Selektive Wahrnehmung


Kürzlich führten die «tagesschau» und die «Welt» gemeinsam eine Umfrage durch. Die Schlagzeile bei der Präsentation der Ergebnisse? «Mehrheit für Beobachtung der AfD durch Verfassungsschutz.» Tatsächlich sprechen sich in der Umfrage 65 Prozent der Befragten für eine Überwachung der AfD aus. Allerdings: 69 Prozent kritisierten in derselben Umfrage die deutsche Flüchtlingspolitik im Hinblick auf Kriminalität und Arbeitsmarkt, enorme 83 Prozent kritisierten unzureichende Abschiebungen.

Was aber allein die «Welt» berichtet: nur 43 Prozent der Befragten sprechen der Bundesregierung noch ihr Vertrauen aus, ganze 78 Prozent halten sie für «zu zögerlich», nur noch ein Drittel hält die Partei der Kanzlerin für «kompetent» in der Migrationspolitik. Die Schlagzeile aber lautete, ich wiederhole: «Mehrheit für Beobachtung der AfD durch Verfassungsschutz». Tags darauf geisterte eine neue Headline durch die Medien: «Trump macht den Deutschen am meisten Angst» («Spiegel»). Sie basiert auf einer anderen Umfrage, die den «grössten Sorgen der Deutschen» auf der Spur ist. Tatsächlich steht Trump auf Platz 1 dieser Zitterliste. Aber: auf Platz zwei folgt die «Überforderung durch Asylbewerber», auf Platz drei die «Spannung durch Zuzug von Ausländern», auf Platz vier die «Überforderung der Politik» und auf fünf der «Terrorismus».

Während also bald zwei Drittel der befragten Bürger das Vertrauen in die Regierung und ihre Migrationspolitik verlieren, arbeiten sich die Blattmacher weiter an den leidlich bekannten Feindbildern Trump und AfD ab. Es macht fast den Eindruck, als wollten sie Leser und Regierung gleichermassen vor den «falschen» Ängsten der Bevölkerung schützen. Ein Fehler. Denn das Wegschauen aus Angst vor den Rändern macht ebendiese nur noch stärker. Das hilft am Ende weder der Regierung noch den Lesern – und sicher nicht den Medien selbst. Ihnen trauen laut obiger Umfrage nur noch 47 Prozent.