«Sterben ist etwas sehr  Intimes»
Corina Caduff, zvg.

«Sterben ist etwas sehr
Intimes»

Corina Caduff befasst sich mit dem neuen Genre der Sterbeliteratur. Unheilbar kranke Autorinnen und Autoren dokumentieren darin ihre letzten Lebensjahre. Dabei beschäftigen sie sich mit Sinnfragen und werden Experten für das Gesundheitswesen.

Die Literaturwissenschafterin Corina Caduff hat soeben die Anthologie «Ein letztes Buch» heraus­gegeben. Dieses versammelt Auszüge aus den ­Werken sterbender Autorinnen und Autoren, die sich mit ihrem nahenden Ende auseinandergesetzt haben, darunter Péter Esterházy, Christopher Hitchens, Christoph Schlingensief und Jenny Diski. Ein neues Genre zeichnet sich ab, das Caduff «autobiografische Sterbeliteratur» nennt.

 

Frau Caduff, wie schreibt man über das eigene Sterben?

Leidend. Denn man schreibt erst dann darüber, wenn man tatsächlich im Sterben begriffen ist.

 

Und was genau ist autobiografische Sterbeliteratur?

Das ist Literatur von Autorinnen und Autoren, die aufgrund einer medizinischen Diagnose wissen, dass sie nicht mehr lange leben. Dabei handelt es sich in der Regel um eine Zeitspanne von wenigen Jahren – natürlich weiss man das nicht exakt, und genau mit diesem Nichtwissen muss man leben lernen. Damit ist immer auch eine gewisse Hoffnung verbunden, dass man selbst die Ausnahme von der statistischen Regel ist. Dennoch fängt man an, sich zu verabschieden – mental, physisch, von seinem eigenen Körper, den eigenen Wahrnehmungen, von An- und Zugehörigen, von der ganzen Umgebung. Sterben ist immer ein Leben in between, denn man lebt ja, und die Frage ist, inwieweit man das eigene Leben noch gestalten kann: Inwieweit hat man die Kraft und den Willen, selbst noch Erlebnisse und Erfahrungen zu gestalten, oder inwieweit überlässt man sich dem eigenen Ende und auch dem Gesundheitswesen als passive Patientin oder als ­passiver Patient.

 

Sind die von Ihnen vorgestellten Autorinnen und Autoren ­Menschen, die von der Diagnose bis zum Tod in Dauer­behandlung sind?

Richtig, und sehr oft in sehr strenger Behandlung in Krankenhäusern oder in Hospizen und zwischendurch auch wieder zu Hause – das ist natürlich variabel. Aber in ihrem langen Kranksein sind diese Personen nicht nur Expertinnen und Experten fürs Sterben, sondern auch für das Gesundheitswesen. Und auf diese Expertise sollten wir besser hören.

 

«Fähre», Kohle auf Papier. Illustration von Anke Feuchtenberger.

 

Ist autobiografische Sterbeliteratur somit zugleich auch Gesellschaftskritik?

Unbedingt. Das Interesse an der Welt, an der Politik, an gesellschaftlichen Fragen und Diskursen fällt zwar am ­Lebensende oft weg – aber es wird durch die Frage, wie man das eigene «Ich» begreift, ersetzt. Wenn ich diese ­Bücher lese, sind das gesellschaftliche «Ichs», auch wenn die, die da schreiben, nur vom eigenen Sterben berichten. Indem sie dieses beschreiben, machen sie es auch als ­Gesellschaftskritik geltend. Denn wenn man die verschiedenen Bücher vergleichend liest, zeigen sich gesellschaftliche Bedingungen und Muster des heutigen Sterbens. Dazu gehört beispielsweise die Auseinandersetzung mit dem Gesundheitswesen – bei allen Autorinnen und Autoren ist zu lesen, dass die Kommunikation mit dem Fachpersonal unstimmig ist: zu wenig informativ, zu wenig empathisch, zu wenig nachhaltig. Hinzu kommt das Pro­blem der Übertherapie, das heute am Lebensende gravierend ist: Hierbei handelt es sich um Behandlungen, deren gesundheitlicher Nutzen gering ist, die kaum zu einer wesentlichen Verlängerung der Lebensdauer beitragen und die aber die ohnehin tiefe Lebensqualität der Patientinnen noch zusätzlich beeinträchtigen. Gerade die Sterbelite­ratur aber zeigt, dass diese Therapien dennoch oft gewünscht werden. Christopher Hitchens etwa war bereit, sich für jedes Experiment zur Verfügung zu stellen und ­alles zu machen, nur um zu überleben. Bei anderen Auto­rinnen und Autoren war es häufig ähnlich, sie wollten oft bis zum Ende alles ausprobieren, was irgendwie Hoffnung versprach, auch wenn diese noch so klein und das Leiden noch so gross waren.

 

Was ähnelt sich im Besonderen?

Der Umgang mit aufbrechenden spirituellen Fragen, mit dem eigenen sozialen Umfeld und dem eigenen Körper. Die Leidensgeschichte des eigenen Körpers ist zentral, denn die meiste Energie frisst der sterbende Körper, der dauernd versorgt werden muss. Weil er Dauerschmerzen bereitet, bekommt er Daueraufmerksamkeit, die Versorgung dieses Körpers ist gleichwohl eine gesellschaftliche Frage.

 

Was sagen diese Texte, wenn man sie aneinanderreiht, über das ­Sterben in der westlichen Welt aus?

Dass Sterben eine Leidensgeschichte ist, die mit Schmerzen und mit Einsamkeit verbunden ist. Zudem kreisen sie um die Frage, wo man heute noch Trost im Sterben bekommt, adressieren also eine zentrale Frage des säkularen Sterbens, denn die Kirche vermag heute keinen Trost mehr zu spenden. So zeigt gerade die Sterbeliteratur, dass man sich bei entsprechenden Diagnosen verstärkt mit spirituellen Fragen befasst, aber ohne äussere Anleitung oder Orientierung, d.h. man muss sich alles selber zusammensuchen, weil es keine festen gesellschaftlichen Todesnarrative mehr gibt. Das Sterben in säkularen Zeiten erzählt deshalb auch von einer gewissen spirituellen Verwahrlosung, die kennzeichnend ist für die heutige Zeit oder für die westliche Welt.

 

Was glauben sterbende Personen überhaupt?

Das ist sehr unterschiedlich und kaum in einem klaren Szenario zu fassen. Tatsache ist, dass tödliche Diagnosen auch im spirituellen Sinne einen grossen Zeitdruck auslösen: Es geht nun darum, sich auf die Schnelle ein spirituelles Gefüge zusammenzusetzen, das trösten und allenfalls auch Aussichten über das Lebensende hinaus anbieten soll. Die Sterbeliteratur zeigt deutlich, dass der allgemeine Religionsverlust ein Sinnvakuum geschaffen hat, das gerade am Lebensende schmerzhaft greift.

 

Ihre These ist, dass hier ein Genre im Entstehen begriffen ist.

Ja. Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts finden sich zwar vereinzelt Titel hierzu, zum Beispiel von Fritz Zorn, Maxi Wander und Peter Noll. Diese wurden auch viel gelesen, standen aber solitär in der Literaturlandschaft. Heute jedoch setzt sich die Sterbeliteratur in Zusammenhang mit dem öffentlichen Diskurs von Sterben und Tod, und die ­Autorinnen und Autoren von Sterbebüchern zitieren sich nun gegen­seitig und tragen so zur Genrebildung bei. Das ist neu.

«Die Sterbeliteratur zeigt deutlich, dass der allgemeine ­Religionsverlust ein Sinnvakuum ­geschaffen hat, das gerade am ­Lebensende schmerzhaft greift.»

 

Wie?

Indem beispielsweise Péter Esterházy sich wiederholt auf Harold Brodkeys Buch «Die Geschichte meines Todes» bezieht, das in den 1990er-Jahren erschien, oder Ruth Schweikert sich auf das Buch von Esterházy – und so weiter. Durch diese gegenseitigen Bezugnahmen ergibt sich ein Feld von Referenzen und eine gewisse Dichte, man setzt sich zueinander in Beziehung und überlegt auch, wie man sich von anderen Sterbebüchern abheben kann. Dass sich diese ­Literatur häuft, hat selbstredend auch damit zu tun, dass wir heute eine Medizin haben, die sterbende Leute länger am Leben erhält, als das früher der Fall war. Heute hat fast jeder Krebspatient ab der Diagnose noch eine bestimmte Strecke vor sich. Das sagt noch nichts über die ­Lebensqualität aus, aber man kann das Leben heute zweifellos besser verlängern als noch vor 20 oder 30 Jahren. Insofern kann sich Sterbeliteratur heute besser behaupten.

 

Zeichnen sich ähnliche Tendenzen auch in anderen kulturellen Arealen ab?

Sicher, Sterben hat Konjunktur im öffentlichen Diskurs und auch im öffentlichen Raum, denken Sie nur an das Festival «Hallo Tod», das im Mai 2021 in Zürich stattfand. Das Thema poppt mittlerweile in allen Medien auf: In Performances und in Videokünsten, und neu gibt es auch wieder die Totenfotografie, die Anfang des 20. Jahrhunderts aus Hygienegründen verschwand. Auch das Malen von Toten hat ein Comeback. Und im Internet ist die Anzahl Sterbeblogs seit ca. Mitte der Zehnerjahre exponentiell angestiegen.

 

Die Floskel, dass der Tod gesellschaftlich verdrängt werde, hält sich derweil jedoch hartnäckig. Was Sie ausführen, ­widerspricht dieser Annahme merklich.

Ja, dennoch ist zu konstatieren, dass neue Medien auch neue Verdrängungsformen generieren. Das Internet ist zwar voller Diskurse über den Tod und das Sterben, voller Gedenkseiten und virtueller Friedhöfe mit unzähligen ­Animationen, aber man findet dort keine Hinweise auf den toten Körper – Knochen, Asche, all das, was von Vergänglichkeit zeugt, existiert dort nicht.

 

Wie haben Sie Ihren Sammelband zusammengestellt?

Ich habe Texte ausgewählt, die sich gut lesen lassen und die gut geschrieben sind. Ich habe zudem versucht, verschiedene Facetten zu betonen. Trotz geteilter Sujets wie etwa der Frage des Gesundheitswesens haben alle diese Bücher immer auch etwas Individuelles. Das ist eine Doppelfigur in jedem Buch: Es gibt die persönliche Gestaltungsweise des Sterbens und des Leidens, und gleichzeitig erkennt man in jeder einzelnen Geschichte auch kulturell Wiederkehrendes.

 

Sterben Männer anders als Frauen?

Ja, Geschlechterunterschiede sind sicher hervorzuheben. Das Anklagende und Provokative findet sich tatsächlich sehr viel öfter bei Männern, sie äussern deutlich mehr ­Aggressionen gegen die zunehmende Unkontrollierbarkeit des eigenen Körpers. Autorinnen hingegen integrieren Schmerzen und körperliche Leiden eher in ein Gesamtkonzept von Werden und Vergehen.

 

Hat Sie dabei etwas überrascht?

Péter Esterházy hatte Bauchspeicheldrüsenkrebs. In seinem Sterbebuch imaginiert er eine Liebesbeziehung zu diesem Organ und stellt sich vor, Sex mit «dem Fräulein Bauchspeicheldrüse» zu haben, das «mal ganz toll gefickt werden müsste, dann würde es Ruhe geben». Das ist schwer auszuhalten, aber auch ein Bewältigungsmuster, denn der Autor gestaltet diese Beziehung narrativ eigens aus und übt somit zumindest im Schreiben eine Ver­fügungsgewalt über die Situation aus.

 

Hat diese Literatur etwas Tröstliches an sich?

Wenig. Trost müsste eine gewisse zeitliche Stabilität haben, um greifen zu können. Die Autorinnen und Autoren suchen überall nach etwas, das helfen könnte – die richtige Ernährung, das richtige Buch, das Gespräch mit einer buddhistischen Nonne –, doch wenn sie etwas Passendes finden, hilft das nur für einen Moment, für einen Tag oder für eine Woche, aber kaum etwas bietet durchgehend Trost.

 

Auffällig ist, dass es in Ihrer Auswahl nur einen gläubigen ­Autor gibt, Michael Paul Gallagher.

Ja, Gallagher, 2015 im Alter von 76 Jahren verstorben, war ein ordinierter Jesuit, der ein Leben lang religiöse Praktiken betrieben hatte. Dennoch gibt es auch bei ihm im Sterbe­prozess wiederholt Momente, in denen er am Glauben zweifelt.

 

Taucht das Thema Sterbehilfe irgendwo auf?

Wenn es tatsächlich ums Sterben geht, ist das interessanterweise kaum mehr Thema. Cory Taylor, die australische Autorin, die am längsten mit ihrer Krankheit – Hautkrebs – gelebt hat, ist die einzige, die sich überhaupt damit auseinandergesetzt hat. Sie war zu Beginn ihrer Diagnose Exit beigetreten, dies aber vor allem, um in Kontakt zu kommen und sich auszutauschen mit Leuten, die in der gleichen ­Situation sind. Als Debatte ist Sterbehilfe im Kontext der Sterbeliteratur jedoch nicht präsent.

 

Gibt es Literatur, von der Sie finden, dass man sie unbedingt gelesen haben müsste, wenn man sich mit dem Tod befasst?

Wenn man im abstrakten Rahmen das Sterben reflektiert, ist das etwas ganz anderes, als wenn man dann tatsächlich im Sterben begriffen ist. Ich würde deshalb gerne die aus­gewählten Bücher empfehlen, denn es gibt kaum autobiografischere Literatur als Sterbeliteratur: Sterben ist etwas sehr Intimes, das von dieser Literatur nun öffentlich gemacht wird. Bei allen Autorinnen und Autoren findet eine fundamentale Änderung der Wirklichkeitswahrnehmung statt, und genau das heisst Sterben: Vom Tag der Diagnose an ist man ein anderer Mensch. Das ist irreversibel und sehr prägend.

 

Hat sich Ihr eigenes Verhältnis zum Tod verändert?

Im Moment ist das Thema für mich als Forscherin dauerpräsent. Wenn ich aber eines Tages selbst eine sterbende Person sein werde, weiss ich, dass ich auf die Sterbebücher von anderen zurückgreifen kann. Sie spuren uns den Weg.

 

Der Kulturteil der November-Ausgabe zum Thema «Sterben» wurde illustriert von Anke Feuchtenberger.

Anke Feuchtenberger. Bild: Gunter Glücklich/Laif.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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