Stiftungen – ein guter Deal für die Gesellschaft?!
Lukas von Orelli, illustriert von Irina Kruglova.

Stiftungen – ein guter Deal für die Gesellschaft?!

Oder hätte sie mehr davon, wenn Herr und Frau Schweizer ordentlich ihre Steuern bezahlen?

«Just stop talking about philanthropy and start talking about taxes… taxes, taxes, taxes – all the rest is bullshit in my opinion», sagte der niederländische Historiker und Journalist Rutger Bregman am diesjährigen WEF vor laufenden Kameras. Sein Statement, das die «Steuervermeidung» über Stiftungsgründungen anprangerte, war über die sozialen Medien binnen kürzester Zeit in aller Munde. Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass er es in genau dem Land tätigte, das sowohl das WEF ausrichtet als auch über sechsmal mehr gemeinnützige Stiftungen pro Kopf verfügt als die USA oder Deutschland. Aber: Stimmt denn, was er sagt? Hätte die Gesellschaft mehr davon, wenn Frau Schweizer ordentlich ihre Steuern bezahlt, als eine gemeinnützige Stiftung zu gründen?

Klar ist: Die Schweiz ist für die angehende Stifterin ein hervorragender Standort. Liberale Rahmenbedingungen, ein der Philanthropie gegenüber positiv eingestellter Staat und frei verfügbare Mittel sind nur einige Gründe dafür, dass hier aktuell im Schnitt jeden Tag eine neue Stiftung gegründet wird. Damit das auch so bleibt, werden Philanthropen klar definierte Steuerprivilegien eingeräumt, und zwar nicht nur hierzulande, sondern auch in den meisten anderen europäischen Ländern. Frau Schweizer etwa kann sowohl bei den Bundes- als auch bei den kantonalen Steuern 20 Prozent ihres steuerbaren Einkommens abziehen, wenn sie eine Stiftung gründet. Ist letztere einmal errichtet, zahlt diese bis auf die Mehrwertsteuer keine weiteren Steuern mehr. Ein gutes Geschäft also – allen voran aber für Frau Schweizer und die Stiftung, so scheint es.

Der zweite Blick zeigt ein differenzierteres Bild. Eine soeben publizierte Studie von SwissFoundations und dem Beratungsunternehmen PwC Schweiz hat zum ersten Mal berechnet, wie viele Steuern der Gesellschaft bei Gründung einer gemeinnützigen Stiftung (über obige Privilegien) entgehen und wie viele Mittel ihr in Form von Zuwendungen (der Stiftung) zufliessen. Das Resultat ist in seiner Klarheit unmissverständlich: Egal wie man es dreht und wendet, Stiftungen rentieren sich für die Gesellschaft – und zwar immer. Egal, ob Frau Schweizer alternativ zu ihrem philanthropischen Ansinnen eine Yacht kauft, eine private Investmentgesellschaft ins Leben ruft oder ihr Vermögen anlegt: Die gesellschaftlich investierten Stiftungsmittel übersteigen die kumulierten Steuerverluste innert kürzester Zeit. Je nach Stiftungsform und kantonalen Steuerbestimmungen erreicht die gemeinnützige Stiftung den «break-even» sogar bereits innerhalb eines Monats. Spätestens aber nach eineinhalb Jahren ist der Saldo positiv – und zwar nicht für Frau Schweizer, sondern für die Gesellschaft.

Was lang zwar angenommen, aber kaum je modellhaft durchgerechnet wurde, haben wir nun schwarz auf weiss: Gemeinnützige Stiftungen sind ein Mehrwert für die Gesellschaft. Dass sie ausserdem zu vielen Innovationen, Entwicklungen und Initiativen beitragen, die ohne ihre Hilfe nicht zustande gekommen wären, und deren positive Effekte kaum zu beziffern sind, macht die Sache noch eindrücklicher. Zeit, Rutger Bregman davon zu erzählen!


Der vorliegende Text ist Teil einer exklusiven Online-Kolumnenserie zum eidgenössischen Stiftungswesen, die der «Schweizer Monat» in Kooperation mit SwissFoundations lanciert.

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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