Claqueure. Manche Medien nehmen in ihrem Kampf gegen den weiteren Schwund der Auflage noch den törichtesten Angriff lustvoll auf. So kritisch sie sich geben, so kritiklos agieren sie tatsächlich: Sie prostituieren sich als Megaphon und sehen ihre vornehmste Aufgabe darin, Brückenkopf ausländischer Attacken zu bilden. Es wäre an der Zeit,…

Unbehagen Schweiz. Fünf Autoren halten dem Land den Spiegel vor.
(c) Fotolia.
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Das Abc des helvetischen Global Hubs
Klaus J. Stöhlker, photographiert von Lukas Mäder.
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Es gibt die moderne A-Schweiz und die gute alte B-Schweiz. Die globalen Konzerne und die heimischen Steuerzahler. Den Freihandel und die nationale Politik. Angelsächsische Umgangsformen und helvetischen Frohsinn. Der City State Switzerland ist längst Tatsache. Nur haben es noch nicht alle gemerkt.

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