Stein bleibt, der Sinn ändert

Der Skulpturenbauer Markus Müller

Stein bleibt, der Sinn ändert

«Ich male Kunst an», sagt der Vater zur Begrüssung, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. Er steht im grauen Overall im Atelier seines Sohnes, einen Topf mit weisser Farbe zu seinen Füssen, und bemalt mit breitem Pinselstrich ein freistehendes Bild von der Grösse einer Tür.

Vielleicht ist das Bild auch gar kein türgrosses Bild, sondern tatsächlich eine Tür. Und der Vater bemalt gera-de den Türrahmen. Dafür sprechen nicht nur Form und Dimensionen, sondern auch das Material, das aus Holz

zu sein scheint; beim zweiten Blick wird allerdings deutlich: es ist wohl keine echte Holzmaserung, sondern nur eine aufgemalte. Auch fehlt die Türklinke. Also ist

die Tür vielleicht doch ein Bild? Nein, das Objekt ist

Teil einer Skulptur und vorerst nichts weiter als eine Sperrholzplatte mit Holzdekor, umrahmt von Weiss, Vorbereitung für eine Ausstellung in London nächste Woche. Dort soll das Objekt in einem der Galerieräume vor ein grosses Element, aus Styropor und Sperrholz mit Betondekor,

gestellt werden. Darf man also vermuten, der vom Vater gemalte Rahmen markiere den Durchgang von der Realität in die Kunst, wenn es einem nur gelänge, eine Tür-klinke anzubringen? Um dann gegen das Betondekorelement zu laufen und zu lernen: auch die Kunst hat ihre Grenzen?

Markus Müller begegnet solchen Interpretationen mit Gelassenheit. Seine Werke aus Polyurethanschaum, Sperrholz, Karton und Spanplatten, die sich mit Hilfe von Ölfarben, Kunstharzspray, Wandtafellack oder Kreide zu Knochen, Granit, Achat, Marmor oder Edelholz wandeln, sind für ihn erst einmal Objekte, die «Platz einnehmen, schweigen und sich nicht von der Stelle rühren». Und damit hat er gleichzeitig umrissen, was für ihn die Essenz einer Skulptur ausmacht. Doch stumm auf der Stelle verharrt auch eine Ansammlung von Geröll, ein Baumstrunk oder ein Fels. Es ist diese Frage, wann nun Natur zur Kunst und Kunst wieder zur Natur wird, mit der sich Markus Müller beschäftigt. Dabei kann er ziemlich respektlos sein.

Der italienische Bildhauer Gian Lorenzo Bernini etwa schuf «Apollo und Daphne» aus hellem Carrara-Marmor, eine Skulptur, die sich seit bald vierhundert Jahren in der Villa Borghese in Rom befindet. «Leidenschaft und unerhörtes Liebesflehen erkennen wir unschwer in dem Paar, und dennoch» sagt Markus Müller, «ist es am Ende nichts als Stein».

Bei einer gegenständlichen Skulptur wie «Apollo und Daphne» wird man mit der Reduktion auf das Material nicht ohne weiteres einverstanden sein. Bei abstrakter Kunst auf öffentlichen Plätzen, vor dem Rat- oder Vereinshaus oder in der Einkaufspassage, lässt sich dieser Behauptung leichter zustimmen: wie oft kommt es doch vor, dass kaum ein Passant ahnt, welche Kunstwerke hier einst in einem feierlichen Akt enthüllt worden sind. Teilnahmslos, mit anderen Dingen beschäftigt, registriert er aus dem Augenwinkel verrostetes und aus der Halterung geratenes Eisengestänge; willkürlich verstreute, schmuddelige Betonklötze, auf deren Oberfläche sich Wasser sammelt; oder die bröselnde Ansammlung von Sandsteinen, zwischen denen eine leere Zigarettenschachtel und verwelkte Blätter hängengeblieben sind. Skulpturen als Mahnmale des verlorenen Sinns.

Erst der kulturelle Kontext, der Zeitgeist, die künstlerische Programmatik und wohl auch die Gewohnheit machen aus Artefakten Kunst, geben ihnen Sinn und Bedeutung. Wie «die Rezeption einer Skulptur vom Kontext abhängt», darauf möchte Markus Müller mit seinem Werk aufmerksam machen. Und beginnt mit der Reflexion über das Material, aus dem traditionellerweise Skulpturen hergestellt werden. Marmorblöcke, Holzstrünke und Halbedelsteine sind Natur pur und Ausgangsmaterial für viele Bildhauer. Der Dreh bei Markus Müllers Arbeiten ist, dass sein Marmor, Holz und Halbedelstein aus Gebrauchsmaterial hergestellt ist, wie man es in jedem Baumarkt finden kann. Sie sind ganz offensichtlich Artefakte, die vorspiegeln, Naturprodukte zu sein und in dieser Doppeldeutigkeit den Zuschauer dazu verführen, vom Material zu abstrahieren. Übrig bleibt als Essenz das Raumgreifende, Schweigsame, Unbewegliche als stets vorhandene Projektionsfläche für immer neu zuzuweisenden Sinn und unterschiedliche Bedeutung.

So gesehen sind die Arbeiten von Markus Müller Interpretationen von Skulpturen und den Bedingungen, unter denen sie wirken. Und wer in seinem Atelier einen Kaffee trinken will, der wird sich daher mit einem gewissen Respekt auf dem Betonensemble am Fenster niederlassen – Vorsicht, es könnte ja Kunst sein. Ein Klopftest zeigt: das Ensemble ist hohl, vielleicht aus Pressspan…

Weiter ausholend, liesse sich ergänzen, dass jedes Objekt mit Bedeutung nur insofern versehen ist, wie wir sie ihm beimessen, es benötigt den gesellschaftlichen Kontext, die überlieferten Zuschreibungen, die Tradition, um mehr als nur eine spezifische Zusammenballung von Materie zu sein. Nichts ist sinnvoll per se, ein isoliertes Objekt leer ohne Geschichte. Stein überdauert, der Sinn muss ihm durch die Kultur ständig neu eingehaucht werden. Zwischen dem Profanen und dem Heiligen, zwischen dem Gebrauchsgegenstand und der Kunst, zwischen Stein und Sinn, verläuft nur eine fragile Grenzlinie. «Ich male Kunst an», die Formulierung des Vaters zielt auf diese Grenzlinie, die dadurch verändert wird. Das «Anmalen», ein Begriff des Profanen, lässt sie durchlässig werden, sodass der Alltag Marmor, Holz oder Halbedelstein mit Sinn übertüncht.

Zum Abschied sagt der Bildhauer noch: «Ein Stück Fleisch, das bin ich. Im Endeffekt. Mehr nicht.» Ein Glück, dass es den Kontext gibt.

Markus Müller wurde 1970 in Teufen, Appenzell Ausserrhoden, geboren. Nach einer kaufmännischen Lehre studiert er Bildhauerei an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel. 2006 widmet ihm das Kunsthaus Glarus die Einzelausstellung «Agatenplatten», zu der eine umfassende Monographie «Nutzen und Nachteil» (edition fink) erscheint. Markus Müller lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in Basel.

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