Spiel mit der Angst

Klimawandel und politischer Aktionismus

Die zusammenfassenden Berichte des International Panel on Climate and Change (IPCC), die scheibchenweise an die Öffentlichkeit gelangen, bestimmen in Europa das politische Klima. Die Medien übernehmen die aus Genf übermittelten Thesen und Hypothesen fast blind und schüren die Katastrophenangst. Fast täglich geistern neue Horrorszenarien durch die Weltpresse und verleiten Politiker, die aus der Angst Kapital schlagen wollen, zu blindem Aktionismus. Der Kampf um die Ressourcen gerät in ein gefährliches Stadium.

Klimawandel ist nichts Neues; relativ neu ist die Hypothese, die gegenwärtig beobachtete Erwärmung beruhe auf dem von Menschen verursachten CO?-Ausstoss. Wie kam es nun dazu, dass die Hypothesen des IPCC zur dogmatischen Grundlage einer Weltklimapolitik avancierten? Die vorliegenden Berichte basieren auf Daten, die von mehr als 2000 Wissenschaftern aus der ganzen Welt erhoben, in Computersimulationen ausgewertet und nach Genf geliefert wurden. Dort haben Politiker und Beamte des IPCC die Computersimulationen der Wissenschafter benutzt und daraus ihre Zusammenfassung formuliert. Was nicht ins Programm passte, wurde weggelassen, zum Beispiel die nicht unwesentliche Tatsache, dass es sich bei allem eben um Computersimulationen ohne Beweiskraft, also um Hypothesen handelt. Davon wollen aber die «Klimatologen» aus Genf nichts wissen. Sie haben die Ergebnisse der Simulationen als wissenschaftliche Erkenntnisse dargestellt. Die zusammenfassenden Berichte, die immer wieder ergänzt und erneuert werden, sind nicht von Forschern verfasst, sondern von Politikern und Beamten selektiv redigiert. Das renommierte Fraser-Institut in Vancouver formuliert die Kritik wie folgt: «Ein wesentliches Problem ist die Tatsache, dass die Zusammenfassung für Politiker, die dem Bericht angefügt ist, nicht von Wissenschaftern und Forschern produziert wurde, sondern dass sie in einem Prozess der Verhandlung von ungenannten bürokratischen Delegationen der Regierungen, die den Bericht gesponsert haben, entstanden ist. Die Auswahl des Forschungsergebnisses entspricht mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht den Prioritäten und Intentionen der wissenschaftlichen Gemeinschaft.» Politiker, die ihre Statements nicht auf die Suggestivität von Hypothesen, sondern auf die Faktizität von Wissen abstützen, sind in unserer aufgeregten und von Aufregung zehrenden Gesellschaft leider Mangelware.

Als Wissen belegbar ist einzig die Geschichte der Erde und ihrer Wärme- und Kälteperioden, die von Geologen, Biologen und Glaziologen untersucht und dokumentiert wurden. Davon wollen die Berichte des IPCC nichts wissen. Sie sind auf die Frage fixiert, inwieweit der Mensch das Klima beeinflusst. Die durch den Bericht ausgelösten Ängste sind nicht neu. Vor mehr als 30 Jahren war es die Studie des Club of Rome über die Grenzen des Wachstums, die eine vergleichbare Weltuntergangsstimmung in Gang setzte, ohne jedoch eine ähnliche Welle des politischen Aktionismus und Interventionismus auszulösen. Viele Fehlprognosen wurden in der Folge von den Fakten widerlegt, und die verantwortlichen Wissenschafter mussten sich der Kritik durch ihre Fachkollegen stellen.

Die Bedrohung durch eine Klimakatastrophe wird heute vor allem von den Politikern dramatisiert. Zahlreiche Wissenschafter, die bei der Datenerhebung und der Formulierung von Hypothesen mitwirkten, identifizieren sich nicht mehr mit den Interpreten, die Umweltpolitik und Klimapolitik zu einem Instrument ihrer eigenen politischen Ziele umfunktionieren.

Niemand bestreitet ernsthaft, dass es ein Gebot der Vernunft ist, mit knappen Ressourcen sorgfältig umzugehen und auch in Forschungen zu investieren, die diesbezüglich zu neuen Erkenntnissen führen können. Was nicht nur Wissenschafter, sondern auch kritische Zeitgenossen irritiert, ist vielmehr der Umstand, dass es noch keinen schlüssigen Beweis für die Behauptung gibt, die Klimaveränderung sei eine Folge menschlichen Fehlverhaltens. Es gibt ernsthafte Klimaforscher, die Klimaschwankungen mit den Sonnenflecken in Verbindung bringen oder mit dem durch Strömungen beeinflussten Wasserhaushalt der Ozeane. Aber auch hier handelt sich immer nur um Hypothesen, und das einzig Nachweisbare sind die klimageschichtlichen und erdgeschichtlich-naturwissenschaftlichen Befunde.

Das Fatale an der heutigen Situation ist, dass die Forschung von finanziellen Mitteln abhängt, über deren Höhe Politiker bestimmen. Forscher, die Resultate liefern, die nicht ins politische Programm passen, machen sich unbeliebt. Dabei sollten auch und gerade diejenigen gehört werden, die zu anderen Schlussfolgerungen kommen als die Politbürokraten des IPCC.

Die selektive Auswertung der Genfer Berichte blendet etwa aus, dass neben dem global warming auch ein global cooling beobachtet wird, beispielsweise in der Antarktis. Die historischen Klimaforscher haben eine ganz andere Optik. Seit der «kleinen Eiszeit» um 1650 leben wir in einer Phase der Erwärmung. Wenn man diesen Zyklus weiterdenkt, den man genausowenig beweisen kann wie die Computermodelle, dann beginnt ab 2030 die neue kleine Eiszeit. Die Betreiber von Skiliften brauchen sich also aus dieser Perspektive schon mittelfristig keine Sorgen mehr zu machen. Aber solche Prognosen passen nicht ins Konzept der global warming-Alarmisten. Darum werden sie schlicht weggelassen.

Politiker machen aus Hypothesen gerne Fakten. Wer sich als Retter anbieten will, muss zuerst Ängste schüren, denn Angst fördert jene Opferbereitschaft, die weitere Steuererhöhungen als Voraussetzung der Rettung akzeptiert. Herrscht eine solche Grundstimmung, sind Apokalyptiker populärer als mutige Querdenker.

Der vor einigen Monaten verstorbene Nobelpreisträger Milton Friedman hielt wenig von Klimamodellen. «Diese Modelle», sagte er, «sind sehr unzuverlässig und ungenau. Im Falle der Klimamodelle sind die involvierten Prozesse sehr komplex und ungenügend, wenn man nur wenige Daten hat.» Und weiter: «Die Protagonisten des global warming benutzen solche Klimamodelle für die Argumentation, dass bei öffentlichen Gütern Technokraten Kontrolle über die Wirtschaft haben müssen; das sind meistens Leute, die niemals der individuellen Freiheit vertrauten, sondern immer für mehr Staat plädierten. Und man fragt sich, ob nicht das global warming ein Mittel ist, die staatlichen Kontrollen auszudehnen (…) Nachdem Sozialismus und Kommunismus wirtschaftlich gescheitert sind, scheint es, als ob das global warming als neues Versuchskaninchen benutzt würde, um wieder mit staatlichem Dirigismus Kontrolle über die Ressourcen zu erreichen.»

Die heute geschürte Angst vor dem Klimawandel überschätzt die Rolle der Menschen, unterschätzt die vom Menschen unabhängigen Faktoren der Klimaentwicklung und führt dabei zu einem gefährlichen Ungleichgewicht in den Reaktionen. Der Mensch kann die Makroschwankungen des Klimas nicht beeinflussen, und er sollte sich diesbezüglich weder dem Machbarkeitswahn noch dem Verhinderungswahn hingeben, sondern aus den Gegebenheiten – möglichst ohne Angst und Panik – das jeweils Bestmögliche ins Auge fassen.

ISABEL MÜLFENZL ist Wirtschaftsjournalistin in München.

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