Spiel mit gezinkten Würfeln

Wem in unserer Gesellschaft der ganz grosse Wurf gelingt, der hat viel geleistet, Glück gehabt – oder gute Beziehungen. Netzwerke haben eine natürliche Tendenz zu verfilzen. Was kann man dagegen tun? Bewusst den Zufall mitspielen lassen!

Spiel mit gezinkten Würfeln
Katja Rost, fotografiert von Thomas Burla.

Frau Rost, mit dem «Filz» ist es so eine Sache: Alle glauben zu wissen, was das ist – eine echte Definition dafür gibt es aber nicht. Von kleineren Gefälligkeiten unter Kollegen über das politisch-systematische Ausnutzen von Insiderwissen bis hin zur handfesten Korruption kann man darunter alles Mögliche verstehen. Hilft uns die Wirtschafts- und Organisationssoziologie?
Eigentlich ist es ganz einfach: Normalerweise sollten beispielsweise Positionen in Unternehmen oder auch politische Ämter so vergeben werden, dass bei gegebener Qualifikation jeder die gleiche Chance hat, sie zu besetzen. Mit «Filz» haben wir es zu tun, wenn diese Chancengleichheit nicht besteht, sondern «unsichtbare» Netzwerke, in denen Bekannte sich gegenseitig Positionen oder Vorteile zuschanzen, den Ton angeben. Filz untergräbt also das Wettbewerbs- und Leistungsprinzip durch persönliche Beziehungen.

Was hier noch eindeutig klingt, ist es leider nicht, denn: Allein in Zürich finden jeden Abend Dutzende von Networking-Parties statt, anlässlich derer man sich bei Smalltalk an Weisswein und Kanapees laben und Beziehungen knüpfen kann – anrüchig ist die Teilnahme daran aber nicht. Wie lassen sich «gesunde» Netzwerke und «ungesunde» Verfilzungen systemisch voneinander trennen?
Kaum, denn die Grenzen sind fliessend – «Netzwerk» klingt allerdings netter. Und natürlich bedeutet das Kennen von Menschen noch nicht, dass man sie und ihre Macht unlauter einsetzen muss. Aber: Ein gutes Netzwerk bringt mir Vorteile, deswegen habe ich es ja. Und mit der Ausnutzung derselben auf informellem Weg landen wir dann schnell beim Filz. In jedem Beziehungsgeflecht geht es schliesslich um eine Form von Reziprozität: Ich gebe dir, wenn du mir gibst. Das kann kleine, harmlose Dinge betreffen wie das Blumengiessen, wenn man in den Ferien ist – aber eben auch ein Amt, einen Job oder ein Verwaltungsratsmandat. Deshalb stimmt es auch, wenn man sagt: Das erste Mandat ist das schwierigste, die nächsten kommen wie von allein.

Bleiben wir also zunächst beim sogenannten «Wirtschaftsfilz». Wie setzt er sich zusammen?
Viele Leute glauben, in unserer Gesellschaft herrsche Chancengleichheit, weil wir vor Recht und Gesetz heute alle mehr oder minder gleich sind. Wenn man sich aber beispielsweise anschaut, wer hierzulande hohe Wirtschaftspositionen besetzt, sieht man, dass die Kandidaten aus einem sehr kleinen Bereich der Bevölkerung stammen, nämlich aus dem sogenannten Grossbürgertum, das sich über die letzten Jahrhunderte entwickelt hat. Das macht zwar weniger als 1 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, stellt aber je nachdem, welche Position Sie sich anschauen, stets mehr als 50 Prozent der Beschäftigten…

…was natürlich auch daran liegen kann, dass gewisse Teile der Gesellschaft auch kulturell mehr Wert auf höhere Bildung und bessere Qualifikationen legen und alles daransetzen, die eigenen Standards zu erfüllen. Es ist wohl nicht von der Hand zu weisen, dass das Grossbürgertum einerseits mehr finanzielle Möglichkeiten, andererseits aber auch höhere Ansprüche an seine Sprösslinge und ihre Aussichten auf dem Arbeitsmarkt hat, oder?
Natürlich. Und: Wenn eine Position oder ein Amt frei wird und es darum geht, wer für sie vorgeschlagen wird, schaut man natürlich zuerst in den Kreis der Bekannten. Das muss noch nicht einmal etwas Böswilliges haben, aber führt eben dazu, dass manche Leute sich vor Ämtern kaum retten können und andere nie in eines reinkommen. In der Wirtschaft geht es dann häufig auch um Verwandtschaft, um Familiendynastien, die an der Macht bleiben oder diese in einem kleinen Zirkel kumulieren wollen. Spätestens wenn aber der Enkel, der eine Führungsposition…

Spiel mit gezinkten Würfeln
Katja Rost, fotografiert von Thomas Burla.
Spiel mit gezinkten Würfeln

Wem in unserer Gesellschaft der ganz grosse Wurf gelingt, der hat viel geleistet, Glück gehabt – oder gute Beziehungen. Netzwerke haben eine natürliche Tendenz zu verfilzen. Was kann man dagegen tun? Bewusst den Zufall mitspielen lassen!

Ein Interview von Laura Clavadetscher und Michael Wiederstein mit Katja Rost
10 Minuten Lesezeit
«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»