Selbstopfer

Ein Pick-up fährt langsam die Strasse herauf, das Motorrad kommt aus der Gegenrichtung. Wenig später folgt ein grüner Pkw, auch er bremst nicht ab. Eine schlanke Passantin wird einen weissen Schal schwenken, das letzte Zeichen für die Sterbende. Sie ist noch bei vollem Bewusstsein. Man hört Geschrei und die Rufe der Nonne. Sie fordert die […]

Ein Pick-up fährt langsam die Strasse herauf, das Motorrad kommt aus der Gegenrichtung. Wenig später folgt ein grüner Pkw, auch er bremst nicht ab. Eine schlanke Passantin wird einen weissen Schal schwenken, das letzte Zeichen für die Sterbende. Sie ist noch bei vollem Bewusstsein. Man hört Geschrei und die Rufe der Nonne. Sie fordert die Rückkehr des Dalai-Lama, des geistlichen Oberhaupts. Sekunden später bricht sie zusammen. Das Standbild aus dem Videofilm stammt aus dem November 2011. Der Film ist das einzige Bilddokument, das von den Selbstverbrennungen in Osttibet in Umlauf ist. Sein historischer Wert ist einzigartig. Heimlich wurde der Film gedreht, unter Lebensgefahr ausser Landes geschmuggelt und von einer Exilgruppe der Weltöffentlichkeit übergeben. Mittlerweile sind Akte des Selbstopfers fast schon Normalität geworden. Trotz der drakonischen Repression durch die chinesische Besatzung wählten in den letzten Monaten über dreissig Tibeter das Martyrium vollkommener Selbstauslöschung. Von einigen Opfern existiert nicht einmal ein Passbild zur Erinnerung. Es sind nicht nur junge Mönche, die der Gehirnwäsche in «Umerziehungslagern» entgehen wollten, sondern auch Schülerinnen und ältere Bauern. Die Nonne Palden Choetso war 35 Jahre alt, als sie Benzin über ihren Körper goss und sich anzündete.

Empfindsame Gemüter mögen die Zumutungen der Wirklichkeit abwehren wollen und nach Zensur rufen. Doch sollte die Empö­rung über das Grässliche nicht dem Dokument gelten, sondern der Despotie, gegen die sich der Widerstand richtet. Die Realität zu verleugnen, spielt dem Regime direkt in die Hände. Nichts käme ihm mehr gelegen, als die Protesttaten totzu­schweigen. In einigen Fällen mussten Demonstranten die verkohlten Körper vor dem Zugriff der Polizei schützen, um sie zum Gedenken hinter die Klostermauern zu bringen. Sich bei lebendigem Leib zu verbrennen, ist keine Erfindung buddhistischer Mönche. Zwischen 1965 und 1970 setzten sich vier US-Bürger aus Protest gegen den Vietnamkrieg in Brand. Nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei wählten in Warschau und Prag drei Dissidenten den Flammentod. Die öffentliche Selbsttötung eines tunesischen Gemüsehändlers im Dezember 2010 gilt mittlerweile als Zündfunken des Aufstands in Arabien.

Stets hat das Selbstopfer dieselbe Bedeutung. Es soll nicht nur starke Gefühle wecken und unübersehbare Zeichen setzen. Es folgt dem Prinzip der Äquivalenz. Die Qual der Selbstverbrennung entspricht der Qual des Unrechts; die Marter des Widerstands spiegelt die Tortur der Unterdrückung. Was sind Protestrufe, Mahnwachen oder Kerzen gegen die Barbarei der Tyrannis? Nicht Symbole, die Pein des Körpers zählt im Kampf gegen die Macht. Das Bild vermittelt davon einen blassen Eindruck. Es reizt nur die Anschauung und Imagination, löst aber keinen Schmerz aus. Seine Unschärfe bestätigt, dass Bilder nur Objekte des Auges, niemals des Fleisches sind.

Das Selbstopfer ist kein Selbstmord, es ist ein Akt der Resistenz. Unter den Formen des Widerstands nimmt die Selbsttötung eine besondere Stellung ein. Wie das Martyrium weist sie die Macht in ihre Schranken. Das Opfer entzieht sich der Unterwerfung. Das Regime kann es unmöglich zwingen, am Leben zu bleiben und seinen Glauben zu widerrufen. Jeder Befehl prallt an ihm ab. Indem es die Freiheit zur Selbstvernichtung nutzt, legt es die Unvollkommenheit der Macht bloss. Tote kann sie nicht beherrschen. Daher die wütenden Reaktionen der chinesischen Obrigkeit. Der Märtyrer verkörpert die Tapferkeit reiner Duldung. Er lässt es geschehen. Wer sich indes selbst verbrennt, gibt sein Leben aktiv hin. Er attackiert den Feind, indem er Hand an sich legt. Sein Todesmut gleicht der Tapferkeit des Helden. Auch der Held opfert sein Leben für die Nation, für den Glauben, für die Freiheit. Mit der Gewissheit des Untergangs hält er aus bis zum letzten Atemzug. In tiefster Verzweiflung vollbringt er den höchsten Akt der Moral, die Preisgabe seiner selbst. Davor sollten auch die Zeitgenossen in postheroischen Gesellschaften die Augen nicht verschliessen.

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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