Selbstdiagnose: Zombie

Selbstdiagnose: Zombie

In der Popkultur sind, seit 1968 der Horrorklassiker «Die Nacht der lebenden Toten» in die Kinos kam, die Zombies weltweit auf dem Vormarsch. Sie sind, könnte man sagen, die freilaufende Version von Schrödingers Katze: zugleich tot und lebendig, wofür sich im Deutschen die paradoxe Vokabel «Untote» gefunden hat. In Serien und Videospielen werden die invasiven Neozoen bekämpft, allerdings gibt es tatsächlich reale Personen, die sich selber als Untote verstehen.

Mitte der 2000er wurde ein 48jähriger Brite in einer neurologischen Klinik vorstellig, der behauptete, hirntot zu sein. Der schwer depressive Mann hatte sich in der Badewanne per Stromschlag das Leben nehmen wollen. Er überlebte, nicht aber, wie er darlegte, sein Gehirn. In der Folge ass er nichts mehr, putzte sich nicht die Zähne, nichts bewegte ihn. Was nach einem gewöhnlichen Mann in einer unglücklichen Ehe klingt, hatte für die Mediziner einen Namen: Cotard-Syndrom. Sinnfällig auch Zombie-Syndrom genannt, ist es nach Jules Cotard benannt, der das Phänomen im 19. Jahrhundert erstmals beschrieb. Es handelt sich um eine Art Delirium der Selbstverneinung: Betroffene halten sich für tot oder ihre Organe für abgestorben, manche verorten sich bereits in der Hölle oder verlangen, beerdigt zu werden. Da das Syndrom sehr selten auftritt und die bildgebende Diagnostik via MRT oder PET vergleichsweise jung ist, liegen bislang nur Einzelfallstudien vor, die seinen neurologischen Ursachen auf den Grund gehen.

«Es kann drastische Auswirkungen haben,

wenn im unsichtbaren Uhrwerk unseres Bewusstseins noch das kleinste Rädchen klemmt.»

Neue Einsichten brachte eine Studie von 2013, in der Neurowissenschafter mit Hilfe von PET-Scans die metabolische Gehirnaktivität des erwähnten Patienten darstellten. Das Resultat war verblüffend: In grossen Bereichen des Stirn- und Scheitellappens war die Aktivität so niedrig wie bei einem gesunden Menschen unter Narkose oder im Tiefschlaf. Einige dieser Bereiche gehören zu einer Gruppe von Gehirnarealen, die beim Nichtstun aktiv werden, also wenn wir tagträumen. Sie tragen auch massgeblich dazu bei, dass wir unsere Bewusstseinsvorgänge erkennen und in ein – mehr oder weniger – stabiles Selbst integrieren, in dem wir den Urheber unserer Handlungen sehen. Diese Prozesse waren bei dem Briten offensichtlich gestört, ebenso die Verknüpfung zwischen dem Areal für Gesichtserkennung und dem Teil des limbischen Systems, das Emotionen mit diesen Wahrnehmungen verbindet: Er erkannte das eigene Gesicht im Spiegel, das Gefühl der Vertrautheit allerdings blieb aus. Das musste bedeuten, dass er tot war. Erstaunlich ist, dass bei solchen Denkstörungen die rationalen Kapazitäten oft völlig unbeeinträchtigt sind. An einer einzigen Stelle entsteht auf der Landkarte des Denkens ein schwarzer Fleck, um den herumfabuliert wird.

Verwandt ist das Cotard-Syndrom mit dem ebenso selten auftretenden Capgras-Syndrom, wobei es dort nicht das eigene Gesicht ist, das plötzlich unvertraut scheint, sondern dasjenige nahestehender Menschen. Meistens kommt der Betroffene zum Schluss, diese seien im Rahmen einer Verschwörung heimlich ausgetauscht worden. Was an den Plot eines Gruselfilms erinnert, macht aber eines deutlich: unser normales Alltagsbewusstsein besteht aus unzähligen ineinandergreifenden Subsystemen. Und leider: es kann drastische Auswirkungen haben, wenn im unsichtbaren Uhrwerk unseres Bewusstseins noch das kleinste Rädchen klemmt.