Steuerparadies Schweiz?
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Steuerparadies Schweiz?

Nicht selten wird die Schweiz auch heute noch als steuergünstiges Land gepriesen. Demgegenüber kann man aber unschwer feststellen, dass der Schweizer Steuerzahler selbst sich keineswegs mehr in einem fiskalischen Paradies wähnt, sondern seine Steuerbelastung als hoch empfindet. Der Ruf nach Beschränkung der Staatsausgaben und nach sparsamem Haushalten verstummt nicht, und die Tatsache, dass der Souverän in kurzen Zeitabständen zwei Steuerpakete des Bundes verworfen hat, ist ein deutliches Indiz dafür, dass sich in der Schweiz ein gewisser Steuerwiderstand auszubreiten beginnt.

In der Presse wird die Frage, ob die Schweiz nach wie vor ein Steuerparadies sei, unterschiedlich beantwortet. Titel wie «Steueroase ade!» und «Die Schweiz im internationalen Steuervergleich noch immer im letzten Drittel der Rangliste» lassen sich nebeneinander lesen. Dazu ist zu sagen, dass weder die eine noch die andere Aussage völlig falsch ist, es kommt nur darauf an, aus welcher Optik man diese Frage beurteilt und welche Vergleichszahlen man zu Rate zieht. Es ist das Ziel dieses Aufsatzes, die verfügbaren Vergleichszahlen etwas genauer unter die Lupe zu nehmen und die Frage, wie steuergünstig sich die Schweiz im zwischenstaatlichen Vergleich präsentiert, anhand verschiedener Gruppen von Steuerzahlern und von Steuerarten zu beantworten.

Die Problematik der Vergleiche

Internationale Steuervergleiche sind etwas sehr Problematisches. Jedes Land hat ein anders ausgestaltetes Steuerrecht. Man kann aus diesen Steuergesetzen zwar die prozentuale Belastung bestimmter Einkommens- und Vermögenstypen errechnen. Aber diese Prozentzahlen sagen nichts aus über die Handhabung des Steuergesetzes in der Praxis, zum Beispiel über die Qualität der Veranlagung, über die Intensität der Kontrolle, über die Abschreibungsmöglichkeiten, die Zahlungstermine und die Bemessungsperioden im Sinne der Prä- oder Postnumerandobesteuerung.

Im weiteren stellt sich das Problem der Währungsumrechnung und damit – besonders unter dem Regime der flexiblen Wechselkurse – der Wahl des Stichtages für die Umrechnung. Auch die Frage der Kaufkraftparität erleichtert die Vergleiche nicht.

Und nicht zuletzt ergeben sich natürlich auch in der Schweiz selbst Probleme. Welche Steuerbelastung der Schweiz zieht man für die internationalen Vergleiche bei? Es ist bekannt, dass der Bürger unseres Landes von Kanton zu Kanton unterschiedlich besteuert wird. Soll man nun für die Vergleiche die steuergünstige Innerschweiz oder den teuren Kanton Zürich wählen, soll man schweizerische Durchschnittszahlen beiziehen oder zum Beispiel auf die Steuerbelastung der Grossstädte abstellen?

Diese Hinweise machen deutlich, dass die Aussagekraft solcher Vergleiche beschränkt ist. Der Leser muss sich bewusst sein, dass alle hier vorgelegten Zahlen mit grossen Vorbehalten behaftet sind. Es wird kein Anspruch auf wissenschaftliche Genauigkeit erhoben, sondern es geht darum, aufgrund von vorhandenem statistischem Material eine politische Wertung der schweizerischen Steuersituation vorzunehmen, um die Trends aufzuzeigen, welche die internationalen Steuervergleiche erkennen lassen, und um die sich daraus ergebenden Schlüsse für unsere Steuerpolitik zu ziehen.

Die allgemeine Situation

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (kurz OECD) gibt in regelmässigen Abständen eine Jahresstatistik über die Höhe und die Zusammensetzung der Staatseinnahmen ihrer 23 Mitgliedsländer heraus. Die letzte derartige Statistik ist 1978 veröffentlicht worden. In einer ersten Untersuchung wird die Fiskalbelastung in Prozenten des Bruttoinlandsproduktes (BIP) festgehalten. Als Fiskalbelastung erscheinen die Abgaben für Steuern und an Sozialversicherungen. Hier werden nicht die Zahlen sämtlicher 23 OECD-Staaten ausgewertet, sondern nur der europäischen Staaten Schweden, Bundesrepublik Deutschland, Österreich, Italien, Grossbritannien, Frankreich und Schweiz.

Die OECD-Studie zeigt, was sich inzwischen allgemein herumgesprochen hat: Schweden ist der europäische Spitzenreiter bezüglich Fiskalbelastung in Prozenten des BIP. Mit einem Anteil von 53,1% liegt es vor Österreich (41,3%), Frankreich (39,4%) und der Bundesrepublik Deutschland mit 38%. Etwas günstiger präsentieren sich Grossbritannien mit 35,2% sowie Italien mit 34,5%. Am besten schneidet beim Vergleich die Schweiz ab mit einem Anteil der Fiskalbelastung am BIP von «nur» 31,5%.

Auf solchen Untersuchungen basiert das Schlagwort der «Steueroase» Schweiz. Wenn…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»