Sie sind gesund? Das ist nicht normal!

«Hunderttausende psychisch krank» – «So krank ist die Schweiz»: Zwei der Schlagzeilen zur Statistik des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums, wonach rund eine halbe Million Menschen in der Schweiz psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen. Demnach suchen in Basel 97,9 Einwohner von 1000 jährlich einen Psychiater auf, im Wallis nur 26,6. Was wenig überrascht: Für die Walliser sind es eh […]

«Hunderttausende psychisch krank» – «So krank ist die Schweiz»: Zwei der Schlagzeilen zur Statistik des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums, wonach rund eine halbe Million Menschen in der Schweiz psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen. Demnach suchen in Basel 97,9 Einwohner von 1000 jährlich einen Psychiater auf, im Wallis nur 26,6. Was wenig überrascht: Für die Walliser sind es eh die «Üsserschwiizer», die spinnen. Und in Basel hat’s einfach zu viele Psychiater. Mit anderen Worten und etwas wissenschaftlicher: Die angebliche Krankheitsstatistik bildet vor allem die Psychiaterdichte ab?

Jedoch: Ist nur krank, wer zum Arzt geht? Ist die Einsicht, sich helfen zu lassen, nicht manchmal die gesündere Reaktion als die Meinung, man brauche keine ärztliche Hilfe, auch wenn alle anderen es finden? Sagen wir es offen: Die Dunkelziffer (dieses unverzichtbare Instrument der Problemüberhöhung) ist riesengross!

Eine halbe, eine ganze Million psychisch kranker Schweizerinnen und Schweizer, das ist aber alles noch nichts gegen die lichte Zukunft, die – wieder einmal aus dem Westen – auf uns leuchtet. In den USA ist nämlich gerade das neue Klassifikationssystem «Diagnostic and Statistic Manual of Mental Disorders» (DVM-5) erschienen. Die fünfte Ausgabe der Diagnosebibel der amerikanischen Psychiater weitet das Feld der Diagnosen noch einmal aus, nachdem schon Ausgabe Nummer vier mit neuen Kreationen wie «Kindliche Aufmerksamkeitsstörung» (ADHS) ungeahnte Erfolgs- und ebensolche Absatzzahlen für das Medikament Ritalin erreichte. Als psychische Störungen sollen jetzt auch schon Fressanfälle oder die Trauer um Angehörige, die zwei Wochen oder länger dauert, behandelt werden.

Höchste Zeit, dass wir uns der peinlichen Einsicht stellen, dass niemand anderer als der Normalo der eigentlich Gestörte ist. Wäre es deshalb nicht besser, der Mensch gälte so lange als krank, bis er von einem Psychiater gesundgeschrieben würde? Natürlich nur, um dann flugs in eine Anstalt für Gesunde eingewiesen zu werden.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»