Sie geben falschen Alarm, Naomi Klein

Der Kapitalismus untergrabe unsere Demokratie, verführe unsere Kinder, manipuliere die Wirtschaft – verkünden aktuelle Buchtitel.* Naomi Klein, für viele eine Kultautorin, spricht gar vom «Katastrophen-Kapitalismus». So viel Einstimmigkeit schreit nach Widerspruch.

Wie bei allem, was als «Kult» daherkommt, ist auch beim neuen Buch «Die Schock Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus» (2007) von Naomi Klein Skepsis angebracht. Was der Publikation Kult-Charakter verleiht, ist nichts anderes als die Tatsache, dass die Autorin einer der Lieblingsbeschäftigungen vieler Intellektueller weltweit anhängt: dem Antikapitalismus.

Klein bezeichnet den verstorbenen Ökonomen Milton Friedman als den «Oberguru des skrupellosen Kapitalismus» und sieht in seinem Vorschlag, das durch die Flutkatastrophe von New Orleans zerstörte Schulwesen durch den Ausbau von privaten charter schools zu reformieren, den Ausdruck tiefer Menschenverachtung. Aufgrund des Mangels an öffentlichen Finanzmitteln war im zerstörten New Orleans die Zahl der charter schools von vormals 7 auf 31 ausgebaut worden. Naomi Klein schreibt: «Solche konzentrierten Überfälle auf die öffentliche Sphäre nach verheerenden Ereignissen und die Haltung, Desaster als entzückende Marktchancen zu begreifen, nenne ich ‹Katastrophenkapitalismus›».

Milton Friedman hatte im Lauf seines langen Lebens gelernt, dass der Staat niemals von sich aus – aus besserer Einsicht oder ökonomischer Vernunft – ineffiziente, teure oder kontraproduktive öffentliche Institutionen abschafft oder reformiert. Erst wenn ihm aufgrund einer Katastrophe die finanziellen, personellen und organisatorischen Mittel ausgehen, greift der Staat zum Rettungsanker der Privatisierung. Klein aber hält das für eine infame Strategie der «kapitalistischen Fundamentalisten»: «Auf eine grosse Krise oder einen Schock warten, dann den Staat an private Interessen verfüttern, solange die Bürger sich noch vom Schock erholen.»

Die Autorin erweckt den Eindruck, die von ihr als «Kapitalisten» bezeichneten Akteure sehnten Katastrophen geradezu herbei und seien sogar irgendwie an der «Produktion» des jeweiligen Unheils beteiligt. Den Unterschied zwischen «die Gelegenheit zu mehr Freiheit nutzen» und «Desaster herbeisehnen oder mit Gewalt herbeiführen» scheint ihr fremd zu sein. Wenn dann also das staatliche Schulwesen (hinter dem tatsächlich Gewalt in Form von Schulpflicht und alternativloser Indoktrination durch Bürokraten steht) abgelöst wird von einem friedlichen und freiwilligen Schulwesen (mit breiter Fächerwahl), dann ist das für Klein eine «machiavellistische Gewalttat».

Aber es kommt noch dicker. Die von Friedman dem chilenischen Diktator Pinochet nach dessen Putsch gegen das kommunistische Regime gegebenen Ratschläge, nämlich Steuerkürzungen, Freihandel, Privatisierung von Dienstleistungen, sowie Deregulierung der im inflationistischen Sumpf der Vorgängerregierung versunkenen Sozialwerke – diese Ratschläge wirft Klein in einen Topf mit den Foltermethoden und militärischen Grausamkeiten des Militärregimes, ganz so, als hätte Friedman diese empfohlen oder auch nur gebilligt. In Wirklichkeit sind Freihandel und Rückzug der Staatsmacht durch Deregulierung das genaue Gegenteil von Herrschaft und von staatlicher Gewaltausübung.

Naomi Klein scheut sich auch nicht, den militärischen Überfall auf den Irak als konsequente Fortsetzung der von ihr behaupteten Schockstrategie darzustellen. Wenn also der unheilvolle Klüngel aus usurpatorischen Machtpolitikern, militärischen Betonköpfen und politverfilzter Hochfinanz seine imperialistischen Ambitionen unter dem Slogan «Die Welt reif machen für die Demokratie» durchführt, dann ist das für die Autorin gleich der «Doktrin der freien Marktwirtschaft und des Kapitalismus». Sie setzt – getreu der Irrtumstradition vieler Intellektueller – den «real existierenden militärisch-industriellen Komplex» der Washingtoner Macht-eliten gleich mit dem Ideengehalt der Marktwirtschaft und des Kapitalismus, der in Wahrheit mit Gewaltanwendung unvereinbar ist. Seit über 200 Jahren lehnen die Theoretiker des wahren Kapitalismus und der echten Marktwirtschaft die Herrschaft von Menschen über Menschen ab und sehen die einzig menschenwürdige Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft im friedlichen Tausch, in kooperativer Arbeitsteilung und in freiwillig geschlossenen Verträgen.

Wie weit Klein sich versteigt bei der Gleichsetzung politischen Terrors und staatlich-militärischer Gewalt mit Kapitalismus und Marktwirtschaft, kommt in Sätzen zum Ausdruck wie: «Das Verschwinden von 30’000 Menschen – überwiegend linken Aktivisten – unter der argentinischen Junta in den siebziger Jahren gehörte genauso zum Durchsetzen von Chicagoer Politik im Land [gemeint sind die markwirtschaftlichen Lehren der Chicago-Schule], wie der Terror eine vergleichbare wirtschaftliche Metamorphose in Chile begleitete. In China gab der Schock des Massakers vom Platz des Himmlischen Friedens 1989 und gaben die anschliessenden Verhaftungen … der Kommunistischen Partei freie Hand, einen Grossteil des Landes in blühende Sonderwirtschaftszonen für den Export zu verwandeln, in denen die Arbeiter zu eingeschüchtert waren, um auf ihre Rechte zu pochen.» Dazu zwei Bemerkungen. Es zeugt nicht gerade von intellektueller Redlichkeit, wenn Naomi Klein suggeriert, das Massaker in Peking sei von Kapitalisten durchgeführt worden – und nicht von den Schergen der kommunistischen Partei. Und zweitens: man kann nur schaudern vor der Wut und der Enttäuschung antikapitalistischer Intellektueller, die nun zusehen müssen, wie sich ihre sozialistischen Ikonen neuerdings marktwirtschaftlicher Wirtschaftsmethoden bedienen.

Klein schreibt, Friedmans Wirtschaftsmodell liesse sich zum Teil auch demokratisch – mit Zustimmung der Bevölkerung – durchsetzen. Aber die «uneingeschränkte Vollver-sion» des Modells, um die es den Kapitalisten letztlich ginge, bedürfe der «Schocktherapie». Als ein weiteres Beispiel hierfür nennt sie die USA nach dem 11. September 2001. Fassungslos fragt man sich, wieso dann die wahren Theoretiker von Freiheit und Marktwirtschaft, wie die amerikanischen Libertären, seit Jahren die unter dem politischen Vorwand des «Kriegs gegen den Terror» betriebene Militarisierung und Zurückdrängung der Zivilgesellschaft so vehement bekämpfen. Mit millionenfach verbreiteten Internetartikeln streiten die geistigen Vertreter eines echten (nicht staatsversumpften und nicht staatlich missbrauchten) Kapitalismus gegen den Krieg im Irak und gegen die imperialistischen Weltmachtambitionen der US-Politik.

Einen Moment lang scheint Naomi Klein einsichtig zu sein, wenn sie schreibt: «Friedman hatte seine Bewegung als Versuch konzipiert, den Markt vom Staat zu befreien»; doch dann wischt sie diese Einsicht mit dem zweiten Halbsatz wieder weg: «in der wirklichen Welt aber sieht die Leistungsbilanz seiner puristischen Version etwas anders aus» – konkret: Grossunternehmen und Politiker hätten sich der Herrschaft bemächtigt.

Ja, so ist es, Frau Klein. Aber das ist das Gegenteil von Friedmans Vision und das Gegenteil von Kapitalismus!

Ihre Idealwelt offenbart Naomi Klein, wenn sie von Keynes und seinem Versuch schwärmt, «Reichtum zu kollektivieren, um eine gerechte Gesellschaft aufzubauen» und wenn sie ausführt, ein freier Markt der Konsumgüter könne und solle einhergehen mit einem öffentlichen Gesundheitswesen, mit einem grossen Segment der Wirtschaft in staatlicher Hand – zum Beispiel verstaatlichten Ölgesellschaften –, mit Regierungen, die Steuern eintreiben und Reichtum umverteilen. «Keynes», schreibt Klein, «hatte nach der Weltwirtschaftskrise genau diese Art von gemischter, geregelter Ökonomie vorgeschlagen – eine politische Revolution, die zum New Deal und zu ähnlichen Veränderungen überall auf der Welt führte.» Damit fordert Klein genau den starken Machtstaat, der die von ihr beklagten Untaten vollführt – und wegen seiner weitreichenden Zuständigkeiten überhaupt erst vollführen kann.

Wie die vielen Intellektuellen, so hat auch Naomi Klein nicht verstanden, dass Markt und Wettbewerb die einzigen Kräfte sind, die der Macht und der Unfreiheit entgegenstehen. Und wenn sich die Machteliten der Marktkräfte bemächtigen, um deren produktive Effizienz zu missbrauchen, dann sind Marktwirtschaft und Kapitalismus nicht die Vergewaltiger, sondern Opfer der Vergewaltigung. Es ist intellektueller Frevel, die Instrumentalisierung der marktlichen Leistungskräfte durch skrupellose oder verblendete Gewalttäter mit dem «Wesen» der Marktwirtschaft gleichzusetzen. Aber tausendmalgehörte Lügen werden eben leichter geglaubt als eine seltengehörte unangenehme Wahrheit.

* Robert Reich: «Superkapitalismus. Wie die Wirtschaft unsere Demokratie untergräbt» (2008); Benjamin R. Barber: «Consumed! Wie der Markt Kinder verführt, Erwachsene infantilisiert und die Demokratie untergräbt» (2008); Gero Jenner: «Das Pyramidenspiel. Finanzkapital manipuliert die Wirtschaft» (2008).

ROLAND BAADER, geboren 1940, ist Nationalökonom und Autor, unter anderem von «Totgedacht. Warum Intellektuelle unsere Welt zerstören» (Resch 2002).

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