Somnoproxy

Kurzgeschichte von Stuart Evers. Aus dem Englischen übersetzt von Anna-Christin Kramer. Mit Illustrationen von Johan Keslassy.

Somnoproxy

Die dritte Hotelsuite des Tages überblickte den Hafen im Westen. Das Panoramafenster gab den Blick frei auf die Boote und Yachten in der Marina, im Hintergrund ragten die Minarette und Telefonmasten der Altstadt auf. Keine Vorhänge oder Jalousien, stattdessen ein in die Wand eingelassenes Bedienfeld. Routh tippte ein Icon an, und die Boote und Kuppeln verschwanden. Er tippte noch einmal darauf, und Minarette und Telefonmasten kamen wieder zum Vorschein. Da, weg, ein langsam blinzelndes Auge. Hätte er nicht andere Verpflichtungen gehabt, Routh hätte sich stundenlang im Bademantel mit dem Fenster beschäftigen können. Was es alles zu sehen gab, was er alles verpassen würde. Er strich ein letztes Mal über das Bedienfeld. Der Hafen im Abendlicht wirkte lebhaft. Er streifte den Bademantel ab und ging ins Bad.

Die Wanne war nierenförmig und hatte die Farbe von Schafsmilch, die Wände sahen aus wie mit Feuerstein gefliest. Die Dusche bot Platz für zwei, die Wanne für drei. Hier ging das Panoramafenster nach Osten über das Geschäftsviertel mit seinen rot blinkenden Türmen und grellweiss leuchtenden Fenstern, die Namen der Bankhäuser so gross wie Kathedralen. Routh drehte den Hahn zu und stieg in die Wanne. Schaum, so viel Schaum, davon träumte jedes Kind. Routh schloss die Augen. Entspannte sich. Die anderen Suiten – im Juniper Sky Hotel sowie im «Clavier» – hatten ihn enttäuscht: Die Einrichtung im «Juniper» war für Menahs Geschmack zu überladen, die Zimmer im «Clavier» merkwürdig schmal geschnitten. Das «Excelsior» jedoch würde ihre Erwartungen erfüllen. Er konnte Menah vor sich sehen, wie sie den Bademantel auszog, ins Wasser glitt, sich zurücklehnte und die Augen schloss.

Nach neunzehn Minuten stieg Routh aus der Wanne. Die Schlüssel zum Erfolg sind Übung und Routine. Menah verbrachte höchstens neunzehn Minuten in der Wanne, mindestens jedoch sechzehn. Vor Jahren hatte er sie gebeten, ihre Badezeiten zu messen. Ihre unbewusste Beständigkeit hatte sie überrascht, doch er hatte ihr erklärt, das sei normal, wir wüssten nichts über die Gesetze, an die wir uns unbewusst hielten: das innere Timing, die Regeln, denen es folge. In den Jahren ihrer Zusammenarbeit hatte er ihr gegenüber von vielen Dingen behauptet, sie seien normal, obgleich er bei den meisten vom Gegenteil überzeugt war.

Er trocknete sich mit einem weichen weissen Handtuch ab. Im Ankleidezimmer zog er die Sachen an, die Menah ihm gekauft hatte: teure, aber schlichte Unterwäsche, einen kobaltblauen Massanzug, ein Hemd aus edlem Twill. Einmal war Routh von einem reichen Mann gefragt worden, wessen Hemden er trüge. Routh grinste nur. Der Reiche lachte.

«Behalten Sie Ihr Geheimnis eben für sich, mein Freund», hatte er gesagt. «Aber eins kann ich Ihnen versprechen, irgendwann finde ich es doch raus. Am Ende finde ich es immer raus.»

Eine Zeitlang hatte Routh über den Reichen und seine Hemdensuche nachgedacht. Wie es ihm dabei wohl ergangen war. Welche Anstrengungen er womöglich unternommen hatte. Aber inzwischen erinnerte er sich kaum noch an ihn oder an den Ort ihrer Begegnung. Wenn er sich heute ein Hemd anzog, dachte er ausschliesslich an Menah. Die Manschettenknöpfe waren ein Geschenk gewesen, ein Päckchen, das ihm unerwartet an einem Flughafen überreicht worden war. Onyx in Weissgoldfassung. Cartier. Während er sie in die Manschetten steckte, dachte er an Menah. Nur ein Hauch von einem Gedanken, er glich eher einem Kuss. Die Schlüssel zum Erfolg sind Übung und Routine.

Anschliessend fuhr Routh mit dem in der Suite gelegenen Aufzug nach unten in die Cocktailbar. In guten Hotels weiss man, dass die Zimmer den Eindruck vermitteln müssen, sie wären für eine einsame Nacht geplant und hergerichtet worden, während die Bars Geschichte atmen sollten, egal wie neu sie sind: eine Atmosphäre dezenter Verschwiegenheit. Die Türen glitten…