«Steh auf!»

Ein Mann wie ein Hochseetanker: Seine Oberarme sind aus Stahl, im Maschinenraum dampftʼs – und im Kopf, auf der Brücke, wird stets nüchtern der Kurs bestimmt. Der Berliner Musiker Rummelsnuff hat viel erlebt und weggesteckt. Wie man die Untiefen des Lebens umschifft, weiss dieser Käpt'n deshalb ganz genau.

«Steh auf!»
Rummelsnuff, photographiert von Robert Bartholot.

Die deutschsprachige Popmusikszene hat in den letzten Jahren viel Vernachlässigbares hervorgebracht. Da übersetzten findige junge Bardinnen und Barden das übliche Herzschmerz- und Befindlichkeitsgedöns vom Englischen einfach ins Deutsche – und galten damit, im Zuge der rollenden Deutschland-ist-wieder-normal-und-vollkommen-okay-Welle, als new state of the art, Verzeihung: neuer Status der Kunst. Auch wähnten sich alle möglichen sogenannten Indie-Bands als Avantgarde, weil sie ihre Gitarren seltener stimmten als ihre Musikschullehrer und die Diktatur des Viervierteltakts mit ein paar smarten Holperern und dissonanten Einsprengseln verbrämten. Kurzum, was Adorno einst «Pseudoindividualität» nannte, ist längst nicht passé.

Einer jedoch sticht wirklich heraus: Roger Baptist, geboren 1966 im sächsischen Grossenhain, seit 2005 bekannt als «Rummelsnuff», der brummelige Kapitän auf einem Dampfer vollbeladen mit Liedern über die Einsamkeit auf See, Thüringer Bratwürste, Brüderlichkeit, Himmelfahrtsausflüge, südosteuropäische Schnäpse, Polarexpeditionen, Sport, Autos, Arbeit, Armdrücken.

So klischeehaft es klingen mag: Baptist passt, nicht nur aufgrund seines herkulischen Oberarmumfangs, in keine Schublade. Er eckt an mit betont männerlastigen, kraftmeierischen Themen und ist doch von knuffig-liebevollem Naturell. Manch machohafter Hetero spendet ihm reflexhaft Beifall, bis er merkt, dass er ein Schwulenidol bejubelt. Was optisch auf eine rechte Gesinnung hindeuten könnte – Glatze, Muskeln –, ist die Tarnkappe von Witz, Widerständigkeit, liberalem Gedankengut und einem anarchisch-nonkonformistischen Lebensstil. Baptists Musik ist ein bislang nie gehörter, so eingängiger wie verstörender Mix aus schunkeligen Seemannsliedern und dunklem Underground-Elektro. Eine Rummelsnuff-Platte gleicht einer Schifffahrt durch einen Archipel aus Klanginseln, auf denen jeweils eine andere, aber doch mit den übrigen verwandte Liedkultur gepflegt wird. Auf der einen delektiert man sich an Neuinterpretationen von Klassikern wie Leonard Cohens «The Partisan» oder Paolo Contes «Azzurro», auf der anderen wummert das Lied «Ringen» im Darkroom einer Schwulendisco, auf einer dritten basteln Schrauber zu den Beats von «Donnerbolzen» an ihren Boliden.

So vielgestaltig wie Rummelsnuffs Musik ist auch die Biographie Baptists. Als Jugendlicher spielte er Fagott im Orchester, war später mit Bands wie den «Freunden der italienischen Oper» aktiv in der Undergroundmusikszene der DDR, arbeitete im neuen Jahrtausend als Krafttrainer und Türsteher im Berliner Club Berghain, kollaborierte mit avantgardistischen Künstlern und Theaterregisseuren. Er gibt sich gerne wortkarg in Interviews, aber schreibt geschliffene Sätze und parliert im französischen Fernsehen schon mal in der Landessprache. «Derbe Strommusik» nennt er sein Werk, andere haben es unter dem Rubrum «neues Arbeiterlied» eingestuft. Baptist pflegt eine merkwürdig altertümelnde Sprache mit Sätzen wie «Dein Leid, merke dir, heilt die Zeit» oder «Wackre Leutʼ sich zusammenschlossen / und waren fortan Eidgenossen». Über sich selbst spricht er in der dritten Person, reflektiert diese Eigenart aber wiederum in Zeilen wie «Der Käptʼn, du hörst es schon, spricht gern von sich und in der dritten Person».

Kurz: Baptist ist ein Unikat und Freigeist, wie man ihn selten findet. Er besingt nicht die Differenz, er ist die Differenz. Dass zudem Abhärtung und Überwindung von Widerständen, aber auch die Fährnisse des stressigen modernen Lebens zu seinen Themen gehören, ist Grund genug für ein Interview in Zürich und eine E-Mail-Konversation zwischen Bern und Kalifornien.

 

Käptʼn, du bist gerade im sonnigen Kalifornien von Bord gegangen. Wie ist die Lage an Land, was steht an – Entspannung am Strand? Oder Pumpen am Muscle Beach?

Oder so: Entspannung durch Pumpen am Muscle Beach. In der ersten Woche wurden Konzerte in Mexiko-Stadt und Los Angeles gegeben, inzwischen ist Ruhe eingekehrt, Käptʼn und Maat haben sich ins Hinterland zurückgezogen. Eine verwitterte Ranch in
der Mojavewüste ohne Strom und Internet ist das Domizil für die nächsten Wochen. Entspannender gehtʼs kaum.

In den letzten Jahren hat der, nun ja, Rummel um dich stetig zugenommen. Führst du mittlerweile ein aufzehrendes Leben oder
geht es noch einigermassen relaxed zu?

Ein selbstauferlegter…