Christine Brand, zvg.

Stich der Freiheit

Das C-Wort vermeiden, damit die Freundschaft hält.

 

Ich bin jetzt geimpft. Mein Freund Maurizio ist überzeugt, dass ich damit einer geheimen, weltumspannenden Macht ermöglicht habe, mein Erbgut zu verändern, und dass ich bald zum manipulierten menschlichen Roboter mutieren werde. Davon habe ich freilich bis jetzt noch nichts gemerkt. Festgestellt habe ich indes, dass die zwei kleinen Piks mir auf einen Schlag ein gutes Stück meiner verlorenen Freiheiten zurückgebracht haben. Noch nie zuvor in meinem Leben habe ich mich über einen Eintrag in meinem gelben Impfpassbüchlein derart gefreut.

Mein Freund Maurizio hingegen liesse sich wohl eher umbringen, als sich piksen zu lassen. Dabei haben er und ich vieles gemeinsam. Beide haben wir unsere berufliche Karriere aufgegeben, um Freiheit zu gewinnen. Beide leben wir teilweise auf Sansibar und geniessen dort das entschleunigte Leben. Beide sind wir überzeugt, dass man sich freier fühlt, wenn man weniger besitzt. Ich frage mich also, woher es kommt, dass wir auf einmal derart unterschiedlicher Meinung sind.

Am Intelligenzquotienten kann es nicht liegen, da sind Maurizio und ich in etwa gleichauf. Lebenserfahrung können wir beide einige aufweisen. Was also bringt ihn dazu, plötzlich an irrwitzige Verschwörungstheorien zu glauben? Und warum lasse ich mich unkritisch auf den Versuch ein, mir einen in Rekordzeit entwickelten und zugelassenen Impfstoff zu spritzen?

Vielleicht liegt es an unseren Charakteren, auf welcher Seite wir in diesen Fragen stehen. Ich sehe grundsätzlich das Positive und glaube an das Gute – obwohl ich als Gerichtsreporterin in tiefste Abgründe geblickt habe. Maurizio ist erst mal skeptisch und hinterfragt alles und jedes. Vielleicht ist er zu kritisch, vielleicht bin ich zu naiv. Womöglich werden wir die Antwort darauf nie kennen.

Zum Glück sind Maurizio und ich uns in einem Punkt einig geblieben: Fällt das C-Wort, schauen wir uns an, im Wissen, dass wir anderer Meinung sind und nicht darüber streiten wollen. Darum hat Corona zumindest unsere Freundschaft nicht zerstören können.

«MONAT für MONAT
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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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