Sprachehen

Schriftsteller müssen in der Sprache des Landes schreiben, in dem sie leben, nicht oder nicht nur in jener, aus der sie herkommen, wenn ihre Werke ein unübersetztes Originaldasein geniessen wollen. Deshalb bedienen sich viele mehr als einer Sprache. Oder sie schreiben in der einen und übersetzen dann selbst in die andere. Wie aber geht das genau vor sich? Besteht nicht die Gefahr, zwischen Sprache und Sprache zu fallen? Gibt es nicht eine Todeszone der Sprachlosigkeit, die sich zwischen alle Sprachen schieben kann?

Das angezeigte Buch versammelt 14 kurze, mit vielen Interviewpassagen aufgelockerte Porträts mehrsprachiger Autorinnen und Autoren – in die Schweiz verschlagener oder schon hier geborener. Nicht das Sprachliche allein wird verhandelt, auch die Migrantenexistenz, das Leben zwischen Ländern und Welten. Den Lebensbeschreibungen folgen jeweils kurze Textauszüge.

Zsuzsanna Gahse, aus Ungarn, ist wohl die bekannteste portraitierte Autorin des Bandes. Sie verlor, als sie eine neue Sprache lernte, keine Kultur, sondern gewann weitere Kulturen hinzu. 2006 erhielt sie den Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert-Bosch-Stiftung, der an Schreibende verliehen wird, «deren Muttersprache und kulturelle Herkunft nicht die deutsche ist [und] die mit ihrem Werk einen wichtigen Beitrag zur deutschsprachigen Literatur leisten». Ein anderes Porträt gilt einer Schriftstellerin aus Senta in der Wojwodina, einer autonomen ungarischen Provinz Serbiens. Nach dem Ungarischen wurden Hochdeutsch und Schweizerdeutsch ihre zweite Heimat: Melinda Nadj Abonji. Seit ihrem Buch «Tauben fliegen auf» der Deutsche Buchpreis zugesprochen wurde, ist sie präsent in allen Feuilletons, und die Schweizer feiern sie als eine der Ihren, obwohl sie nach der Preisverleihung sagte: «Ich bin eine ungarische Serbin, die in der Schweiz lebt.»

Die Porträts verschaffen Einblick, aber sie führen nicht immer in die Tiefe. Was ist die besondere Qualität von Werken mehrsprachiger Autoren? Gibt es Unterschiede, ob man vom Ungarischen zum Deutschen oder vom Englischen zum Deutschen oder vom Deutschen zum Ungarischen kommt? Ist Zweisprachigkeit dem Schreiben förderlich? Wie unterscheiden sich die Mehrsprachigen von den Schweizern, die zwischen dem mündlichen Dialekt und dem schriftlichen Hochdeutsch wechseln? Von Glück und Verzweiflung der zwischen Sprachen Zerrissenen, der von allen Sprachen Verlorenen, der zum Wunder der über allen Sprachen angesiedelten Sprache Vorgestossenen ist kaum die Rede, und man hört von niemandem, dass er daran zugrunde gehen könnte, weil er in keiner der Sprachen das richtige Wort findet.

Am engsten umkreist dieses Rätsel Beat Mazenauers subtiles Porträt Arno Camenischs. Er erläutert die Differenz zwischen transgressio und translatio, zwischen Überschreiten und Übertragen. «Während ein Autor selbst die Sprachgrenze überschreitet, trägt ein Übersetzer den Text eines Autors in die andere Sprache hinüber.» Camenisch arbeitet mit Leihwörtern, mit klanglichen und lexikalischen Nuancen. Er schafft genuine Zweisprachigkeit, Texte in zwei Sprachen, die nicht übersetzt sind, sondern Kunstprodukte, die mit mehreren Idiomen arbeiten.

Querdurch ist zu lernen: der Grad an Selbstverständlichkeit und Komfort, den das Wohnen in einer Sprache annimmt, ist bei jedem anders. Mehrsprachige scheinen allgemein mehr von aussen an die Wörter heranzugehen. Ihr Schreiben in nur einer Sprache atmet stets ein Quantum Fremdsprachlichkeit, Setzung und Übersetzung; dies macht den gewaltigen Abstand der kulturellen Räume hinter den Sprachen ahnbar.

«Mutter, wo übernachtet die Sprache? 14 Porträts mehrsprachiger Autorinnen und Autoren in der Schweiz». Zürich: Limmat, 2010

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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