Stalin, die Leseratte
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Stalin, die Leseratte

Ein neues Buch gibt Einblick in die persönliche Bibliothek des sowjetischen Diktators.

 

Der britische Historiker Geoffrey Roberts setzt sich in seiner neuesten Publikation mit den Büchern auseinander, die Josef Stalin (1878‒1953) gelesen hat. Dabei geht er der Frage nach, wie die Lektüre den sehr lesefreudigen und zugleich kaltblütigen Diktator prägte. Die persönliche Sammlung umfasste bei seinem Tod rund 19 500 Bücher, Broschüren und Zeitschriften, wovon rund 14 000 an andere Bibliotheken weitergegeben wurden. Es blieb somit ein Restbestand von etwa 5500 Büchern übrig, wovon rund 400 mit handschriftlichen Notizen versehen sind. Diese hat Roberts untersucht.

Bemerkenswert sind die Ausführungen zu Stalins Leseverhalten: Im Gegensatz zu Lenin, der ganze Notizbücher mit Zitaten, Zusammenfassungen und Kommentaren füllte, kritzelte Stalin seine Überlegungen direkt ins Buch. Durch seine «pometki» – was auf Russisch so viel wie Notizen oder Anmerkungen heisst – hofft Roberts, auf die Gedanken und Eigenheiten zu stossen, die sich hinter dem markanten Schnauz verbargen. Freilich gelingt das nicht immer: Die Qualität und Struktur der Notizen variieren stark, manchmal hat Stalin offensichtlich nur zum Vergnügen oder ohne klare Reaktion gelesen. Die «pometki» reichen von längeren Sätzen über Worte der Zustimmung im Sinne von «jaja» und «gut» bis hin zur blossen Verachtung. So finden sich die in seiner Handschrift abgefassten Ausdrücke «ha ha», «Müll», «Dummkopf», «Dreckskerl», «Schurke» oder «verpiss dich».

Stalin war demnach nicht nur ein grausamer Herrscher, sondern auch ein fluchender Bücherwurm. (ms)


Geoffrey Roberts: Stalin’s Library – A Dictator and His Books, Yale University Press, 2022.

«So spannend, dass man es gar nicht
abwarten kann, bis der Monat wieder vorbei ist.»
Hans-Werner Sinn, Ökonom,
über den «Schweizer Monat»