Star ohne Allüren

Nachhaltigen Ruhm erlangte sie durch ihre Titelrolle in Franz Schnyders Film «Gilberte de Courgenay» (1941), doch ihre grosse Liebe gehörte zeit ihres Lebens dem Theater: Anne-Marie Blanc. Der erste weibliche Star des Schweizer Films verstarb im Februar 2009 im Alter von fast 90 Jahren. In dem nur wenige Monate nach ihrem Tod erschienenen Erinnerungsbuch zeigt […]

Nachhaltigen Ruhm erlangte sie durch ihre Titelrolle in Franz Schnyders Film «Gilberte de Courgenay» (1941), doch ihre grosse Liebe gehörte zeit ihres Lebens dem Theater: Anne-Marie Blanc. Der erste weibliche Star des Schweizer Films verstarb im Februar 2009 im Alter von fast 90 Jahren. In dem nur wenige Monate nach ihrem Tod erschienenen Erinnerungsbuch zeigt die Schriftstellerin, Journalistin und Regisseurin Anne Cuneo Anne-Marie Blanc von einer ganz persönlichen Seite. Es ist ein Eintauchen in die Erinnerungen der Grande Dame des Theaters, deren besonderer Stolz es war, ihre Rollen als Ehefrau, Mutter und Schauspielerin unter einen Hut gebracht zu haben. Über die dokumentierten Gespräche bei einer Tasse Tee in ihrer Wohnung oder bei einem Glas Champagner im Foyer des Zürcher Schauspielhauses gewinnt der Leser Einblick ins berufliche ebenso wie ins private Leben von Anne-Marie Blanc. Er lernt sie als Frau kennen, die ihren Beruf bis ins hohe Alter mit viel Engagement, Disziplin und Leidenschaft ausübte und neue Herausforderungen nie scheute.

Die Schauspielerin spricht von ihrer welschen Herkunft und ihrem Werdegang, über ihre Lieblingsrollen und über ihr Berufsverständnis, kehrt gedanklich an das Schauspielhaus Zürich zurück, wo ihre Karriere 1938 im Emigrantentheater während des 2. Weltkriegs ihren Anfang nahm. Während dieser Zeit begegnete sie auch dem Filmproduzenten Heinrich Fueter, ihrem späteren Mann. Nicht wegen, nein, dank ihm habe sie Karriere gemacht, weil er dafür gesorgt habe, dass sie, neben ihrer Rolle als Mutter dreier Söhne, Zeit für ihre Arbeit hatte, betont Anne-Marie Blanc mit Vehemenz.

Selbst Memoiren niederzuschreiben, lehnte die bescheidene Blanc als «Voyeurismus im Abendkleid» und «konservierte Eitelkeit» über Jahre hinweg dezidiert ab. Glücklicherweise konnte Anne Cuneo doch noch das Einverständnis der Akteurin gewinnen, ihr reiches Leben zuerst im Film, dann auch in Buchform zu dokumentieren. Das Buch folgt keiner klaren Chronologie, sondern dem leichten Fluss des Dialogs der beiden Frauen. Der rote Faden ergibt sich aus der Beziehung der Schriftstellerin zur Porträtierten. Eigens für die von ihr verehrte Anne-Marie, ihre «Madame Paradis», schrieb Cuneo denn auch das gleichnamige Stück, das ebenfalls im Buch enthalten ist. Der heikle Balanceakt, selbst als Schriftstellerin und Regisseurin zu Wort zu kommen, ohne sich dabei allzusehr in den Vordergrund zu stellen, glückt Cuneo nicht immer. Doch wenngleich die langen Abschweifungen in die eigene Vita der Biographie Blancs zunächst wenig zuträglich erscheinen, macht es gerade die Darstellung der für Cuneo schicksalhaften Freundschaft möglich, weitere Facetten der Schauspielerin auf dezente Art zum Ausdruck zu bringen.

Die ebenfalls eingeflochtenen Stimmen von Schauspielkollegen, wie Maria Becker, Regisseuren, wie Chris Niemeyer, und vor allem diejenigen ihrer Söhne runden das Porträt ab. Entstanden ist nicht nur die biographische Hommage an eine geschätzte Freundin und grosse Künstlerin, sondern auch ein Stück Theater- und Filmgeschichte, das dank der beigelegten DVD und dem an privaten Fotografien reichen Bildteil noch weiter an Intensität gewinnt.

Anne Cuneo: «Anne-Marie Blanc – Gespräche im Hause Blanc». Zürich: Römerhof, 2009

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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