Speeding im Lada

Eine Anekdote aus Arzach.

Speeding im Lada
Der Lada Niva gibt Vollgas, fotografiert von Lukas Rühli.

In der Republik Arzach bereitet Autofahren grosse Freude. Schier endlos schlängeln sich Kurven in allen Formen und Radien aneinander; aus 30 Kilometern Luftlinie werden im Gebirge schnell 70 reale. Und die geben im Lada Niva einiges zu tun: Öfter als das Lenkrad umschliesst die rechte Hand den auf einem langen Stab aus dem Kardantunnel ragenden Schaltknauf, denn um das bescheiden motorisierte Auto aus den Kehren zu beschleunigen oder in Steigungen nur schon auf Tempo zu halten, ist die Gangwahl von entscheidender Bedeutung. Schon bei geringen – und somit harmlosen – Tempi quietschen in engen Kehren die schmalen Reifen. Das erhöht den Spieltrieb – vorausgesetzt natürlich, man kann der Tätigkeit «Autofahren» grundsätzlich etwas abgewinnen.

Apropos Geschwindigkeit: Dass diese sogar in einem Lada zu hoch sein kann, erfahren wir erst einige Wochen nach unserem Aufenthalt. Uns erreicht ein Brief der «Traffic Police of the Republic of Armenia» – und zwar per nur gegen Unterschrift ausgehändigtes Einschreiben. Darin wird ein «Rannie Alexander Samuel Grob» als Temposünder angeprangert – ob wirklich Kollege Grob am Steuer sass, ist unklar, das Auto war aber auf seinen Namen gemietet. Der Bescheid ist zwar in armenischer Schrift verfasst, aufgrund der arabischen Zahlen aber interpretier­bar. Offenbar war Rannie mit 72 km/h statt der erlaubten 60 km/h unterwegs. Das zieht nun offenbar eine Busse von 2000 armenischen Dram nach sich. Dass der armenische Staat die Kosten nicht scheut, uns einen eingeschriebenen Brief zu schicken, um umgerechnet 4 Franken einzutreiben, wollen wir würdigen: Wir zahlen den Betrag – obwohl uns zu Ohren kommt, dass erfahrene Armenienreisende solche Bussen jeweils sogleich vernichten – mit Hilfe des einwandfrei funktionierenden «State Electronic Payment System», über das Armenier auch Steuern, Zölle und sonstige Abgaben entrichten können.

Die Moral von der Geschichte: Nehmen Sie sich in Acht vor armenischen Blitzkästen! Es muss irgendwo an der Stadtgrenze von Jerewan passiert sein.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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