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Stahl, der die Welt ordnete
Bild: Franke. Pioniere des Edelstahls

Stahl, der die Welt ordnete

Wie ein Schweizer Industrieunternehmen durch die konsequente Beherrschung eines Werkstoffs langfristigen globalen Wert schuf.

Disruption gilt heute oft als der dominante Mythos unserer Zeit. Tatsächlich jedoch wurde die Welt, in der wir leben, nicht von Disruptoren gebaut, sondern von Menschen, die Materialien verstanden. Edelstahl ist eines davon.

In Franke. Pioniere des Edelstahls erzählt der Wirtschaftshistoriker Helmut Stalder die Geschichte eines Unternehmens, das nicht mit visionären Parolen wuchs, sondern an der Werkbank. 1911 in Rorschach als kleine Blechwerkstatt gegründet, verwandelte Franke schrittweise einen widerspenstigen Werkstoff in ein industrielles System, hygienisch, langlebig, skalierbar und leise transformierend.

Ein entscheidender Schritt erfolgte in der Zwischenkriegszeit, als Franke von traditionellen Metallen auf Edelstahl umstellte, damals noch ein anspruchsvolles und kostspieliges Material. Die Entwicklung vollständig geschweisster, fugenloser Edelstahlspülen Ende der 1930er Jahre markierte einen technologischen Durchbruch. Weniger Verbindungen bedeuteten weniger Keime und setzten neue Hygienestandards zu einer Zeit, als die moderne Küche erst im Entstehen begriffen war.

Nach dem Tod des Firmengründers Hermann Franke im Jahr 1939 führte sein Sohn Walter das Unternehmen durch die Kriegsjahre in den Wiederaufbau nach dem Krieg. Statt einer schnellen Expansion nachzujagen, vertiefte Franke seine Materialkompetenz und erweiterte seine Systemlogik, von einzelnen Komponenten hin zu integrierten Küchen- und Foodservice-Lösungen. Die Internationalisierung folgte nicht als Sprung ins Ungewisse, sondern als Konsequenz von Vision und industrieller Zuverlässigkeit.

Dies ist weder ein heroischer Gründermythos noch eine Managerhagiografie. Stalder zeigt, wie langfristiger Erfolg entsteht, wenn Ingenieurskultur, die Werte eines Familienunternehmens und Geduld zusammenspielen. Wachstum entsteht dann kumulativ über Generationen.

Gerade deshalb wirkt diese Geschichte heute erstaunlich aktuell. Während sich digitale Geschäftsmodelle immer weiter von der physischen Welt entfernen, erinnert Franke daran, dass Wohlstand weiterhin dort entsteht, wo Restriktionen gemeistert, Komplexität organisiert und Verantwortung als langfristige Tugend übernommen wird.

Ein Buch über Edelstahl, das über das Erschaffen von Wohlstand mehr sagt als viele kapitalistischen Manifeste. (A.B)

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