Sparscham

Zum Zahnarzt nach Konstanz fahren.

Kürzlich bin ich nach Konstanz gefahren. Zum Zahnarzt. Ich habe nur meinen engsten Freunden davon erzählt. Denn ich schämte mich deswegen. 

Zuerst habe ich mir eingeredet, dass ich mich bei Doktor Hager angemeldet habe, weil er Lachgas im Angebot hat (ich habe Angst vor Zahnärzten). Doch Herr Hager hat mir das Lachgas in der ersten Sitzung überzeugend ausgeredet, und danach gab es nichts mehr zu beschönigen: Ich bin zu einem deutschen Zahnarzt gefahren, um Geld zu sparen. Und ich stellte dabei fest, dass mir das peinlich ist. Seither frage ich mich: Warum eigentlich?

Weil ich mit einem Sparticket reiste, war ich eine Stunde zu früh da. In Konstanz‘ Gassen hörte ich fast nur Schweizerdeutsch: Ich war nicht die einzige, die aus Spargründen die Landesgrenze überquert hat. Aber offensichtlich die einzige, die sich dafür schämte: Die Shoppingtouristinnen wirkten jedenfalls sehr vergnügt.

Nun ist es das eine, wenn ich mich unwohl fühle, im Nachbarland Dienstleistungen oder Waren zu beziehen, die auch deshalb günstiger sind, weil die Menschen dort weniger verdienen – wobei ich ja selbst bei meinem deutschen Verlag ein deutsches Gehalt beziehe. Doch selbst in der Schweiz geniere ich mich, wenn ich kurz vor Ladenschluss nach Lebensmitteln mit dem roten 50-Prozent-Kleber Ausschau halte. Angeblich ist Sparsamkeit eine Tugend. Und doch habe ich Hemmungen, sie öffentlich an den Tag zu legen. Weil ich «Sparen» und «Schnäppchenjagen» mit «kein Geld haben» verbinde. Und «arm sein» will man ja nicht in einer erfolgsverwöhnten Gesellschaft wie der unseren, in der man gerne zeigt, was man hat. Es ist paradox, dass ich mich freier denn je fühle, seit ich weniger habe – und zugleich mein schweizerisches Denken nicht ganz ausschalten kann.

Herr Hager wird mir nun eine Krone auf den abge­brochenen Zahn setzen, meine zweite. Die erste liess ich mir nach einer Hypnose von einer hochschwangeren Zahnärztin in Bangkok machen – aber das ist eine andere Geschichte…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»