Streitpunkt Philanthropie

Um die Philanthropie findet eine Art ewiger Kulturkampf statt. Was kann Wohltätigkeit angesichts eines zunehmend umfassenden Rechts- und Sozialstaats noch leisten? Zeit für eine nüchterne Analyse.

Streitpunkt Philanthropie
Heike Scholten und Katja Gentinetta, photographiert von Benjamin Hofer.

Menschenfreundlichkeit, Menschenliebe, Wohltätigkeit – auf diese Bedeutungen geht der Begriff der Philanthropie in seinem Ursprung zurück. Philanthropie verströmt eine gewisse Noblesse, eine edle Güte. Diese kommt aber nicht überall gleich gut an, da sie – je nach Perspektive – auch mit Herablassung oder zumindest unverdienter Privilegierung assoziiert wird. Entsprechend dünn fällt das Wortprofil in der deutschen Sprache aus: Zusammen mit dem Begriff «Philanthropie» tauchen lediglich die Begriffe «bürgerlich» und «rein» wiederholt auf, was genau auf das angesprochene Spannungsfeld verweist. Was also war Philanthropie einst und was ist Philanthropie heute?

Die antiken Wurzeln

In der Antike umfasste der Begriff Philanthropie, wie es das Historische Wörterbuch der Philosophie darstellt, neben der Wohltätigkeit auch die freundliche Begrüssung und die Gastfreundschaft. Es ging also darum, anderen Menschen Gutes zu tun – Menschen, die es nötig oder verdient haben. Von Beginn an beruhte Philanthropie auch auf dem Verständnis, dass sie nicht unterschiedslos allen Menschen zugute kommt. Vielmehr wurde jeweils eine bestimmte Gruppe oder Gemeinschaft bestimmt, der Wohltätigkeit zugute kommen sollte – etwa weil sie Teil der eigenen Polis war oder einer spezifischen Sprach- oder Kulturgemeinschaft angehörte.

Allerdings wurde Philanthropie in der Antike stets auch mit einer gewissen wohlwollenden Herablassung assoziiert. Der Grund dafür leuchtet aus damaliger Warte unmittelbar ein: Menschenfreunde konnten nur Personen oder «Figuren» sein, die über den (gemeinen) Menschen standen; Götter und Helden ohnehin, aber auch Könige und Feldherren sowie Richter und in der Gemeinschaft speziell angesehene Privatpersonen, nämlich freie Bürger, denen in der Polis eine bestimmte Rolle zukam. Ob in den Erzählungen von Homer, den Dialogen von Platon oder den theoretischen Ausführungen von Xenophon: Philanthropen sind Götter oder herausragende Personen, die aus ihrer Position der Macht und Überlegenheit den Schwachen wohlgesinnt sind und sich ihnen gegenüber wohltätig, hilfsbereit und milde verhalten.

Philanthropisches Verhalten wurde, selbst wenn es nur bestimmten Personengruppen vorbehalten war, indes nicht einfach einer natürlichen Veranlagung zugeschrieben, sondern als Produkt von Erziehung und Bildung verstanden. Philanthropisch konnte also nicht einfach sein, wer über die entsprechenden materiellen oder hierarchischen Voraussetzungen verfügte. Vielmehr musste eine solche Person philanthropisch werden, indem sie das dafür nötige Verständnis aufzubringen bereit war. Diese Verknüpfung der (rein materiellen) Möglichkeit mit der für philanthropisches Handeln notwendigen (charakterlichen) Bereitschaft führte nicht nur zu einem hohen Ansehen der Philanthropen in der Gemeinschaft, sondern auch zu einem stattlichen Selbstbewusstsein dieser Gemeinschaften selbst: sowohl die Griechen als auch die Römer waren der Auffassung, nur sie könnten philanthropisch sein, die sie umgebenden «Barbaren» hingegen nicht.

Auch aus politischer Warte war die Philanthropie in der Antike ein interessantes Feld der Betätigung und Selbstdarstellung – heute würden wir von «Positionierung» sprechen: Philanthropen in der griechischen Antike (von Philanthropinnen ist wenig bekannt) verstanden ihr Engagement nicht einfach als uneigennützig, sondern erwarteten im Gegenteil sehr wohl, dass ihnen ihre Wohltätigkeit auf irgendeine Weise nützt und also wieder zugute kommt. Der Grund hierfür ist in der (antik-)demokratischen Grundverfassung der Stadtstaaten zu suchen: Bürger, die es politisch zu etwas bringen wollten, würden, wie der griechische Rhetoriker Isokrates empfahl, darauf achten müssen, «menschenfreundlich zu erscheinen, sowohl in dem, was sie sagen, als auch in dem, was sie tun».

Philanthropisches Engagement, so lässt sich der Begriff in seinem antiken Ursprung also erfassen, geschah zwar aus einer privilegierten Position, war aber vor allem auch eine bewusste, individuelle Entscheidung – basierend auf nach heutigem Verständnis humanistischer Bildung und Einstellung. Sie war klar mit der Erwartung verbunden, daraus persönlich einen Nutzen ziehen zu können, wenn auch nicht unmittelbar. Philanthropisches Engagement war also gleichermassen von Grosszügigkeit und Grossherzigkeit geprägt wie von strategischem Kalkül.

Die Aufklärung

Nachdem der Philanthropiebegriff im Mittelalter nur eine marginale Rolle gespielt hatte – im Zentrum stand die amor dei –,…