Soup of the day

Collagen von Bessie Nager

Soup of the day

«Stadt» liefert 784’000 Ergebnisse, «cité» 196’000, «città» 317’000 und «city» überspringt die Millionengrenze – weitere 5’520’000 Abbildungen; hinzu kommen noch all die ’zig Millionen Photographien, wenn man nach Städtenamen wie «New York» oder «Zürich» googelt, selbst ein kleiner Ort wie etwa Müselbach ist zumindest mit einer Abbildung der Dorfkirche im Netz. Und wenn auch nur ein winziger Bruchteil davon zu einem Bild zusammenfasst wird? Moloch, Chaos, Dunkelheit, ein Schwarzes Loch? Gravitationskollaps am Ende der Sternentwicklung, in dem Materie, Information, Licht – einfach alles verschluckt wird? Nicht, wenn Bessie Nager den Bruchteil zusammensucht, ihrer Devise folgend: «Neuer Raum durch Überlagerung.» Ihre Collagen sind Sammelbilder – «ich liebe es, zu sammeln, Sachen zusammenzubringen und dafür neue Orte zu finden» –,Tagessuppen ähnlich, die mit den Resten vom Vortag zubereitet werden. Von guten Köchen sind sie ein Gedicht, von schlechten ungeniessbar.

Was bedeutet urban? «Die Konfrontation mit dem Fremden. Dass Dinge aufeinandertreffen, die nicht zusammengehören». Der Eiffelturm kollidiert mit einem Zürcher Tram, Reihenhäuser lassen sich keck auf dem Kolosseum nieder, den kopfstehenden ehemaligen Palast Ceausescus durchschneiden die Lichterketten eines Schnellstrassennetzes, wie eine Wabe schwebt die Front eines Büroturms vor einer Fussballarena. Mehrere tausend Bilder hat Bessie Nager als digitale Zutaten aus dem Internet für jede Collage heruntergeladen, sie auf dem Computer miteinander verkocht und auf Leuchtkästen angerichtet, die bis zu zwei Meter lang und einen Meter hoch sind. Man gibt sich dem Genuss gerne hin, sie sind wie ein farbenprächtiges Meer wogender Erinnerungen an alles, was man ein Leben lang vor Augen gehabt hat, unterwegs zu Fuss, oder aus dem fahrendem Zug oder Auto heraus, ohne es je im Detail beachtet zu haben.

Vollendet sind die Collagen nie, immer sucht Bessie Nager nach neuen Orten und Freiräumen, indem sie weitere Funde aus dem Internet montiert. «Der Künstler ist ein Vorbild für die neoliberale Gesellschaft, die auch ständig ihren Ort neu bestimmen muss.» Auch für sich selbst sucht sie nach neuen Orten, «auch ich bin urbanisiert, das Urbane ist durch die neuen Medien auch in mein Atelier, in meine privaten Räume eingedrungen.» Zu ihren Füssen liegt wie meist, grauverschleiert das rote Fell, ihr grosser, müder Hund, ein matter Fingerzeig auf Zeiten, als der Mensch noch nomadisierend durch die unverbauten Steppen zog. Die Frau wirkt neben dem Tier so frisch und quirlig, als hätte sie auch noch seine Energie in sich aufgesogen.

Bessie Nager, geboren in Luzern, hat in Zürich an der Hochschule für Gestaltung und Kunst studiert und lebt und arbeitet noch immer in dieser Stadt. Ihre Videokunst und ihre Installationen wurden schon früh anerkannt. Ins Gerede kam sie kürzlich erst wieder mit einem Projekt, mit dem sie als Gewinnerin aus einem Kunst-am-Bau-Wettbewerb hervorgegangen war. Auf den Dächern der neugebauten Siedlungshäuser in Leimbach, am Rande Zürichs, wollte sie Städtenamen in grosser, bunter Leuchtschrift montieren: Cuxhaven, Genua, Belgrad, Odessa… wie Lichtzeichen eines Ozeandampfers, Winke an Passanten und Reisende, näherzutreten, Botschaft der Bewohner: Auch wir gehören zur Metropole Welt! Doch die Anwohner wollten nicht dazugehören, wehrten sich gegen die «Lichtverschmutzung», schrieben über ihre Beschwerde «Leimbach bleibt dunkel!». Das Projekt wurde nie realisiert. Ist das nicht schade? «Nein, denn dafür sind die Bilder und die Geschichten in den Köpfen», sagt Bessie Nager, knipst die Leuchtbilder aus und verlässt, im Schlepptau zottelt der Hund, ihr Atelier.

Abbildungen der Collagen finden sich auf den Seiten 10, 32, 33, 41, 51, 59 sowie auf dem Umschlag und der Innenklappe. Vom 29. September bis 19. November 2006 werden Werke von Bessie Nager im Helmhaus Zürich ausgestellt. (www.bessie.ch)

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»