Christine Brand, zvg.

Stets zerbrechlich

Die Freiheit wird attackiert.

 

«Freiheit – ein Gefühl», steht im Titel über meiner Kolumne. Das Gefühl hat sich verändert in den letzten Monaten. ­«Freiheit in Gefahr», würde mir mit Blick auf Europa und die Welt heute als Titel passender erscheinen. Freiheit ist seit jeher immer und ­überall zerbrechlich. Sie wird gerade vielerorts zu Scherben zerschlagen.

Der Angriffskrieg auf die Ukraine ist der grösste Angriff auf die Freiheit schlechthin. Gleichzeitig zerstört das Putin-­Regime mit seiner Aggression nach aussen wie nach innen die Freiheit des eigenen Volkes. Aber auch in vielen anderen Staaten geraten Werte in Bedrängnis, die das Fundament der Freiheit bilden: Menschenrechte, Völkerrecht, Demo­kratie, Pluralismus, Rechtsstaat, Toleranz. Diese Werte sind in Gefahr, weil sich einzelne die Freiheit herausnehmen, rohe Macht auszuüben und damit die Freiheit der anderen zu zerstören.

In einem totalitären Regime, in einer Diktatur hat Freiheit keinen Platz. Das Recht des Stärkeren tötet die Freiheit des Schwächeren. Gerade weil die Freiheit des Mächtigen schnell zur Unfreiheit des Schwächeren führen kann, ist sie so zerbrechlich. Freiheit geht daher mit rechtlicher Gleichheit einher: Die Freiheit des einen darf nicht mehr wert sein als die Freiheit des anderen.

Vielleicht ist in unserer freien Gesellschaft der wahre Wert der Freiheit etwas in Vergessenheit geraten, weil wir sie als Selbstverständlichkeit hingenommen haben. Nicht mehr die Freiheit, sondern Besitz, Sicherheit und Wohlstand scheinen vielen die höchsten Güter zu sein. Doch auf ­einmal kämpfen Menschen nur tausend Kilometer von uns ­entfernt um ihre existenzielle Freiheit und um die Eigenständigkeit ihres Staates. Sie sind bereit, den höchsten Preis zu zahlen, weil sie sich auch unter extremen Umständen ihre innere Autonomie bewahren konnten.

In diesen Zeiten ist es umso wichtiger, dass jeder für sich der inneren Freiheit Sorge trägt – und für die grosse Freiheit einsteht.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»