Sprache ist Heimat

Wie die Schweiz hat auch Singapur vier offizielle Landessprachen: Englisch, Mandarin, Malaiisch und Tamil. Die vier Sprachen sind das Abbild der multiethnischen Bevölkerung Singapurs. Neben mehreren Sprachvarianten wird auch ein chinesischer Dialekt namens Hokkien gesprochen. Ich bin neben dem Schweizerdeutschen vor allem mit und in diesem Dialekt aufgewachsen, es ist die Muttersprache meiner Mutter. Egal, […]

Wie die Schweiz hat auch Singapur vier offizielle Landessprachen: Englisch, Mandarin, Malaiisch und Tamil. Die vier Sprachen sind das Abbild der multiethnischen Bevölkerung Singapurs. Neben mehreren Sprachvarianten wird auch ein chinesischer Dialekt namens Hokkien gesprochen. Ich bin neben dem Schweizerdeutschen vor allem mit und in diesem Dialekt aufgewachsen, es ist die Muttersprache meiner Mutter. Egal, was mir seitdem auf Hokkien entgegenschlägt: es klingt wie daheim.

Heute wird der Dialekt hauptsächlich im Norden Malaysias gesprochen, teils in Hongkong und ab und zu auch noch in Singapur. Ab und zu: gemäss dem Grundsatz «Ab mit den alten Zöpfen – Platz für Neues!» wurde diese Sprache in einer staatlichen Kampagne seit den 1970er Jahren in eine Nische gedrängt. Chinesische Eltern erziehen ihre Kinder in Englisch oder Mandarin. Vermutlich wird schon in der folgenden Generation jeder Singapurer die Stirn runzeln, wenn man ihn in jenem chinesischen Dialekt anspricht, der noch im Singapur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts am verbreitetsten war. Altmodisch und vorteillos erscheint der Dialekt heute – weder in der Ökonomie noch im Hinblick auf die Öffnung gegen Westen bringt uns diese Sprache etwas. Wer mithalten will, versucht es mit Englisch. Mandarin schadet auch nicht, wenn man an den Austausch mit dem grossflächigen China denkt.

In den Nischen jedoch, dort, wo sich das Alte einrichtet und weiterlebt, lebt es sich besonders und vergnüglich. Um mein Bedürfnis nach Heimat zu stillen, zieht es mich also immer wieder in jene Ecken der Stadt, in denen auch das Hokkien zu Hause ist: alte Shop-House-Quartiere, lokale Fisch-, Fleisch- und Gemüsemärkte. Die älteren Leute, die dort hinter den Theken und Tischen ihr müdes Lächeln zeigen und genervt, aber selbstzufrieden über die neue Generation fluchen, tun dies in Hokkien. Die neue Generation spricht es nicht, also braucht sich auch niemand zurückzuhalten. Und so verwestlicht der Tigerstaat auch sein mag, in diesen Quartieren stellen Nichtasiaten ihr Aussehen öffentlich aus, tragen es selbst auf den Markt – und werden dementsprechend beäugt. Nun: ich gehöre hier beiden Minderheiten an – der jungen Generation und den Europäern. Also werde ich angestarrt. Das ist okay, oder zumindest ist es nichts Neues für mich. Das Eurasien, aus dem ich stamme, gibt es nicht. Also bin ich die andere, ob in der Schweiz oder in Singapur.

Eine meiner Streiftouren führte mich letzthin auf einen Antiquitätenmarkt. Während ich meinen Blick über die dargebotenen, alten Gegenstände streifen liess, waren sich die beiden Standbesitzerinnen – zwei Damen von schätzungsweise sechzig oder siebzig Jahren – bereits einig. In einstimmigem Hokkien lautete ihr Masterplan (zur Wahrung des Weltfriedens verzichte ich an dieser Stelle auf die wortgenaue Übersetzung): «Dieser Europäerin hauen wir das Doppelte auf den Preis. Die reichen Säcke sollen wenigstens bezahlen, wenn sie zu uns kommen und alles kaputtmachen.» Selbst in gefilterter Form: harte Worte.

Als ich – in Hokkien natürlich – fragte, wie viel denn so eine blaue Vase koste, schauten sie einander entsetzt an. Es war eine scheussliche Vase, aber ich bekam sie dann zum Sonderpreis. Ich, der reiche Sack, lächelte freundlich und bezahlte. Die Damen liessen keinen Ton mehr verlauten. Ich aber wäre gern noch etwas länger geblieben, zum Tee vielleicht. Ganz im Zeichen des Gefühls, das mich an dem Stand überkam: das Gefühl von zu Hause. Im heimeligen Hokkien.

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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