Stiftungen: risikofreudig und innovativ?

Förderstiftungen können Denkräume und Labore für gesellschaftliche Entwicklungen schaffen. Um Neues auszuprobieren und Innovationen anzustossen, müssen sie sich auf Experimente mit ungewissem Ausgang einlassen und Scheitern als Chance verstehen.

Stiftungen: risikofreudig und innovativ?
Andrew Holland, illustriert von Irina Kruglova.

Eine Förderstiftung muss keine Gewinne erzielen, bei Wahlen keine Stimmen gewinnen. Wo anderen Akteuren aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen die Hände gebunden sind, haben Stiftungen die Freiheit, Neues zu wagen und Raum für zukunftsweisende Ideen zu schaffen. Im Idealfall arbeiten sie eng mit Partnern und der öffentlichen Hand zusammen, um erfolgreiche Lösungen nachhaltig zu etablieren.

Als Stiftung sind wir hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Innovation und Gelingensgarantie: Stiftungen wollen gesellschaftliche Entwicklungen anstossen und ermöglichen. Ihre Projekte sollen neue Wege gehen, Erfahrungen sammeln, Beispiele schaffen. Zugleich sollen sie Wirkung entfalten, die Aussicht haben, sich zu verbreiten. Idealerweise tragen sich die Projekte auf Dauer ohne Unterstützung der Stiftung. Doch wirklich innovative Projekte können vor ihrem Start kaum abschätzen, wo sie in zwei, drei oder vier Jahren stehen. Es ist das Ausprobieren, das sie ausmacht – und wie bei allen echten Experimenten ist auch hier der Ausgang oft ungewiss. Wollen Stiftungen innovativ sein, müssen sie bereit sein, sich auf Ungewissheiten und Risiken einzulassen.

Stiftungen definieren für sich inhaltliche Schwerpunkte, legen ihre Wirkungsfelder fest, formulieren dafür Ziele und führen Instrumente, Kriterien und standardisierte Abläufe ein. Dies ist eine zentrale Voraussetzung, um wirkungsorientiert und transparent zu arbeiten. Doch das birgt auch die Gefahr der Überreglementierung, was Gift für Innovation ist. Gleiches gilt für das Beharren auf der exakten Erfüllung einmal gesetzter Ziele. In unserer dynamischen und komplexen Zeit muss man Projekte flexibel anpassen und weiterentwickeln können. Natürlich freuen wir uns über jedes Ziel, das in der Evaluation erreicht oder sogar übertroffen wird. Jede positive Evaluation ist ein Erfolg. Doch müssen wir auch ehrlich sein: Aus einem Projekt, das nicht ganz so verläuft wie geplant, lernt man oft mehr. Innovative Projekte sollen auch mal scheitern können. Sich zu einer solchen Fehlerkultur zu bekennen, erfordert Offenheit und Mut.

Wollen Förderstiftungen risikofreudiger werden, reicht es nicht aus, wenn sie eine Quote «risikofreudiger» Projekte festlegen. Die Stiftung muss ihre Arbeitsweise grundlegend weiterentwickeln: Statt ausschliesslich auf passende Projektanträge zu warten, müssen Stiftungen auch proaktiv die besten Ideen suchen und möglich machen. Statt die Innovation einzig auf Projektebene anzustreben, bedingt gesellschaftlicher Wandel auch Systeminnovation. Statt auf Formalitäten und Prozesse zu beharren, braucht es Flexibilität, gegenseitiges Vertrauen und Partnerschaft auf Augenhöhe.

Unsere Stiftung hat sich – wie andere Stiftungen auch – auf den Weg gemacht. Wir hinterfragen unsere Rolle als Stiftung und versuchen, Scheitern als Chance zu verstehen. Wir entwickeln unsere Prozesse und Kommunikation weiter. Um zivilgesellschaftliche Akteure ihren Bedürfnissen entsprechend zu stärken, suchen wir nach neuen und flexiblen Unterstützungsmöglichkeiten, auch über die Projektförderung hinaus. So sehen wir im Kompetenzaufbau, im Erkenntnistransfer und in der Vernetzung grosse Chancen. Wir wollen aktiv den Kontakt und Austausch mit gesellschaftlichen Akteuren suchen, diese Menschen vermehrt zusammenbringen, unser Wissen mit ihnen teilen und ihr Wissen in unsere Arbeit integrieren. Wohin unsere Reise im Detail führt, können wir noch nicht sagen. Denn im Zentrum des Prozesses steht das Ausprobieren: Wir lernen aus jedem Versuch, aus jedem Fehler, aus jedem Erfolg. Schritt für Schritt möchten wir uns weiterentwickeln.

Wichtig ist es uns, den Dialog mit der Gesellschaft zu suchen, auch wenn dies manchmal ungemütlich werden kann. Denn wer sich aus dem Schutz des Elfenbeinturms wagt, spürt auch den Gegenwind. Plötzlich muss man sich als Stiftung exponieren, positionieren und sich kritischen Diskussionen stellen. Aber genau diese Auseinandersetzung ist wichtig, denn sie treibt Veränderungen an. Und Veränderung ist das, was Stiftungen anstreben. Eine Stiftung sollte möglichst nah an der Gesellschaft dran sein und sich mit ihr weiterentwickeln. Stillstand ist keine Option.

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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