Spannendes Leben am Abgrund

Kosten privatisieren, Profite sozialisieren: So funktioniert unternehmerisches Handeln.

Spannendes Leben am Abgrund
Illustrationen: Christina Baeriswyl

Publizisten entscheiden nicht nur darüber, wie Unternehmer in der Öffentlichkeit dargestellt werden, sondern auch darüber, wer überhaupt als Unternehmer gilt. Das Problem dabei: Publizisten haben mangels einschlägiger Erfahrung für gewöhnlich keinen hinreichend präzisen Begriff unternehmerischen Handelns. Um zu illustrieren, was wir meinen, beziehen wir uns auf eine ebenso amüsante wie hintersinnige und kluge Unterscheidung von Nassim Nicholas Taleb. Der Mathematiker, nicht so erfolgreiche Trader und ziemlich erfolgreiche Autor unterscheidet in seinem Buch «Antifragilität» drei Typen menschlichen Handelns: jenen der Helden bzw. Heiligen, jenen der Unternehmer und jenen der Schwätzer. Was sie voneinander unterscheidet, ist einzig der Einsatz, der auf dem Spiel steht: die eigene Haut – oder eben: «skin in the game».1 Indem Taleb auf ein einziges – und zudem intuitiv nachvollziehbares – Unterscheidungskriterium zurückgreift, gelingt es ihm, eine schnörkellose Verantwortungsethik zu formulieren, die eigentlich Pflichtstoff für moderne Managementlehrgänge sein müsste.

Es gibt nach Taleb jene, die ihre Haut aufs Spiel setzen, also hohe persönliche Risiken eingehen, um anderen zu helfen; gelingt ihre Unternehmung, profitieren andere davon; misslingt sie, tragen sie allein die Konsequenzen. Das sind die – äusserst raren – Heiligen. Dann gibt es jene, die auf eigenes Risiko handeln und im Falle des Erfolgs profitieren, wobei der Profit immer auch anderen zugutekommt (direkt involvierten und nichtinvolvierten Akteuren); sollten sie hingegen scheitern, sind sie die ersten Leidtragenden des Misserfolgs: das sind die – schon häufigeren – Unternehmer. Und es gibt jene, die kaum persönliche Risiken tragen, dafür aber souverän über andere richten, von denen sie profitieren, ohne es zu merken (oder wissen zu wollen): das sind die – zahllosen – publizierenden oder nichtpublizierenden Schwätzer und Selbstdarsteller.2

Publizisten haben in der Tat Upside-Chancen, aber kaum Downside-Risiken. Sie können Empfehlungen abgeben, Prognosen formulieren, Skandalisierungen vorantreiben, Leute beschuldigen, Halb- und Unwahrheiten verbreiten: Wenn sie all dies genügend publikumswirksam inszenieren, bekommen sie viel Aufmerksamkeit, und ihr Marktwert steigt. Sollte sich zu einem späteren Zeitpunkt erweisen, dass sie mit ihren Urteilen falsch lagen, unbescholtene Leute zu Unrecht anklagten, so kassieren sie im schlimmsten Fall eine Rüge des Presserats – ihrem Ruf aber hat es nicht geschadet. Ganz im Gegenteil. Sie gelten fortan als besonders mutige Draufgänger, die bereit sind, ihren Ruf zu ruinieren, bloss um der allgemeinen Aufklärung zu dienen. Wie bequem! Wie sicher! Wie schön!

Diese Anlage – viel Upside, kaum Downside – bestimmt auch die Wahrnehmung der Medienleute und ihren Umgang mit potentiellen Geschichten. Unternehmer zum Beispiel werden von ihnen gerne als Leute dargestellt, die es ein für allemal geschafft haben, als Vertreter des Establishments. Sie haben in dieser Optik einfach die Upside genutzt, die sich ihnen bot. Sie wurden mit den richtigen Skills geboren, sind in der richtigen Familie aufgewachsen, haben das Richtige studiert, waren zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort oder verfügen über einen hinreichend skrupellosen Charakter. Klar, gibt es auch ein paar, die es versucht haben und dabei gescheitert sind, aber grosso modo gilt die Regel: Die Unternehmer schaffen es, weil sie es schaffen müssen. Und wer es erst einmal geschafft hat, hat seine Rente auf sicher. Der Publizist Paul C. Martin formulierte es einst in entlarvender Offenheit: «Der Unternehmer will in Wahrheit Rentner sein. Genauso wie der Arbeiter, der sich den Tag herbeisehnt, wo er Geld bekommt, ohne dafür arbeiten zu müssen, will auch der Unternehmer lieber heute als morgen [alles] hinwerfen.»3 Der Unternehmer als der erfolgreiche Akteur, der es in Rekordzeit zum Frührentner gebracht hat: Das ist in der Tat ein gängiger Gedankengang von Wirtschaftsjournalisten oder in die Wirtschaftsmedien drängenden Ökonomen wie Thomas Piketty, die aus der Ferne über Unternehmertum nachdenken. Damit huldigen sie dem Glauben an die Möglichkeit des Free Lunch, was Peter Sloterdijk einmal…