Simulanten

Ein Nachspiel in fünf Szenen Berichten Sie mir täglich, auch wenn nichts vorgefallen
ist; es kann von Wichtigkeit sein zu wissen, dass sich nichts zugetragen hat, dass Erwartungen ausgeblieben sind.

Napoleon im Jahre 1810 an seinen Kabinettssekretär

Personen: Merman, um vierzig · Tobias, genannt Bias · Sévérine, genannt Vérine · Samantha, genannt Antha

Ort und Zeit: Irgendwo im Heute

Ein hohes Zimmer. Linke Hälfte: Leer, Bretterboden, Wände weiss gestrichen. Rechte Hälfte: Mit Teppichen ausgelegt, diverse Farbdrucke an den Wänden. Stahlrohrmobiliar. Glascouchtisch, grosse Bronzemuscheln tragen die Glasplatte. Vier Laptops oder

Power Books mit aufgeklapptem Bildschirm befinden sich auf je einer Glassäule, die von Stableuchten illuminiert werden und an Stehpulte erinnern. Je eine Türe führt zur linken und zur rechten Zimmerhälfte. Nur die linke Hälfte verfügt über ein Fenster, die rechte über eine Türe. Merman steht mit einem Bein auf dem Teppich, mit dem anderen auf dem Bretterboden.

Es geschieht nichts mehr. Rein nichts. Es ereignet sich nichts. Man hat die Ereignisse abgeschafft. Und die Rollen. Und die Ziele. Es geht um nichts mehr. Rein nichts.

Ich zum Beispiel lebe nicht, ich funktioniere. Bin überall einsetzbar. Ich habe mich so oft umschulen lassen, dass ich meine erste Ausbildung längst vergessen habe.

geht zum ersten Laptop mit einem Buch in der Hand: Ich bin, was ich lese.

geht zum zweiten Laptop mit aufgesetztem Walkman-Kopfhörer: Ich bin, was ich höre.

geht zum dritten Laptop mit farbigen Computerrasterbildern in der Hand: Ich bin,

was ich sehe.

lässt den vierten Laptop vorerst verwaist: Ich war, als ich liebte. Und wie ich war. Ich habe mich so oft verliebt, dass ich mein erstes Lieben längst vergessen habe.

geht langsam hinüber in die leere Zimmerhälfte und öffnet das Fenster. Man hört Strassenlärm. Zu Merman gewandt: Kann dir nichts schaden. Geht zu ihrem Laptop-Säulenplatz zurück.

geht daraufhin ebenso langsam zum Fenster und schliesst es wieder. Zu Merman spöttisch: Jeder weiss, wie dir Lärm schadet. Geht zurück zu ihrem Laptop-Säulenplatz.

Weltweit enttäuschende Kursnotierungen.

Wen kümmert’s. Von den Spekulationsgewinnen der letzten Tage könntest du jahrelang leben.

Monatelang allenfalls.

Tage, Monate, Jahre: Ihr seid doch von gestern.

zu Bias, vielsagend: Vérine denkt in zeitlosen Vernetzungsquoten.

Das Alter ist tot. Für die Zeit ist die Uhr abgelaufen. Ich vernetze mich mit dem Netz. Vernetzen ist Kunst. Ich bin eine Kunstform. Ich habe meinen Köper computersensorisch abgetastet und ins Netz versetzt. Ich kann mich im Netz manipulieren. Ist das nichts, Merman?

Es war ein Fehler, mit dir auf Du zu stehen.

Jedem sein Mischpult, Merman. Unser Motto, das Motto von «Musica saeculi saeculorum». Bias, wie steht es um den Kurswert?

Eure Aktien steigen und fallen, wie soll ich sagen, rhythmischer als die anderer Konzerne.

Musica saeculi saeculorum…

Musiksynthesen. CDs, auf denen man Musik umkomponieren, mischen kann. Merman,

du liebst Bruckners Fünfte und…

Alle Fünften. Komponisten, die keine Fünfte geschrieben haben, interessieren mich nicht. Elgar hat es nicht einmal auf drei gebracht. Brahms ist an einer Fünften gescheitert.

Aber auch bei den Massenproduzenten von Symphonien, Haydn zum Beispiel, reizt mich nur ihre Fünfte, bei ihm zwar ein Jugendwerk, aber viel zu wenig bekannt…

Eben. Mit CDs von Musica saeculi saeculorum, kurz Mss, könntest du deine Fünften synthetisieren.

auf den aufgeklappten Laptop-Bildschirm fixiert: Ich schwebe.

Merman geht in die leere Zimmerhälfte, lässt sich auf den Boden in Buddha-Haltung nieder, der weissen Wand zugekehrt. Bias bedient derweilen einen Dia-Projektor und zeigt Lichtbilder aus Mermans Kindheitstagen.

Seit wann braucht er das?

Wieder einmal seit Ostern. Er sagt, er wolle die Auferstehung seiner Kindheit.

Üppige Mutter.

Das ist sein Problem.

Die vielen Puppen.

Auch sein Problem.

immer noch auf den Bildschirm fixiert: Ich klinke mich jetzt aus.

Warum tut er das?

Man sieht Merman aufstehen und zur Wand gehen. Er greift nach einem Taschentuch und reibt damit auf dem Bild einer von ihm als Kind vollgeschriebenen Tafel.

Das macht er immer bei diesem Bild. Er will die Schrift auslöschen, das Schwarz der Tafel blankreiben, bis die Tafel schimmere, meint er.

Merman setzt sich wieder auf seinen harten Platz, verharrt in Buddhahaltung.

Man sieht ein Lichtbild, auf dem der kleine Merman mit einem Messer dasteht. Um ihn herum liegen geköpfte Teddybären.

Geschenke seiner Mutter.

unverwandt auf den Bildschirm starrend: Ich schleife mich jetzt ins Spiel ein. «Mortal combat». Keiner tötet so klinisch wie ich.

Man sieht ein Lichtbild mit dem jungen Merman; um ihn herum liegen aufgeschnittene Blutwürste. Daneben die Eltern, spärlich bekleidet, eng umschlungen.

Wer dieses Bild wohl aufgenommen hat und warum?

Merman sagt, die Bilder töteten ihn jedesmal. Immer wenn er die Auferstehung seiner Kindheit begehe, töte sie ihn.

am Bildschirm klebend: Jetzt geht das Spiel gegen mich.

Brauchst du Hilfe?

Vérine antwortet nicht, stöhnt nur zuweilen, aber lustvoll.

schreit: Aufhören!

Bias schaltet ab.

schreit: Weitermachen!

Bias schaltet den Projektor wieder ein. Antha geht zu Merman, verbindet ihm mit ihrem Schal die Augen. Führt seine Hand zu ihrer Brust.

Man sieht Merman als Kind. Um ihn zertrümmerte Musikinstrumente: eine Geige, ein Cello, eine Gitarre, eine Trommel mit zerrissenem Fell. Kind, als Mädchen verkleidet, mit weinerlichem Gesicht.

Vérine mit ekstatisch-zuckenden Bewegungen vor dem Bildschirm. Dann sinkt sie langsam in die Knie. Verharrt in quasi betender Geste.

Mir fehlt zum Doom-Spiel die Kraft.

Man hört den berühmten Anfang von Beethovens Fünfter, verzerrt.

Antha löst sich von Merman. Geht zu Bias, will ihn küssen. Er wendet sich ab und der Feineinstellung des Projektors zu.

Dunkel.

Zweite Szene

Labor. Merman im weissen Arbeitskittel. Antha neben ihm, gleichfalls laborgerecht gekleidet. Zahlreiche Computerterminals. An den Wänden hängen Tafeln mit farbigen Bias, wie steht es um den Kurswert?

Eure Aktien steigen und fallen, wie soll ich sagen, rhythmischer als die anderer Konzerne.

Musica saeculi saeculorum…

Musiksynthesen. CDs, auf denen man Musik umkomponieren, mischen kann. Merman,

du liebst Bruckners Fünfte und…

Alle Fünften. Komponisten, die keine Fünfte geschrieben haben, interessieren mich nicht. Elgar hat es nicht einmal auf drei gebracht. Brahms ist an einer Fünften gescheitert.

Aber auch bei den Massenproduzenten von Symphonien, Haydn zum Beispiel, reizt mich nur ihre Fünfte, bei ihm zwar ein Jugendwerk, aber viel zu wenig bekannt…

Eben. Mit CDs von Musica saeculi saeculorum, kurz Mss, könntest du deine Fünften synthetisieren.

auf den aufgeklappten Laptop-Bildschirm fixiert: Ich schwebe.

Merman geht in die leere Zimmerhälfte, lässt sich auf den Boden in Buddha-Haltung nieder, der weissen Wand zugekehrt. Bias bedient derweilen einen Dia-Projektor und zeigt Lichtbilder aus Mermans Kindheitstagen.

Seit wann braucht er das?

Wieder einmal seit Ostern. Er sagt, er wolle die Auferstehung seiner Kindheit.

Üppige Mutter.

Das ist sein Problem.

Die vielen Puppen.

Auch sein Problem.

immer noch auf den Bildschirm fixiert: Ich klinke mich jetzt aus.

Warum tut er das?

Man sieht Merman aufstehen und zur Wand gehen. Er greift nach einem Taschentuch und reibt damit auf dem Bild einer von ihm als Kind vollgeschriebenen Tafel.

Das macht er immer bei diesem Bild. Er will die Schrift auslöschen, das Schwarz der Tafel blankreiben, bis die Tafel schimmere, meint er.

Merman setzt sich wieder auf seinen harten Platz, verharrt in Buddhahaltung.

Man sieht ein Lichtbild, auf dem der kleine Merman mit einem Messer dasteht. Um ihn herum liegen geköpfte Teddybären.

Geschenke seiner Mutter.

unverwandt auf den Bildschirm starrend: Ich schleife mich jetzt ins Spiel ein. «Mortal combat». Keiner tötet so klinisch wie ich.

Man sieht ein Lichtbild mit dem jungen Merman; um ihn herum liegen aufgeschnittene Blutwürste. Daneben die Eltern, spärlich bekleidet, eng umschlungen.

Wer dieses Bild wohl aufgenommen hat und warum?

Merman sagt, die Bilder töteten ihn jedesmal. Immer wenn er die Auferstehung seiner Kindheit begehe, töte sie ihn.

am Bildschirm klebend: Jetzt geht das Spiel gegen mich.

Brauchst du Hilfe?

Vérine antwortet nicht, stöhnt nur zuweilen, aber lustvoll.

schreit: Aufhören!

Bias schaltet ab.

schreit: Weitermachen!

Bias schaltet den Projektor wieder ein. Antha geht zu Merman, verbindet ihm mit ihrem Schal die Augen. Führt seine Hand zu ihrer Brust.

Man sieht Merman als Kind. Um ihn zertrümmerte Musikinstrumente: eine Geige, ein Cello, eine Gitarre, eine Trommel mit zerrissenem Fell. Kind, als Mädchen verkleidet, mit weinerlichem Gesicht.

Vérine mit ekstatisch-zuckenden Bewegungen vor dem Bildschirm. Dann sinkt sie langsam in die Knie. Verharrt in quasi betender Geste.

Mir fehlt zum Doom-Spiel die Kraft.

Man hört den berühmten Anfang von Beethovens Fünfter, verzerrt.

Antha löst sich von Merman. Geht zu Bias, will ihn küssen. Er wendet sich ab und der Feineinstellung des Projektors zu.

Dunkel.

Zweite Szene

Labor. Merman im weissen Arbeitskittel. Antha neben ihm, gleichfalls laborgerecht gekleidet. Zahlreiche Computerterminals. An den Wänden hängen Tafeln mit farbigen Gensequenzen.

Womit beginnen wir?

Du schulst mich doch um. Wie soll ich das wissen?

Ich schule ein, nicht um.

Dann eben -ein.

Ich verstehe dich nicht; das ist deine Chance.

Meine? Deine Chance ist das. Du bekommst doch Prämien für jede gelungene Einschulung, habe ich mir sagen lassen. Kopfgeld, könnte man sagen. Das war doch

die Vereinbarung zwischen uns: dass ich mich dir zur Verfügung stelle, zum umschulenden Einschulen. Du brauchst doch soundsoviel von dir höchstpersönlich Eingeschulte, um als Diplomeinschulerin firmieren zu können. Erst ich, dann Bias, dann Vérine, das sind schon drei – und wie viele Einschulanten brauchst du?

Fünf.

Eben. Fünf. Immer fünf. Drei, sechs, sieben und zwölf sind heilige Zahlen. Fünf ist eine verfluchte Zahl.

Heilig, verflucht, was sind denn das für Wörter?

Worte, bitte. Wörter klingt ordinär.

Worte eben.

Warum stören dich diese Worte?

Ich kann nur einschulen, wenn du entsprechend gestimmt bist. Ich bringe dich auf eine Arbeitsfährte, die ins nächste Jahrhundert führt.

Arbeitsfährte, was soll das denn?

Ich appelliere an deinen mathematischen Verstand.

Ich vermisse Mikroskope hier, Kolben, Sezierbesteck.

Ich sagte: Mathematik. Dein mathematisches Gewissen ist hier gefragt.

Du meinst: Wissen. Mathematisches Wissen. Eine Gleichung hat kein Gewissen.

Wir machen keinerlei Fortschritte bis jetzt.

Hast du Fortschritte erwartet, wirkliche Fortschritte? Mit mir? Ich, Merman, bin dein Rückschritt, Antha. Warum findest du dich damit nicht ab? Du hättest es leichter mit Bias und Vérine.

Das Einschulen schwerer Fälle gibt mehr Punkte. Und du hast Umschulungserfahrung. Vermutlich zu viel. Du hast einen Umschulungsüberschuss in dir angesammelt, der allmählich oder plötzlich…

Plötzlich, immer plötzlich…

…der plötzlich in eine kombinierte Motivations- und Bewusstseinskrise umgeschlagen ist.

schaut sie ungläubig an; nach einer Weile: Ich müsste reisen. Reisen. Allein das Wort…

Es geht hier nur um das eine: den Laborarbeitsplatz eines Biologen mit dem Computer zu verbinden.

Kreta.

Du bist Mathematiker.

Oder Korsika, Ajaccio zum Beispiel.

Deine biologischen Kenntnisse sind stupend. Für einen Mathematiker.

Die Fjorde, die finnische Tundra.

Du weisst gar nicht, dass du über die heute begehrenswerteste Wissenskombination verfügst.

Du sagtest gerade: «kombinierte Motivations-und Bewusstseinskrise».

Das zählt jetzt nicht. Mathematik, Biologie, computeral vernetzt.

Island, stelle dir Rejkiavik vor. Geysire mitten in der Stadt.

Du übertreibst. und Rejkiavik ist nichts als ein Buchstabierungsproblem, mit der Funktion der Taste «Spell check» mühelos zu lösen.

Die Mitternachtssonne. Von schwarzen Fäden durchzogen.

in offiziell referierendem Ton: Wer mit gentechnisch veränderten Organismen arbeiten will, braucht das Genom…

den offiziell referierenden Ton imitierend: …die Information über die Erbmasse der Zelle und deren Datengeschichte.

Woher weisst du…?

Wäre ich auf Zakynthos, wüsste ich noch mehr.

Zakynthos?

Meine Datengeschichte ist einfach. Merman – ohne h, nur mit einem n. Merman klingt wie ein Versprechen auf mehr, aber auch auf die hohe See; aber ich habe es auch zu keinem zweiten, die Hoffnung nährenden e gebracht.

Im Biologieunterricht haben sie mich «Simulant» genannt, weil sie nicht glauben konnten, dass es mir beim Sezieren von Fischen und Zerschneiden von Kuhaugen schlecht wurde. Er simuliert wieder, haben sie gefeixt. Auch der Lehrer, aus dem später eine Lehrerin wurde, hat das geglaubt. Bis aufs Klo haben sie mich verfolgt. Simulierer, haben sie gerufen, auch dann noch, als sie mich kotzen sahen.

Und dann Merman. Der Name ist eine einzige Simulation. Meer, Mehr, Mer und dann noch «man». Nicht einmal mit Doppel N. So etwas grenzt aus. Man wie: man sagt, man schweigt, man lässt es geschehen. Als ein solcher Man mit einfachem N bin ich anonym. Als es politically correct wurde, statt «man» schlicht «frau» zu sagen, versuchte meine damalige Freundin, die sich als militante Feministin entpuppte, mir den Namen «Merfrau» aufzuzwingen. Überall gab sie «Merfrau» an, in Hotels, bei Kartenbestellungen, die sie für mich tätigte. Am Schluss behauptete sie, dass es sie stimuliere, mit einer Person namens Merfrau zu schlafen.

Island wäre ein Ausweg. Und Zakynthos, die finnische Tundra, die Fjorde. Und Ajaccio. Unbedingt Ajaccio. Wenn du mich einführst ins Korsische, Merman.

Laguiole.

Ist was?

Der Name der bekanntesten korsischen Messer-Klingen.

Das wäre ein Anfang.

Und das Ende. Dein Ende, Schöne.

Man hört einen Alarm. Rufe im Hintergrund. Feuer. Lautsprecheransage mit roboterhafter Sprache: Verlassen Sie umgehend dieses Gebäude.

Komm, schnell.

bleibt ungerührt an seinem Computerlaborplatz sitzen: Das Auswerten der Gensequenzen…

…kann warten, um Himmelswillen.

Feuer. Himmel. Gib zu, dass du beinahe «Gott» gesagt hättest. Um Gotteswillen. Aber als einschulende Wissenschafterin glaubst du, dir das nicht leisten zu können.

Darum geht es jetzt wirklich nicht.

Wenn je, dann wohl gerade jetzt. Wie damals auf Zakynthos.

Du bist verrückt.

Man riecht etwas Rauch. Nur endlich einschulungswillig.

Dunkel. Man hört Feuer prasseln.

Dritte Szene

Zimmer wie in der ersten Szene. Bias steht in der möbilierten, Vérine in der leeren Hälfte.

Wir sind unter uns.

Unter?

Du denkst an ihn, nicht wahr? Fortwährend denkst du an ihn. An niemanden und an nichts sonst.

Ich bin tot Sinkt in sich zusammen. Mein Spiel hat mich getötet.

Du bist verrückt nach ihm.

richtet sich wieder auf: Totale Performance. Ich brauche die totale Performance.

Man hört Michael Jackson in concert.

Du hältst es nicht aus ohne ihn.

Habe ich ihm vielleicht meine Brust gegeben?

Du hast es genossen, dabei zuzuschauen, wie Antha ihn beruhigt hat.

Mit ihrer linken Brust.

Ihrer rechten.

Ihrer linken.

So entfremdet bin ich ihr noch nicht, dass ich den Unterschied zwischen ihrer rechten und linken Brust vergessen hätte. Sie tröstet mit ihrer rechten, lockt mit ihrer linken Brust.

Du hast es auch genossen, gib es zu.

Antha ist meine Vorgeschichte.

Merman meine.

Unsere Vorgeschichten haben miteinander gespielt.

Sind wir das Nachspiel.

Komm zu mir. Dein Terminal ruft dich.

Komm ins Leere.

Beide bewegen sich nicht aufeinander zu, sondern verharren in ihrer Position.

Wir könnten miteinander.

Könnten.

Antha ist meine Vorgeschichte.

Lange waren wir diskret. Zärtlich, aber diskret. In Restaurants assen wir zuweilen sogar an verschiedenen Einzeltischen. Nie aber liessen wir uns aus den Augen.

Und dann?

Überkam mich eine Lust…

…ihn in aller Öffentlichkeit zu lieben…

nein, zu beleidigen. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit habe ich ihn, Merman, beleidigt. Nicht in unseren vier Wänden, nur draussen, mit Freunden, bei Empfängen, in Hotels,

in Museen, in Konzertpausen, beim Einkaufen.

Und er?

Liess es sich gefallen. Wenn er doch nur protestiert oder mich im Gegenzug beleidigt hätte. Darauf hatte ich es doch angelegt.

Er hat nicht.

Hat nicht. Merman, sagte ich zum Beispiel bei einem Dinner mit Software-Designern, Merman sollte eigentlich Wenigermann heissen. In Merman ist nämlich zu viel

Weibisches, habe ich gesagt. Dann konnte ich kein Ende mehr finden. Merman, habe ich vor allen das Soufflé geniessenden Software-Designern gesagt, kann mit mir nur,

wenn er sich vorstellt, dass er eine Frau ist und ich ein Mann.

Und Merman?

Genoss weiter sein Soufflé.

Es war sein Name, nicht wahr?

bestätigend: Sein Name. «Merman» ging mir auf die Nerven. Keinen Vornamen zum Ausweichen. Andreas vielleicht oder Toby. Nichts. Er liess nur Merman gelten. Denkt nach: Nein, vielleicht war es nicht einmal sein Name. Das Schlimme war, dass mir damals

nichts wirklich auf die Nerven ging. Aber ich wollte unbedingt eine Irritation, etwas, das mir auf die Nerven ginge. Und was lag näher als sein Name.

Und jetzt?

Jetzt ist das kein Thema mehr. Ich habe das Netz, das mich auffängt. Ich schwebe im Cyberspace.

Aber du kommst nicht zu deinem Terminal.

Auch hier ist Cyberspace. Überall ist Cyberspace. Ohne Zeit.

Man hört Michael Jackson mit Beethovens Fünfter vermischt. Und du?

Du meinst Antha und ich?

Vermutlich.

Sie hat mich gequält mit Liebe und Daten: Liebesstatistiken und vergleichende Studien über das Sexualverhalten in Mittelamerika und Kanada hat sie noch im Bett interpretiert. Musik kam bei ihr später. In rhythmischen Schüben, wie sie sich ausdrückte, quasi menstruierend.

Wo hast du sie kennengelernt?

Im Netz.

Zappelnd?

Nein, chattend.

Worüber?

Über das Thema: Jenseits des Geschlechtlichen. Wir e-mailten uns jedoch hauptsächlich über die diesseitigen Aspekte dieses Problems. Ich hielt sie für eine New Yorkerin,

so eingehend beschrieb sie ihre Vagina. Später stellte sich heraus, dass sie quasi nebenan wohnte, in meinem Viertel.

Und ihre Vagina?

Wohnte vermutlich woanders. Ich bekam sie jedenfalls nicht zu Gesicht.

Sie sagte nach dem allnächtlichen Auswerten der Sexualverhaltensberichte, dass ihr Körper ein Versprechen bleibe und drehte sich dann regelmässig auf die andere Seite.

Merman und Antha treten auf. Kommen durch die Tür in der rechten Zimmerhälfte. Antha geht zu Vérine, Merman zu Vérines Terminal. Bias und Merman machen sich an ihren Laptops zu schaffen.

Hi.

Hi.

Du hier?

Leere hat etwas Erfüllendes, findest du nicht?

Stehst du auf Merman?

Ich läge gern auf ihm. Aber er…

Ich weiss.

Du und Bias, habt ihr endlich was miteinander?

Wieso «endlich»?

Mach uns doch nichts vor. Wie ihr euch anseht.

Ich und du, jedermanns Clou…

Es fehlt irgendwie Musik.

Die Fünften.

Techno-Pop lieber.

Auf einmal?

Immer schon. Obwohl ich es über habe, eigentlich.

Trotzdem?

Alles ist «trotzdem».

unvermittelt und mit einem Ausdruck, als habe er eine Erleuchtung: Wir brauchen ein Projekt.

Ein Projekt?

Wieso Projekt?

Leuchtete gerade auf meinem Bildschirm auf als «Tip des Tages»: Sie brauchen ein Projekt. Trifft das nicht genau auf uns zu? Ist es nicht das, was uns wirklich fehlt?

Das Nichts. Dir liegt doch das Nichts, Merman. Warum begnügst du dich nicht mit dem Nichts als Projekt?

Das ist abgegriffen. Second hand, versteht ihr. Kein Projekt. Kein Reiz.

Du bist mit dem Nichts immer ganz gut gefahren, Merman.

Nichts mal fünf.

Ein Projekt, versteht ihr. Gut gefahren – im Kreis, immer im Kreis mit dem Nichts in der Hand.

Und wo man sonst noch sein Nichts hat.

Lass ihn.

mit schwebender Stimme: Strawinski komponierte Gesualdo neu…

Und brachte es zu keiner Fünften.

Dein Projekt ist eine Fünfte. Eine Fünfte für heute.

Du verstehst – nichts.

Und was ist dein Projekt?

Mein Projekt ist es, ein Projekt zu entwerfen.

Komm ins Leere, Merman.

Setzt euch doch endlich. Wozu haben wir das Möbel angeschafft?

War nicht meine Entscheidung.

Die Kursentwicklungen…

Mehr hat sich bei dir noch nie entwickelt.

Du hast zu wenig Umschulungen aufzuweisen. Nimm dir ein Beispiel an Merman.

Auf einmal.

Ich hab’s. Ein Projekt.

auf einmal: Welches?

Wir räumen die rechte Hälfte des Zimmers um in die linke Hälfte. Und machen die linke Hälfte zur rechten.

Das ist stupide.

Auf solche Gedanken kommt man, wenn man sich permanent umschulen lässt.

Merman ist sogar eingeschult worden. Von mir.

Der Vorgang wurde abgebrochen.

wiederholt spöttisch: Der Vorgang wurde abgebrochen – du wirst immer steriler.

Bias und Merman beginnen mit dem Umräumen. Antha und Vérine schliessen

sich mürrisch an. Man hört eine Mischung aus Strawinskis Gesualdo-Komposition und Techno-Pop bis die Arbeit abgeschlossen ist. Nach getaner Arbeit wollen sich Antha und Merman, Vérine und Bias in die Arme fallen; zögern jedoch in letzter Minute und setzen sich, jeder einzeln, auf einen der Leichtmetall-Sessel.

Vierte Szene

Im Reisebüro. Plakate mit buddhistischen Tempeln. Himalaja-Szenen. Daneben Budapest. Und ein Plakat «Saigon – dreissig Jahre danach». Bias als Reisebüroleiter. Merman als Reisekunde.

Womit kann ich dienen?

Ich muss dringend reisen.

Geschäftlich?

Privat.

Wie dringend und wohin?

Möglichst heute noch. Das Wohin ist belanglos.

Verstehe. An welchen Kontinent haben Sie gedacht?

An keinen bestimmten.

‹Reisen in den Buddhismus› ist anhaltend gefragt.

Die einen reisen in die Religion, die anderen in den südostasiatischen Sex. Nicht wahr?

So könnte man es ausdrücken.

Ich dachte an eine Mischung.

erstaunt: Von Sex und Religion in Südostasien?

Nein, von Himmelsrichtungen. Etwas Südliches, Östliches,…

Eine Weltreise…

Nicht direkt. Nur etwas anderes. Einmal etwas anderes. Baskische Algarve oder mexikanisches Kenia.

Sie haben fraglos einen besonderen Geschmack. Wie wäre es mit Santo Domingo?

Santo, santo, lassen Sie mich mit Ihren Religionsreisen zufrieden. Wenn Sie Dominikanische Republik gesagt hätten, dann wäre ich unter Umständen geneigt gewesen. Aber Santo, Santo Domingo, das geht doch zu weit. Erst Reisen ins Buddhistische, dann dieser mittelamerikanische Katholizismus mit seinem Kitsch. Nehmen Sie Kuba. Kommunismus plus Katholizismus.

blättert in Katalogen: Wie wäre es mit Gräberreisen? Seit einigen Monaten schon ein absoluter Renner. In England: vom Marx-Grab bis zum Lady Di-Mausoleum.

In Kambodscha ans Grab des Massenmörders Pol Pot.

Mischung. Mir ist nach Mischung der Himmelsrichtungen zumute. Nach ihrer

Auflösung. Nord, Süd, was soll das noch? Osten und Westen, das klingt so lächerlich wie die Phrase «Die Sonne geht unter». Der Osten wird Westen, der Westen veröstlicht.

Das weiss doch inzwischen jeder. Nur Sie klammern sich in Ihrem Reisebüro noch an solche säuberlich getrennten Vorstellungen.

Für Reisekunden wie Sie. Welchen Namen darf ich notieren?

Diese Frage ist verfrüht, unpassend. Notieren Sie ihn erst, wenn ich mich für ein Reisegebiet entschieden habe.

Für Reisekunden wie Sie haben wir einen speziellen Service: der Reise-Erkunder, gleich nebenan. Vera steht Ihnen zur Verfügung – zu einem gewissen Aufpreis, versteht sich.

Man hat mir Ihr Büro empfohlen.

Sie werden nicht enttäuscht sein.

Wir verfügen immerhin über den grössten Reisesimulator im Land.

Vera, alias Vérine, betätigt nach einem Intercom-Anruf von Bias eine automatische Schiebetüre. Sichtbar werden ein Cockpit-Simulator, zwei Leinwände, auf die Projektoren gerichtet sind, eine Sitzgarnitur, Drinks.

Ihren Namen?

Schreiben Sie, was immer Ihnen einfällt.

Wegen der Rechnung, der Reiseversicherung. Ohne abgeschlossene Reiseversicherung können Sie den Reisesimulator nicht benutzen.

Ahorn.

In den kanadischen Wäldern?

Ich heisse Ahorn.

notiert: Ihre Adresse, Email-Anschrift genügt natürlich.

Natürlich? Dass Sie dieses Wort gebrauchen. (Mit pathetischem Unterton.) Streichen wir es aus den Vokabularen der Welt.

Wo und wie sind Sie erreichbar?

lacht; nach einer Weile: Haben Sie immer so wenig Kunden?

Sie schweifen ab. Darf ich Sie nochmals bitten…

Ich, Ahorn, reise. Seit langem. Ohne festen Wohnsitz. Ohne feste Bindung. Selten aber ohne Bewusstsein.

Vera kommt langsam auf ihn zu; dann begleitet sie ihn in den Reisesimulator. Man hört den Beginn der Symphonie Nr. 9 «Aus der neuen Welt» von Antonin Dvorák.

Bias zieht das Jackett eines Flugzeugkapitäns an und begibt sich ins Cockpit. Die üblichen Ansagen betreffs Sicherheitsvorkehrungen etc.

Merman im Clubsessel mit Sicherheitsgurt. Die Schwimmweste liegt auf dem Couchtisch.

Vera versorgt ihn mit Drinks. Flugzeuggeräusche. Auf einer Leinwand sieht man einen Kenia-Film, auf der anderen eine Landschaft mit Geysiren.

Ägypten bitte. Und den tropischen Regenwald.

Man sieht die Pyramiden und den Regenwald auf den beiden Leinwänden.

zu Vera: Seit wann arbeiten Sie hier?

Seit gestern.

Sie tragen einen edlen Ring.

lacht, eher herausfordernd denn verlegen.

Lieben Sie ihn?

Den Ring?

Den, von dem der Ring stammt.

Er ist krebs…

…tut mir leid, wusste ich nicht.

…krebsrot, meinte ich.

Der Ring doch nicht.

Nein, Eric. Er ist ein im Gesicht krebsroter Krebsspezialist. Auch am Körper ist er überall krebsrot. Ekelhaft; aber er ist reich.

Sie lügen, nicht wahr?

Spielt das eine Rolle?

Nein.

per Lautsprecher: Wir befinden uns in einer Parkschleife über San Franzisko.

Schon wieder ein «San» oder «Santo».

Sie gefallen mir.

Das ist nicht meine Schuld.

Sie wissen, worauf Sie sich eingelassen haben. Sie wissen es. Gleich als ich Sie sah, habe ich gewusst, dass Sie wissen, worauf Sie sich eingelassen haben.

Kennen Sie Dvoráks Fünfte Symphonie? Immer spielt man seine Neunte. Haben Sie seine Fünfte an Bord?

Ich sehe nach. Tut so, als suche sie; nach kurzer Zeit: Nein, die Fünfte nicht. Aber Gina Waterhouse. Kennen Sie Gina Waterhouse?

Nie gehört. Gehen Sie zu Ihrem Kapitän und sagen Sie ihm, er solle das alles

hier abbrechen, da keine Fünfte von Dvorák und vermutlich überhaupt keine Fünfte Sympohonie irgendeines Komponisten an Bord ist. Sagen Sie ihm das. Umgehend.

Wenn Sie wollen. Geht.

Man sieht auf den Leinwänden Filme über Kopenhagen und die Galapagos-Inseln, schliesslich auf beiden einen karibischen Strand.

kommt zurück: Der Kapitän meint, von Abbrechen könne nicht mehr die Rede sein.

Und er empfindet es als persönlich enttäuschend, so seine Worte, dass Sie Gina Waterhouse nicht kennen; sie ist seine Lieblingssängerin von Techno-Soul-Music und sei schon des öfteren mitgeflogen. Ich habe gedacht, dass er so reagiert.

Sie können mich Ahorn nennen?

Ahorn?

Mein Lieblingsbaum.

Und warum?

Des Schattens wegen, den seine Blätter werfen. Fingerige Schatten, die zu Netzen werden. Haben Sie schon einen Ahorn-Schatten gesehen? Sich von ihm kleiden lassen? Ihnen stünde ein Ahorn-Schatten-Muster überaus gut.

Sie sind ungewöhnlich.

Wollen Sie, dass ich jetzt krebsrot werde?

Intensives rotes Licht fällt auf Merman.

schreit auf.

Sparen Sie Ihre Schreie; Sie werden sie noch brauchen.

Plötzliche Dunkelheit. Sirenenhaftes Aufheulen des Motors, durchsetzt von kleineren Explosionsgeräuschen. Stille.

Fünfte Szene

Zimmer wie in Szene eins und drei. Jetzt jedoch vollständig leer bis auf die Laptop-Stehpult-Säulen und grossflächige Spiegel an den Wänden. Antha im Kimono mit wirrer Frisur und Walkman-Kopfhörer.

Schneefelder und darauf ein Flammenmeer. Bebte die Erde? Die Nachrichten sollten voll davon sein. Aber nichts. Kein Hinweis.

Wirft ärgerlich ihre Kopfhörer beiseite; wirres Lichterspiel, das sich spiegelt. Antha setzt sich eine Sonnenbrille auf.

Mir ist, als hörte ich auf zu hören. Nicht auszudenken. Er hätte gesagt: Nichts lässt sich aus-denken. Das hätte er gesagt. So gesagt. Ich hätte ihn dann getröstet, so wie

nur ich trösten konnte. Greift sich an ihre rechte Brust, stöhnt kurz; dreht sich der rechten Spiegelwand zu: Merman hat mich verstanden. Bias nie. Bias stand dem Zusammenhang von Musik und Sex fassungslos gegenüber. Merman nicht; er hat ihn intuitiv erspürt, erlebt. Bias hat ihn nur erlitten.

Dreht sich der gegenüberliegenden Spiegelwand zu und wirft sich eine Kusshand zu.

Und du? Mit deinen Küssen und ihrem Marktwert. Sagen wir: Liebhaberwert.

Etwas für die Statistik. ALLES IST STATISTIK. Auch die Anzahl dieser Spiegel gehört zu ihr. Die einsam verbrachten Nächte. Die Zahl der synthetisierten Musikstücke.

Die Zahl der Abgestürzten und der Lymphdrüsenkrebstoten, der Frauen ohne Sonnenbrille Nimmt ihre ab, wendet sich geblendet ab, schreit: DER VOM LICHT GETROFFENEN. Vom Licht. Entschleunigt es, das Licht! Macht es endlich langsamer. Und den Schall. Nehmt ihm seine Geschwindigkeit.

Sie müssen annähernd Schalltempo geflogen sein. Man hört kurz ein Düsenjäger-geräusch, dass die Spiegel an den Wänden klirren.

Schall, zerschellen. Sie sind im Schall zerschellt. Alle.

Und ich? Stehe allein an der Schallmauer. Und höre nichts mehr. Alles zittert an der Schallmauer, alles, was du bist und hast. Alles zittert vor dieser fremden Geschwindigkeit…

Musica saeculi saeculorum. Auch sie wird Lärm an der Schallmauer. Meine Brüste zittern, immer unkontrollierbarer.

Dabei bin ich gelassen, im Grunde. Allein gelassen. Sie lacht bitter. Allein an der Schallmauer, bis einem das Hören und Sehen vergeht. Setzt die Sonnenbrille wieder auf.

Bias kommt herein, von Antha unbemerkt. Hängt sein Pilotenjackett an eine der Laptopsäulen und macht sich an seinem Laptop zu schaffen.

Vérine, gleichfalls von Antha unbemerkt, geht zu ihrem Terminal.

Merman kommt zum Schluss mit diversen Reiseplakaten, die er auf den Spiegelwänden befestigt.

von seinem Laptop aufschauend: Ich bin, was ich war.

nicht von ihrem Laptop aufschauend: Ich bin, was ich werde.

auf Antha zugehend: Ich bin wie meine Anfänge: Sie verenden.

fassungslos: Aber, …ihr seid doch tot…

Plötzliches Dunkel. Man hört kurz das Dies irae aus Verdis Requiem. Darauf ein vierfaches hohles Lachen.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»