Shitstorm

Wer sagt, was unbequem ist, muss sich auf Gegenwind einstellen.
Dass er sich aber auch auf eine persönliche Hetzjagd einstellen muss, ist neu.
Protokoll einer moralischen Verwüstung.

Shitstorm
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Wer den Buchtitel «Armut ist Diebstahl» wagt, darf sich über aufschäumende Erregung nicht wundern. Damit muss rechnen, wer wachrütteln will, wer sich, wie es heute in den Medien gerne heisst, an einem Tabubruch versucht. Was verteilt wird, muss zuerst geschaffen werden. Erreicht zudem Umverteilung ihr Ziel nicht, die Verringerung der Anzahl relativ Armer, finanziert aber eine veritable Hilfsindustrie, dann handelt es sich um Diebstahl. Obwohl diese Thesen wohlbegründet und auf mehr als 200 Seiten erklärt und belegt sind, wobei mit keinem Wort Schuldzuweisungen an Arme gemacht werden, appellieren solche Analysen offensichtlich an die niedrigsten In­stinkte der Leser. Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich bin konfliktfähig, Anrempeln gewohnt, ein fröhlicher Anhänger der Haltung: Wer austeilt, darf kein Glaskinn haben.

Früher ergoss sich Räsonieren ohne Raison über den Stammtisch, heute steht dafür das interaktive Internet zur Verfügung. Fast immer geschützt durch Anonymität darf hier jeder zeigen, dass er zwar keine Ahnung, aber eine Meinung hat. In Originalrechtschreibung einige Müsterchen aus Hunderten von Kommentaren, die gepostet wurden oder meine Mailbox verstopften: «Kleiner kleffender Pinscher, Herrenrassenmentalität, menschenverachtend, Hetze gegen die schwächsten Opfer dieses Systems, Ihnen wünsche ich eine lange Zeit der Armut, was für ein gigantischer Schwachsinn, ubler Hetzer, naja der typ hat recht, aber keine ahnung von wirtschaft.» Ein leicht drohender Unterton darf auch nicht fehlen: «Meinte etwa der Zeyer, dass er relativ ungeschoren mit diesen Einstellungen und ‹Gedanken-Ergüssen› davonkommt? Der wird nach der Revolution als Erster an die Wand gestellt.» Der Gipfel war aber ein Kommentar auf dem vorgeblich moderierten Forum des Schweizer Fernsehens nach der «Arena»: «Sein gesamtes Auftreten erinnert mich an das Bild eines deutschen nationalsozialistischen Offiziers, der die bittere Notwendigkeit des Völkermordes der Juden erklären will.» Interessanterweise pöbeln und beleidigen anonyme angebliche Humanisten, die mir nur das Schlechteste wünschen, aber gleichzeitig zum Ausdruck bringen, dass ihnen die Verbesserung des Schicksals der Armen und Elenden dieser Welt ein Herzensanliegen ist.

Darüber hinaus wird mein Ausschluss aus Redaktionen, die sofortige Löschung jeglicher «Gratiswerbung für ein sehr bedenkliches Gedankengut», dazu Auftrittsverbot im Fernsehen gefordert, überhaupt: Schnauze halten. Selbstverständlich hat kein einziger dieser kurz vor der Herzenskernschmelze stehenden Wutbürger das Buch gelesen, selbstverständlich wird keine einzige Zahl mit einer sie falsifizierenden konfrontiert, kein Argument widerlegt. Niemals seien 2012 in Deutschland 782 Milliarden Euro für «Sozialleistungen» ausgegeben worden, erregten sich viele. Dabei stammt diese Zahl aus dem offiziellen «Sozialbericht» der Bundesregierung. Man könnte dieses Aufschäumen als Blasenbildung im intellektuellen Prekariat abtun und mit der Bemerkung zur Tagesordnung übergehen, dass es eben auch erschreckend viele geistig Arme gibt, die das Internet als Pissoirwand des 21. Jahrhunderts missbrauchen. Das wäre aber falsch. Eine sehr seriöse deutsche Talkshow lädt mich ein. Im Vorgespräch gesteht mir die Redaktion, dass sie grösste Mühe habe, einen Vertreter der Hilfsindustrie aufzubieten. «Was, Zeyer? Nein, mit dem diskutieren wir nicht», sei die allgemeine Antwort gewesen. Dabei habe ich kein Pamphlet, sondern ein Sachbuch mit wohlbegründeten Analysen geschrieben. Auch viele Leitmedien zeigen sich bislang finster entschlossen, einen solchen Tabubruch gar nicht erst zu ignorieren. Wie formulierte das ein angesehener Redakteur des renommiertesten deutschen Nachrichtenmagazins, der mich immerhin einer Antwort würdigte, wieso er sich öffentlich nicht mit dem Buch auseinandersetzen wolle: «Vor allem stösst mich die implizite Grundhaltung, die da zutage tritt, offen gestanden ein wenig ab.»

Die implizite Grundhaltung ist: nachdenken, recherchieren, analysieren, schreiben. Das Ergebnis lautet: Armutsbekämpfung schafft mehr Arme. In Europa genauso wie in der Dritten Welt. Schlimmer noch: Sie ruiniert den Sozialstaat und treibt den Mittelstand ins Elend. Seit 400 Jahren gilt: Mehr Geld für Bedürftige ist nicht die Lösung, sondern das Problem. Nur Rechtssicherheit als Handlungsrahmen, Bildung und Zwang zur Eigenverantwortung können etwas bewirken. Eine Hilfsindustrie mit Multimilliardenumsätzen floriert und tabuisiert das Thema, um jede Kritik zu unterdrücken. Sozialausgaben lassen die Staatsschulden explodieren. Untermauert wird diese Analyse mit einem recht umfangreichen Zahlengebirge. Nichtsdestotrotz kann das natürlich falsch sein. Falsche Zahlen, falsche Berechnungen, falsche Interpretationen, falsche Schlussfolgerungen. These, Debatte, Widerlegung oder Verifizierung. So entsteht eigentlich Erkenntnisgewinn. Der findet, zurzeit, hier nicht statt. Das könnte man als Ausdruck meiner persönlichen Frustration abtun. Auch das wäre falsch.

Je garstiger die wirtschaftlichen Verhältnisse in Europa werden, umso stärker entsteht offenbar das Bedürfnis nach Biedermeier, nach Wohlfühlzonen, nach geradezu romantischer Weltflucht. Wenn so viele Risse durch die Welt gehen, so viele Abgründe drohen, auch jedem wirtschaftlichen oder finanztechnischen Laien dumpf schwant, dass weder Staatspapiere noch der Spargroschen noch die Rente sicher sind, Hiobsbotschaften aus Euro-Krisenländern und den USA hageldicht einschlagen, wenn also bei vielen die Furcht im Hinterkopf nistet, dass das alles wohl nicht gut, sondern böse enden wird, dann entwickelt sich interessanterweise eine geradezu antiaufklärerische Haltung: nicht wissen wollen, sich bloss nicht verunsichern lassen, unreflektiert am Bewährten festhalten, sich in einem weltfernen Konsens kuschelig einrichten und die Decke über den Kopf ziehen.

Längst überwunden geglaubte Geisteshaltungen feiern fröhlich Urständ. Je kritischer die Lage wird, desto stärker das Bedürfnis: Ruhe, Denkpause, keine Misstöne im gemeinsamen Absingen fröhlich-ängstlicher Lieder. Armutsbekämpfung ist gut und richtig, Minarettverbote dumm und nichtig, die Schweiz ist ein weltoffenes Einwanderungsland, auch befremdliche Bräuche müssen multikulturell verstanden werden, oder in einem Satz: Wir sind zwar an vielem schuld, aber für nichts verantwortlich. Denn persönliche Schuldgefühle werden in einen Verweis auf allgemeine, staatliche, europäische Verantwortung abstrahiert, damit sich der einzelne von Konsequenzen absentieren kann. Früher sorgte hierzulande die christliche Religion dafür, dass eine vermeintlich übergeordnete Macht Leitplanken setzte, die einen von jeder Eigenverantwortung, vom Selbernachdenken, vom Zweifeln salvierte. Und wenigstens als Kompensation für ein garstiges Diesseits ein elysisches Jenseits versprach.

Heute übernimmt das ein herrschender Diskurs, den man als allgemeine Sozialdemokratisierung bezeichnen könnte. Dieses Welterklärungsmodell arbeitet mit drei Methoden. Zur Illustration je ein Beispiel.

– Die Moralisierung: Ein Fremder verhält sich rüpelhaft und wird zurechtgewiesen: Das sei nicht ein Appell an Sitte und Anstand, sondern soll Ausdruck von Rassismus sein. Ein Schweizer benimmt sich einem Fremden gegenüber unziemlich: Das sei nicht persönliches Fehlverhalten, sondern soll Ausdruck von Rassismus sein.

– Die Tabuisierung: Armen muss geholfen werden, Flüchtlinge gehören aufgenommen. Das ist so, wer dem widerspricht, verstösst gegen ein Tabu, ist ein Unmensch.

– Die Verallgemeinerung: Nicht jeder einzelne Staatsbürger ist verantwortlich oder schuld, sondern das Kollektiv. Der Staat soll’s gefälligst richten, und wenn er’s nicht kann, dann ist er dran schuld, nicht ich.

Die ihn lenkenden Parteien nähern sich im Sinne dieser Sozialdemokratisierung einander bis zur Ununterscheidbarkeit an. Exemplifizierbar im verzweifelten wie vergeblichen Bemühen der deutschen Sozialdemokraten im letzten Wahlkampf, erkennbar zu machen, was ihren Kandidaten und sein Programm eigentlich von Mutti Merkel und ihrem Nichtprogramm unterscheidet; ausser dass er eine Krawatte zum Hosenanzug trägt. In der gleichen Krise stecken die Schweizer Sozialdemokraten. In ihren Kernthemen, soziale Gerechtigkeit, Arbeitnehmerschutz, klauen ihnen Einzelkämpfer wie Minder oder andere Parteien die Forderungen. Man könnte nun meinen, dass es doch eine gute Sache sei, wenn sich Konflikte in Konsens auflösen, politisch und gesellschaftlich gekuschelt statt gekeilt wird – Friede, Freude, Eierkuchen für alle. Auch das ist falsch, fatal falsch.

Wenn immer bedrohlichere Probleme nicht benannt, nicht beschrieben werden dürfen, wenn im konfliktiven Diskurs keine neuen Erkenntnisse und daraus resultierende Lösungsmöglichkeiten entwickelt werden können, dann steigen die Chancen, dass die real existierenden Zeitbomben explodieren. Denn sie sind zwar weggekuschelt, aber nicht entschärft.

In diesem schleichenden Gärungsprozess des seit der Aufklärung etablierten kritischen Denkens und produktiven Streitens sind die eingangs zitierten Rüpeleien nur Blasen an der Oberfläche. Ihrer kann man vielleicht mit der Einführung einer Müllabfuhr im Internet Herr werden. Nimmt aber die Sozialdemokratisierung des allgemeinen gesellschaftlichen Diskurses weiter zu, dann steigen die Chancen dramatisch, dass das alles, was wir an aktuellen Problemen so haben, in einem antiaufklärerischen Geraune und Geschwurbel verschwindet.

Interessanterweise habe ich aber bislang über zwei Dutzend Zuschriften von Menschen bekommen, die zum Teil jahrzehntelang, viele bis heute in Europa oder in der Dritten Welt als Sozial- oder Entwicklungshelfer arbeiten. Ausnahmslos zustimmend. Wie formuliert das einer: «Sie fassen meine bitteren Erfahrungen endlich in die richtigen Worte. Ich wünsche Ihnen viel Kraft für die weitere Auseinandersetzung; ich weiss, worauf Sie sich einlassen.»

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»