Sterne im Sterbehemd

Weil das weisse Hemd das Dunkle der Existenz betont, trägt es kaum einer mehr. Das gilt besonders in Los Angeles: als zu ernst, zu erwachsen, zu wenig kindlich gilt es hier. Die grosse Ausnahme: Sean Penn, der letzte Kerl von Hollywood. Hommage an einen Helden im Hemd.

Ein Morgen im späten September. Die Sonne brennt in die Smogglocke über Südkalifornien. Mensch und Umwelt werfen scharfe Schatten. Doch das Schwarz wirkt ausgeblichen, tendiert zum Grau. Kalte Schönheit, wie man sie aus den Filmen der fünfziger Jahre kennt. Millionen sind unterwegs zur Arbeit. Viele tragen zerrissene Jeans, bunte T-Shirts, Jogginganzüge, Jumpsuits, Reissverschlussjacken, übergrosse Basketballhosen – Kostüme, die den Beigeschmack von absoluter Körperfreiheit und keinerlei Verantwortung vermitteln. Ausser für sich selbst. Sich fein anzuziehen, das scheint den Menschen zu riskant und zu aufwendig. «Die eigentliche Lösung scheint zu sein, dass sich jetzt alle wie Kinder anziehen», schreibt die «Los Angeles Times» in einer Story über das «unaufhaltsame Tempo unserer Zeit». Und sie stellt auch gleich eine Jahrhundertfrage: «Wann werden wir endlich wieder erwachsen?»

Gute Frage. Antworten liefern manchmal Stars der Gegenwart wie George Clooney in Filmen wie «Good Luck and Good Night» oder Philip Seymour Hoffman in «Capote», wenn sie Kleidung tragen, die sinnlos sentimental macht: die Uniformierung der fünfziger Jahre, als Männer um die zwanzig noch aussahen wie «Erwachsene»: Anzug, weisses Hemd, Krawatte, grauer Hut, die filterlose Zigarette im Mundwinkel, der Scotch in Reichweite. Die Sehnsucht nach Formalität und Korrektheit muss damals überwältigend gewesen sein. Den Hemden sah man förmlich an, wie das heisse Bügeleisen auf die Baumwolle gepresst wurde. Der Geruch von Dampf und Bleichmittel stieg hoch, das Leben erstarrte in perfekter weisser Steifheit.

Natürlich hatten die Helden in weissen Hemden vieles nicht mehr im Griff. Besonders im Film noir, jener grossen schwarzen Phase des amerikanischen Kinos der Fünfziger: resignierte Erwachsene in der Falle, gefangen in Paranoia und Angst. Unfähig, Schuld von Unschuld zu unterscheiden, echte Identität von falscher. Kennt sie eigentlich heute noch jemand? Fred MacMurray in «Double Indemnity» machte den Anfang, gefolgt von Burt Lancaster nicht nur in «The Killers», sondern auch in «Criss Cross», Alan Ladd in «The Blue Dahlia» oder Robert Mitchum in «Out of the Past». Kennt noch jemand die Filme, die nicht das Leben verklären? Sie bringen Geschichten ans Licht, die von der Nacht des Menschen erzählen. Erwachsene Geschichten mit erwachsenen Helden, die weisse Taschentücher tragen und womöglich auch einen Revolver. Jean Pierre Melville, Gott des französischen Film noir, meinte: «Ein Mann, der mit einem Hut auf dem Kopf einen Schuss abfeuert, ist sehr viel eindrucksvoller als ein barhäuptiger Mann.» Der Hut auf dem Kopf balanciert den Revolver in der Hand.

Was war sonst noch anders an Helden, die aus heutiger Sicht aussehen wie 50, tatsächlich aber Zwanzigjährige verkörperten? Sie waren sparsamer in ihren Gesten, nonchalant, unterkühlt, wortkarg. Sie wirkten resigniert, die Folgen des Zweiten Weltkriegs lasteten auf ihnen. Das jedenfalls ist das Klischee, das mit den Anzügen, dem weissen Hemd, Krawatte und Hut mitgeliefert wird. Man nennt es «underplay». Es wird angenommen, dass Fred MacMurray das «underplay» erfunden hat. Böse Zungen behaupten, er verdanke das dem Umstand, dass er nicht schauspielern konnte. In der Rückschau bewundere ich die Ökonomie der Mittel, mit der diese Männer ihr Ziel erreichten und dabei «erwachsen» wirkten. Einsam. Verloren. Dabei hat sich psychologisch im Kopf des jungen Mannes von heute nicht viel verändert. Allgemein wird angenommen, dass bis zum Alter von 33 jeder davon überzeugt ist, für immer zwanzig zu sein. Dann betrachtet er sich eines Tages im Spiegel und stellt fest, dass Zeit vergangen ist. Sich bewusst zu werden, dass man älter wird, ist niederschmetternd. Man begreift plötzlich, dass man allein ist.

Das Alter ist die Krönung der Einsamkeit, des Erwachsenwerdens. Bloss: in den letzten vierzig Jahren wurde die Menschheit dressiert, davor zu flüchten. Besonders in Hollywood: Steven Spielberg (66) kommt gewöhnlich in Jeans, weissem T-Shirt und einem legeren Blouson zur Arbeit – eine Mischung aus Schöngeist und Draufgänger mit James-Dean-Appeal. David Geffen (70) trägt enganliegendes Hemd und einen hübschen avantgardistischen Kummerbund von Helmut Lang zu Lederhosen von Dolce&Gabbana. Er sieht darin aus wie ein Photomodel aus einem Indie-Fashion-Magazin wie «A4». Der aufregendste Hollywood-Produzent der Gegenwart, Brian Grazer (62), fährt gerne mit dem Skateboard in sein Büro in den Universal Studios, dazu trägt er Springerstiefel und Bomberjacke – mehr Mod als Skin, wie er betont. CAA-Superagent Nick Styne (55), der unter anderem Cameron Diaz vertritt, sieht noch jünger aus. «Wie ein Zehnjähriger», beobachtete die «New York Times» höhnisch, weil Nick immer zerschlissene Adidas-Schuhe ohne Schnürsenkel trägt und sich gern B-Boy-artig kleidet. Von Frauen reden wir hier bewusst wenig. Aber Stacey Snider (52), ehemalige Chefin von Universal, trug zu ihrem Amtsantritt bei DreamWorks ein Couture-Punk-Dress, Unterwäsche sichtbar. Ihr damaliges Vorbild: Christina Aguilera. 

Der letzte Kerl

Es erscheint also krankhaft sentimental und idiotisch, in der Hauptstadt des Jugendkults eine Sehnsucht nach den grossen Jahren der Erwachsenenuniform einzufordern. Immerhin ist es im heutigen Los Angeles völlig normal, wenn Menschen in Unterwäsche und Turnschuhen Lebensmittel einkaufen oder zur Arbeit fahren, natürlich mit der Bedingung verbunden, perfekt trainiert auszusehen. Das Würdelose, Lächerliche oder Verletzliche der Unterwäscheträger ist ja längst zum lässigen Element erklärt worden. Daran ist prinzipiell nichts auszusetzen. Ausser, man heisst Sean Penn. Mit ihm beginnt hier eine ganz andere Geschichte. Es ist die Geschichte des letzten grossen «Erwachsenen» von Hollywood.

Dieser Morgen der Grautöne und scharfen Schatten erinnert mich an den 4. Februar 2006. Sean Penn wird diesen Tag nie vergessen. An der Vorfahrt zum Holy-Cross-Friedhof in Culver City reihen sich schwarze Limousinen mit geöffneten Türen. Fahrer in schwarzen Anzügen und weissen Hemden stehen bereit. Spektralfarbener Dunst leuchtet über L.A., ein vom Smog erzeugtes Spektakel. Sean und sein Bruder Michael helfen ihrer Mutter, Eileen Ryan Penn, aus einem weissen Ledersessel. Der Sessel steht am Rand des Grabes ihres Sohnes Chris Penn, verstorben am 24. Januar 2006 um 6.15 Uhr. Polizeisprecher Lt. Frank Fabrega vom Los Angeles Police Department gab «Herzversagen» als Todesursache bekannt. Nach Zeugenaussagen war Schauspieler Charlie Sheen der letzte Mensch, der Chris Penn noch lebend gesehen haben soll. Zuvor hatte die Haushälterin Silvia Miranda die frisch gewaschene Wäsche wie immer im Kleiderzimmer von Penns Dreizimmerwohnung am Pacific Drive von Santa Monica deponiert, darunter sicher auch fünf sauber gebügelte Hemden von der Firma Brooks Brothers. Farbe: Weiss. 

«Schwarz ist wie Weiss, bloss schwärzer», sagte der grosse John Huston, der mit «Der Malteser Falke» den ersten Film noir drehte. Auch Sean Penn trägt sein weisses Hemd gern schwarz. Ein weisses Hemd voll steriler Ausweglosigkeit, unterkühlt, klagend, tragisch. So ein Hemd trägt Sean Penn auch heute. Er ist der resignierteste Held unter den grossen amerikanischen Schauspielern, und an jenem Tag sieht er noch ein bisschen resignierter und einsamer aus. 10.15 Uhr Pacific Time, der Himmel gleitet mit hoher Geschwindigkeit auf den Pazifischen Ozean zu. Winona Ryder, schwarz und gothicmässig gekleidet wie in Tim Burtons «Beetlejuice», verlässt das Friedhofsgebäude an der Hand eines Unbekannten, gefolgt von Charlie Sheen, dessen weisses Ralph-Lauren-Hemd glänzende Streifen trägt. Es folgen Jack Nicholson, Paul Thomas Anderson, Angelica Houston.

Auf dem glänzenden Marmorboden der Eingangshalle spiegelt sich die Trauergemeinde – genau wie die psychisch gespaltenen Helden im nassen Strassenbelag, jenem unentbehrlichen Requisit des Film noir. Die Schritte der Lederschuhe hallen im Art-Deco-Gewölbe wider wie diejenigen eines unsichtbaren Bösewichts, der sich dem Helden aus der Tiefe des Raums nähert. Winona starrt Richtung Boden, als ob sie von dort Antworten erwarte, die sie im Himmel nicht mehr finden kann. Vielleicht diese: Es gibt eine Sache, die Tod heisst, und wir alle haben sie schon einmal gesehen. Sie beendet ein Leben. Sie macht Schluss mit einem individuellen lebenden Wesen. Das Konzept des Todes ist wirklich einfach: Er tritt in jenem Augenblick ein, in dem ein lebendes Wesen nicht mehr erfahren oder erleben kann. Der Tod ist hart und eindeutig. Wer ihn erlebt hat, wird «erwachsen». 

Mutter Eileen Penn wankt, knickt bei der Treppe ein. Sean stützt sie, führt sie an einer Reihe Polizisten vorbei, die den Friedhof abgeriegelt haben. Die Polizei tauchte auf, nachdem Sean in ein Handgemenge mit einem Paparazzo verwickelt wurde, der versucht hatte, Bilder von der privaten Abdankung zu schiessen. Sein Hemd zeigt jetzt Blutspuren am Revers. Der edle Baumwollstoff glänzt matt und erinnert daran, dass die Experten renommierter Baumwollbörsen meistens mit einem kleinen Kamm die Faserlänge der Baumwolle testen. Die längsten Fasern sind die hochwertigsten, weil sie die feinsten Fäden ergeben. So ein feinfädig-weisses Hemd trägt Sean Penn zur Beerdigung. Mit Umschlagmanschette, kombiniert mit klassischem schwarzem Anzug, Krawatte, Siegelring am Mittelfinger – es lässt die selbstzerstörerischen, paranoiden Tendenzen dramatischer erscheinen. Besonders unter Erwachsenen, die nicht mehr in den Spiegel schauen, weil sie das kleine Sterben im Leben zyklisch erfahren – oder das Töten zum Beruf gemacht haben. Alain Delon spielt so einen Typen in «Der eiskalte Engel». Auch Chris Penn spielte so einen, als «Nice Guy Eddie Cabot» in Tarantinos «Reservoir Dogs». 

Sean Penn zieht seine Sonnenbrille vom Gesicht, streicht sich mit einem weissen Taschentuch über die Stirn, tupft Schweiss und Tränen aus dem Gesicht, dem Gesicht aus «Mystic River», «Dead Man Walking» oder den anderen Penn-Filmen, in denen er verzweifelten Zorn und bösartige Trauer vermischt. Das Böse in einem solchen Gesicht ist immer anziehend, sympathisch, auch schwach und verstört. Wie der junge Burt Lancaster. Die Umwelt ist düster und verschlossen. Am Ende wird das Böse zwar aufgedeckt, das Überleben der Guten aber bleibt unklar und zwiespältig. Das Kennzeichen des Erwachsenwerdens wie des Film noir ist dieses gnadenlose Gefühl des In-einer-Falle-Sitzens.

Paranoia ist Penns grosses Thema. Je mehr man einen Menschen dem Erleben entzieht, desto näher bringt man ihn dem Tod, weiss er. Er hasst alles, das ihn bei seiner Erfahrung mit der Gesellschaft, dem lebenden Planeten und den lebenden Dingen stört. Mag man auch vermuten, dass es Penn in der Aufmerksamkeitsökonomie mit seinen Provokationen bewusst auf die Spitze getrieben hat – mit Attacken gegen Photographen oder PR-Auftritten im Irak, in Afrika, New Orleans –, sein Zorn, seine Nachdenklichkeit und Verzweiflung erscheinen dabei immer echt. Besonders wenn er weisse Hemden trägt, übrigens mit Kent-Kragen und Umschlagmanschetten, Rückenfalte, Brusttasche, 100 Prozent Baumwolle, waschbar, bügelfrei. Schwarze Limousinen schieben sich jetzt vor dem Holy-Cross-Friedhof aus den Kolonnen der wartenden Fahrzeuge heraus, andere reihen sich ein. Wir erkennen eine neue Gruppe Männer in schwarzen Anzügen und weissen Hemden. Tim Robbins, Robert Downey Jr., der kürzlich verstorbene James Gandolfini war auch dabei.

An der Seite von Penn steht seine damalige Frau Robin Wright. Sie trägt ein schwarzes Kleid von Jil Sander, kombiniert mit weissem Hemd, ebenfalls Jil Sander. Robin ist die perfekte Femme fatale an der Seite von Sean. Sie führen zu diesem Zeitpunkt eine «erwachsene» Ehe, ein schwarzer Zauber aus Begehren und Qual. Eine Faszination, die alles rechtfertigt, jeden Betrug, jeden Schmerz. Erwachsene Liebe. Im Gesicht von Robin Wright Penn kann eine anklagende Verachtung für die Wirklichkeit erstrahlen, Energien, die Sean für seine Abrechnung mit der schlechten Welt nutzt. Es ist diese neue Nachdenklichkeit und Menschlichkeit unter Hollywoods Powerplayers, die eine Renaissance des sozialkritischen und anklagenden Hollywoodfilms ermöglicht – motiviert von 9/11 und Irak –, so ähnlich dem Trauma der Siebziger, das von Vietnam bis Watergate einen kurzen progressiven Wandel in Hollywood und ein Aufblühen des Erwachsenenfilms einleitete. Ein Goodyear-Zeppelin zu einem Monstertruck-Rennen in Ponoma, einem Fest für alle Junggebliebenen, schwebt am Himmel. Der Himmel verdunkelt sich. Die Türen an den Limousinen werden geschlossen.

Ist das alles?

Die Trauergemeinde zieht ostwärts, ins mexikanische Viertel von Los Angeles. Films noirs spielten meistens in heruntergekommenen Gegenden, düster und melancholisch, vom italienischen Neorealismus und vom deutschen Expressionismus beeinflusst. Jedenfalls erstrahlen weisse Hemden im städtischen Chaos ganz besonders hoffnungsvoll, enden aber meistens bloss im grenzenlosen Pessimismus. Wenn sich der Noir-Held in seiner Resignation den Krawattenknopf aufreisst: Das ist das Ende der Erwachsenenwelt. John F. Kennedy leitete es ein, als er sich im Weissen Haus vom «LIFE Magazine» mit Anzug und offenem weissem Hemd photographieren liess. Oder seine Frau Jackie, als sie für die «Vogue» ein weisses Hemd am Bauch zusammenband. Oder Michel Piccoli, der auf Besuch beim Staatschef de Gaulle seine Brusthaare zwischen gelockerter Krawatte und geöffnetem Hemd hervorstrahlen liess. Kein Happy End für Erwachsene. Als Sean Penn zwanzig Minuten später in die mittägliche Stille von East Los Angeles heraustritt, spuckt er auf die Strasse. Sein Bruder ist tot, und er ist noch einsamer, als er es zuvor schon war.

Zwischen den Häusern aus klapprigem Holz stehen dieselben schwarzen Limousinen vor anderer Kulisse. Genauer: vor dem mexikanischen Restaurant «La Serenata de Garibaldi». Manche Häuser hier sehen rosa oder grün aus, doch die meisten wurden immer wieder mit weisser Farbe überstrichen. Weiss ist in diesen Zonen von Los Angeles eine Farbe der Unschuld. Weiss ist ein Hilfeschrei nach Normalität und Frieden. Diese Häuser bestehen aus Schrott – und warten darauf, bald wieder zu Schrott zu werden. Glatzköpfige Cholos spazieren mit Kinderwagen durch die Gegend. Sie tragen weite, weisse Hemden und oft auch weisse Stirnbänder. Das Weiss gilt den glatzköpfigen Familienvätern als Symbol für Ordnung und heile Welt im Gang-Chaos. Klar ist auch, dass Blut auf Weiss dramatischer wirkt. 

Ich beobachtete damals die Ampeln draussen auf der First Street, wie sie von Gelb auf Rot und dann wieder auf Weiss sprangen – das grüne Glas war zerbrochen –, und versuchte mir dabei vorzustellen, was sich in der nächsten Stunde im Restaurant abspielen würde. «La Serenata de Garibaldi» gilt als eines der authentischsten und besten mexikanischen Fischrestaurants von Los Angeles. Ich stellte mir vor, wie Jack Nicholson oben am Tisch sitzt und seine Jack-Nicholson-Sprüche klopft, um die Stimmung zu heben. Doch er gibt bald auf, beunruhigt von der Eisesstille. Sean hat den Teller mit dem Mahi-Mahi weggeschoben. Er holt tief Atem. Sein Hemd und die breiten Hosenträger heben an, bis er merkt, dass seine Lungen bereits voll sind. Als er ausatmet, scheint der Raum für kurze Zeit von seiner Spannung befreit. Sean Penn sieht dann aus, als verabscheute er plötzlich den eigenen Atem. Er steht dann auf, geht zu seiner Mutter und gibt ihr einen Kuss. Er nimmt Robin an der Hand und verlässt das Restaurant. Sein Hemd hängt vorne aus der Hose, er reisst sich die oberen Knöpfe auf. Jetzt ist er ganz unten.

Doch Sean Penn kennt jene Lebensqualität, die daraus resultiert, dass man immer tiefer in den Schmutz vordringt – und dabei gleichzeitig an Hochmut gewinnt. Er hat diese Rolle schon oft gespielt, das sieht man seinem Gesicht an. Dieses kaputte, ausweglose, todessüchtige Gesicht, das wie ein letzter radikaler Anschlag auf den Mythos des jungen Siegers aus Hollywood erscheint. 

Das Konzept der schuldigen, verschmutzten weissen Hemden ist einfach: ich werde mich immer mehr erniedrigen, immer tiefer in Abscheu versinken, bis zu einem Endpunkt, den ich noch nicht kenne, der jedoch von Ästhetik und Moral bestimmt ist. Perverse Erwachsenenwelt: sein Träger versucht, seinem äusseren Sinn Feinheit, Klasse zu verleihen, auch wenn er zu den Untersten der Unteren gehört. Ich kann das gut nachvollziehen: Man bleibt da, wo man sich im Umfeld der Bohème der Halbwelt nähert, und nicht mehr auf der sicheren Seite derjenigen Erwachsenen, die das Ganze als Spiel verstehen und damit kalkuliert umgehen. Man legt es im weissen Hemd aufs Sterben an. Man wird unsterblich. Das weisse Hemd ist ein grandioses Symbol der Menschheit. 

Als Sean Penn in der Limousine untertauchte, hing sein ganzes Hemd aus der Hose, die vier oberen Knöpfe aufgerissen. Ich weiss es noch: Er nimmt seine Zigarette unter die Lupe, als sei etwas nicht in Ordnung mit ihr. Er wirft sie weg. Der Fahrer schliesst die Limousinentür. Und das ist alles. 

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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