Selbstporträt

Auf neun Bände ist die deutsche Übersetzung des Gesamtwerks des italienischen Dichters Andrea Zanzotto angelegt, der 1968 mit dem Gedichtband «La Beltà» über die Grenzen Italiens hinweg Aufmerksamkeit erregte. Die folgenden Gedichte und die Reflexionen über Poesie sind ein Vorabdruck aus den sich in Vorbereitung befindlichen Bänden.

Von sich zu sprechen bringt gewiss Verzerrungen mit sich, das ist offensichtlich, wir haben von uns selbst ein Bild, das mit unserer Realität reichlich wenig, ja beinahe gar nicht übereinstimmt. Jedenfalls wachsen die Möglichkeiten der Verzerrung sozusagen ins Unendliche, wenn man versucht, von einem Weg zu erzählen, der die Anmassung gehabt hat, sich um die Poesie zu drehen. Aber unter diesem Gesichtspunkt fühle ich mich relativ schuldlos, dahingehend, dass ich niemals auf etwas «abgezielt» hätte, das über präzise Umrisse verfügte, wenn ich mich auf die «Poesie» zu beziehen glaubte. Doch ich konnte nicht nicht an dieses «Dort» denken, nachgerade grausam, im Schatten eines Unvermögens. Dabei erinnere ich mich mit Freuden an gewisse, weit zurückliegende Momente der frühesten Kindheit: ich empfand etwas unendlich Süsses beim Anhören der Kantilenen, der Kinderreime, der kleinen Versstrophen (auch derer vom Typ des «Corriere dei Piccoli»), nicht in gesungener Form, sondern gesprochen oder ganz einfach vorgelesen, in Verbindung mit einer Harmonie, die mit dem Funktionieren der Sprache selbst zusammenhing, mit dem ihr eigenen Gesang. Meine Wahrnehmung dieser fernen Zeiten, in denen für mich eine vage, ungreifbare «Idee» oder «Präsenz von Poesie» Gestalt gewonnen hat, ist aussergewöhnlich lebendig und gegenwärtig. Meine Grossmutter väterlicherseits, der ich ganz besonders zu danken habe, betonte mir gegenüber die Tatsache, dass diese Töne der Sprache nicht Gesang im geläufigen Sinn des Wortes waren, sondern eben Poesie. Und die Grossmutter, begabt mit jener gewissen, zwischen populär und klassisch angesiedelten Bildung, die in der Vergangenheit sehr oft auch in den sogenannten unteren Schichten der Bevölkerung anzutreffen war, rezitierte für mich die Strophen des Torquato Tasso (eine typisch venetische Tradition: man bedenke, dass auch die Gondolieri Tasso und Ariost zu singen pflegten). Diese Harmonie des Hochtoskanischen sickerte in mich ein wie ein wirklicher Traum, eine wirkliche phonische Droge, zusammen mit Fragmenten anderer Sprachen, wahren Xenoglossien, auf dem etwas «wildwüchsigen» continuum des dialektalen Sprechens.

Ich erinnere mich weiter an die Tiefe gewisser Gemütszustände, so reich, dass mein Denken sogar heute noch, wenn es sich ihnen nähert, daraus etwas schöpfen kann, Zustände des fruchtbarsten Staunens dem gegenüber, was die Natur ist, die Landschaft, das Lebendige, alles was mich umgab. Besonders in gewissen Augenblicken empfand ich eine fiebrige, mitreissende Trunkenheit des Daseins, wenn ich gewisse Dinge betrachtete, ja mehr noch, an ihrem geheimen Leben teilhatte. Ich spürte, dass sich von einem Blatt, einem Baum, einer Blume, einer Landschaft, einem menschlichen Gesicht, welcher Präsenz auch immer und später auch von einem Buch, beinahe ein Energiestrom, ein Gefühl der von mir erwarteten Übereinstimmung ausbreitete; da war eine Art Zirkulation zwischen meinem Inneren und dieser Aussenwelt, gemacht ganz aus «glühenden Punkten», Berggipfeln oder Brunnenschächten, Hervorstechendem, in jedem Fall. Von da her rühren für mich die beharrlichsten der Phantome, die mich in Richtung Poesie getrieben haben. Und hier angelangt, muss ich bekräftigen, dass die Poesie, meiner Ansicht nach, allem voran ein unbezwingbares Verlangen ist, die Wirklichkeit zu preisen, die Welt zu preisen «dafür, dass es sie gibt». Die Poesie ist eine Art Lobpreis des Lebens als solches, eben weil sie das Leben selbst ist, das (auf eine Weise) von sich spricht, zu einem Ohr, das (auf eine Weise) es verstehen kann. Sie spricht auf ihre Weise, die vielleicht die falsche Weise ist, doch in jedem Fall «wachsen» im Lobpreis das Leben und die Realität, ihn zugleich hervorbringend und gleichsam darauf wartend. Doch anhand der Poesie wird nicht nur ein Lob vorgebracht (ein Gefühl und ein Gedanke, denen wir in der gesamten poetischen Tradition begegnen), es zeichnet sich eine regelrechte «Überprüfung» der Wirklichkeit ab. In welchem Sinne? Die Wirklichkeit stellt sich sehr früh auch dem Kind in der Tragödie ihrer…

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
über den «Schweizer Monat»