So geht digitale
Selbstverteidigung

Wir sind allzu neugierigen Einblicken im Internet nicht schutzlos ausgeliefert. Eine Anleitung, um wenigstens ein Minimum an digitaler Selbstbestimmung und Datenkontrolle zu erlangen.

 

Die «digitale Selbstverteidigung» bezeichnet Massnahmen zum Schutz der persönlichen Privatsphäre und der persönlichen Daten. Warum ist das überhaupt notwendig? Firmen sammeln Ihre Daten, integrieren sie mit solchen aus anderen Quellen, bilden Profile und verwenden sie für personalisierte Werbung, politisches Targeting, Kreditwürdigkeitsbeurteilungen und andere computerisierte Entscheidungen. Aus der Gesamtheit der Daten lassen sich weitere Eigenschaften ableiten oder vorhersagen, die oft sensitive Aspekte einer Person wie etwa die sexuelle Orientierung betreffen. Daten gehen häufig verloren oder werden gestohlen und werden dann von Kriminellen zum Beispiel für Identitätsdiebstahl verwendet. Wie der Datenmissbrauch von Personendaten durch rechtsex­treme Polizeibeamte (NSU 2.0) in Deutschland gezeigt hat, sind staatliche Datensammlungen dabei nicht unbedingt sicherer. Und wie Whistleblower Edward Snowden aufgezeigt hat, sammeln selbst Staaten wie die USA Daten auf Vorrat in einem Ausmass, das weit über das verhältnismässige Reagieren auf einen konkreten Verdachtsfall hinausgeht.

Sind Sie mit dem Sammeln Ihrer Daten nicht einverstanden, müssen Sie zur Selbsthilfe schreiten. Mit Hilfe dieses Artikels können Sie den ersten Schritt der digitalen Selbstverteidigung unternehmen. Setzen Sie die Tips um, werden Sie noch nicht zum Grossmeister der Privatsphäre und Datenkontrolle mit schwarzem Gürtel. Aber zum gelben oder orangenen könnte es reichen.

Überwachung der Überwacher

Hinsichtlich des Datensammelns sind Betriebssystemhersteller wie Microsoft (Windows) oder Google (Android) im Vorteil, da das Betriebssystem nicht nur Zugriff auf alle Daten hat, sondern generell eine Black Box ist: Das Datensammeln kann von ausserhalb nicht einfach unterbunden werden, zumindest nicht mit einem gelben Gürtel. Alle anderen Datensammler müssen sich Daten anderweitig besorgen. Zusätzlich zu den Daten, die im Rahmen der Dienstleistung anfallen und benötigt werden (zum Beispiel Likes in sozialen Medien), sind hier besonders Cookies und Tracker zu nennen. Das sind kleine Dateien auf Ihrem Computer beziehungsweise Softwarebausteine in Webseiten und Apps, die Sie identifizieren und Datensammlern helfen, Sie im Internet und auf dem Smartphone zu überwachen.

Wenn Sie wissen, wer Sie wie stark überwacht, können Sie sich besser gegen Überwachung wehren. Vollständige Transparenz ist hier nicht möglich, aber es gibt eine breite Palette von Möglichkeiten: Privacy Badger, eine Browser-Erweiterung für den Firefox-Browser, zeigt an, welche Tracker sich auf einer Webseite befinden. Blacklight analysiert die Seite hinter der Adresse (URL) und zeigt an, wie viele Tracker, Third-Party-Cookies etc. sich auf der Seite befinden. Exodus gibt für andere Apps und Webseiten an, wie viele und welche Tracker diese enthalten. Mit diesen Informationen können Sie sich ein recht genaues Bild verschaffen, welche Apps oder Webseiten Sie wie stark überwachen.

Datenauskunftsbegehren sind schliesslich ein probates Mittel, um sich einen Überblick zu verschaffen, wie viele Daten Mi­gros, Coop, Swisscom oder die SBB über einen gesammelt haben. Gemäss Schweizer Datenschutzgesetz müssen Firmen Auskunft geben, welche Personendaten sie besitzen. Die Verweigerung der Auskunft muss begründet werden und kann angefochten werden. Vorlagen für Datenauskunftsbegehren findet man beim Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten oder bei der Digitalen Gesellschaft.

Alternative Apps und Webseiten

Ein gewisser Teil der Daten fällt zwangsläufig im Rahmen des Nutzens einer Dienstleistung an. Stellen Sie eine Suchanfrage, müssen Sie der Suchmaschine mitteilen, wonach Sie suchen. Soll die Suchmaschine Ihre Ergebnisse personalisieren, dann muss sie sich Ihre Identität (also z.B. die IP-Adresse) merken. Wollen Sie ein Buch bei einem Online-Händler bestellen, müssen Sie dem Händler natürlich sagen, welches Buch Sie wollen und wohin es gesendet werden soll. Aus diesen Daten können die Firmen weitere Informationen ableiten und Ihnen zur Verfügung stellen, was durchaus praktisch sein kann (beispielsweise Bücher, die Sie auch noch interessieren könnten). Wollen Sie diese Datensammlung verhindern, können Sie auf alternative Apps ausweichen.

Die grossen Tech-Firmen (auch bekannt als GAFAM – Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft) verfügen alle in einem oder mehreren Bereichen über monopolartige Marktanteile

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»