Solidarität: Jokervokabel

Wie aus einer menschlichen Regung eine bürokratische Formel wurde.

Solidarität: Jokervokabel
Urbi et Orbi. Bild: fotolia

Was gilt im mehrheitsfähigen Politjargon gemeinhin als «solidarisch»? «Solidarisch» ist, dass durch die Steuerprogression Leute mit hohem Einkommen heute bis zu zehnmal mehr für die gleiche Leistung bezahlen, beispielsweise für die Schulung ihrer Kinder. «Solidarisch» ist es, dass zwischen Schweizer Kantonen bzw. zwischen Bundesländern oder Gliedstaaten ein Finanzausgleich für milliardenschwere Kapitalflüsse sorgt. Immer wieder neu «solidarisch» zeigt sich nicht zuletzt die Europäische Union: Entgegen ihren eigenen Verträgen kommen tüchtigere Volkswirtschaften schon länger für die Defizite der weniger tüchtigen auf. Aber: Ist das echte Solidarität?

 

Solidarität

Der Begriff «Solidarität» ist abgeleitet von neulateinisch «solidaritas» und meint den Zusammenhalt einer Gruppe oder Gesellschaft. Solidus bedeutet «dicht» und «fest» als Eigenschaft eines Körpers. Auf der Suche nach der primitivsten und einfachsten Religion stiess schon der Forscher Émile Durkheim auf die Definition der Religion als «solidarisches System von Überzeugungen und Praktiken, die sich auf heilige Dinge beziehen und alle Mitglieder einer Gemeinschaft vereinen».

In der christlichen Ethik wurde die Solidarität als eine Form der Nächstenliebe definiert. Wirft man einen Blick in jüngere einschlägige Publikationen beider Konfessionen, so scheint die Solidarität gar zu einem Schlüsselbegriff geworden zu sein. Die Enzyklika «Evangelii Gaudium»1 von Papst Franziskus aus dem Jahr 2013 bietet drei Dutzend Belegstellen und zählt die Solidarität – neben Menschenwürde, Gemeinwohl und Subsidiarität – zu den vier Grundpfeilern der kirchlichen Soziallehre (Absatz 221). Die Solidarität ist innerhalb weniger Jahrzehnte ein Gemeingut -geworden, das gilt sowohl für die Kirchen als auch für die Politik: Sie hat sich von der noblen Regung des einzelnen zu einem Begriff von staats- und kirchenpolitischem Anspruch entwickelt.

Klar ist: Jeder Mensch ist gattungsbedingt auf Solidarität angewiesen, angefangen beim Säugling, der ohne seine Eltern nur wenige Tage überleben könnte, bis zum betagten und dementen oder behinderten Menschen. Auch die Solidarität im archaisch-religiösen Verband bezog sich auf eine überschaubare Gruppe. Noch engere Kreise zieht die genetische Solidarität in der Sippe. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Wahre Solidarität ist anstrengend und ihr Reservoir also begrenzt. Durch die zunehmende Mobilität und Anonymisierung der Gesellschaften (Stichworte: Verstädterung, Globalisierung) zeigte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Solidaritätsdilemma: Je mehr Menschen einem Solidarverband angehören, desto geringer sind die gegenseitigen Solidaritätsgefühle. Der soziale Ausgleich gelingt seitdem nicht mehr spontan, so dass die Solidarität vermehrt durch verbriefte Gerechtigkeitsforderungen ersetzt wird. Dieser Vorgang ist problematisch: Wird die Solidarität auf eine grössere Zahl von Menschen bezogen, so kippt sie vom Zwischenmenschlichen ins Formale. Und wird auf diesem Wege dann gefolgert, alle Menschen sollten mit allen solidarisch sein – als globale Familie, wie es so schön heisst –, so müssen wir feststellen: Das ist ein grotesker Widerspruch in sich. Denn: Nur Gott hätte die Kapazitäten dazu.

Diese Feststellung ändert nichts daran, dass jeder Mensch ein potentieller Solidarpartner ist: Jederzeit kann jemand in meinem Solidarverband Aufnahme finden oder ich in seinem. Auch ein Solidarverband zu zweit kann sinnvoll sein, denn Nöte lassen sich in der Regel zu zweit besser überwinden als allein. Die Solidargemeinschaft zu zweit ist nicht zuletzt sogar der Prototyp aller Gemeinschaft: Mann und Frau finden gemäss Schöpfungsordnung zusammen und bilden ein Biotop für Kinder. Damit sind es schon drei. Und es können durchaus auch noch ein paar mehr sein.

Diese so archaischen wie übersichtlichen Formen der Solidargemeinschaft waren allerdings schon aus dem Blickfeld entschwunden, als die Solidarität zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der französischen Arbeiterbewegung aus ihren Siegeszug antrat: Mit dem Terminus wurden zahllose Mitgenossen für den Klassenkampf mobilisiert. Im fortgeschrittenen Stadium der sozialdemokratischen Gesellschaft diente die Solidarität als Schlagwort zur Bezeichnung der Gleichwertigkeit aller Menschen. Das Wort stellte also nichts weniger als einen zeitgemässen Ersatz für den antiquiert anmutenden Ausdruck «Barmherzigkeit» dar.