Seinen Weg gehen

Wir pflegen die Rhetorik von Risiko und Eigeninitiative. Zugleich bauen wir täglich am goldenen Käfig: Totalbetreuung, Rundumabsicherung, Abwendung des Unvorhersehbaren. Wovor fürchten wir uns? Anregungen aus der Klosterzelle.

Seinen Weg gehen
Bruder Fridolin Schwitter, photographiert von Giorgio von Arb.

 

Ein gottgefälliges, ja gar ein gottesfürchtiges Leben in Selbstverantwortung – was könnte das sein? Als der Herausgeber im Anschluss an eine persönliche Korrespondenz auf mich zukam mit der Bitte, aus meiner klösterlichen Perspektive über Markt und Staat, über Eigeninitiative und Fremdbestimmung zu schreiben, hielt ich zuerst einmal inne. Kann ich zu dieser Fragestellung überhaupt etwas beitragen?

Zunächst: das Attribut «gottesfürchtig» missfällt mir. Im Mittelalter hat man den Menschen Furcht eingeflösst – nicht vor Gott im Himmel, sondern vor der Hierarchie auf Erden. Damit liessen sie sich manipulieren und kontrollieren. Heute ist dieses kirchliche Machtgebaren überholt. Zwar tun sich einzelne Repräsentanten in den Hierarchien von Kirchen und Orden nach wie vor schwer mit diesem Machtverlust, doch scheint mir, dass die Kirche letztlich von dieser weltlichen Machtkritik profitiert hat. Sie kann sich auf das konzentrieren, was ihre Mission, ihre Schickung ist: Gott vor Augen.

Vor Gott braucht sich in der Tat niemand zu fürchten. Darum: weg mit der Gottesfürchtigkeit! Der Begriff der Gottgefälligkeit ist mir viel sympathischer. Wir Kapuziner sind der franziskanischen Spiritualität verpflichtet und erkennen alle Lebewesen als Schöpfung Gottes an. Wer von Gott geschaffen ist, steht in Bezug zu ihm – ob er will oder nicht, ob er erkennt oder nicht. Gottes Schöpfung ist umfassend. Treffend kommt das im «Sonnengesang», dem Loblied des heiligen Franziskus von Assisi, zum Ausdruck. Nicht nur der Mitmensch als dein Gegenüber, sondern auch Tiere, Pflanzen und sogar die Elemente des Universums wie das Wasser, der Mond und die Sterne sind miteingeschlossen. «Gott zu gefallen», «gottgefällig zu leben» meint genau dies: seiner Schöpfung mit Ehrfurcht und Respekt begegnen.

Der Staat gehört nicht zur Schöpfung – er ist ein vom Menschen geschaffenes Konstrukt im Dienste des Menschen. Vom Menschen festgelegte Regeln bilden seine Werte. Insofern ist er zu achten. Zugleich ist er jedoch ein Herrschaftsinstrument. Stets herrschen die einen über die anderen. Etatisten, ob gesellschaftlich oder kirchlich, sind Menschen, die alle Probleme über die Institutionen lösen wollen – nicht von Angesicht zu Angesicht, sondern auf einem Umweg durch Zwang. Dadurch entwickelt sich eine von Menschen gemachte Institution zum alles klärenden und lösenden Gottesersatz. Das überfordert den Staat und steht im Widerspruch zu seinem Zweck, der darin besteht, das friedliche Zusammenleben unter Menschen zu regeln.

Ein gottgefälliges Leben zu führen bedeutet also, die Grenzen des Menschengemachten zu erkennen und anzunehmen. Aber es bedeutet zugleich, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Urteilskraft zu entwickeln. Ein anderer Ausdruck gefällt mir darum noch besser: «Gottvertrauen». Wer auf Gott vertraut, wettet darauf, dass sein Leben tragfähig ist. Er geht seinen Weg mit Zuversicht und Mut. Er vertraut auf seine Gaben, welche auch immer es sein mögen. Er vertraut auf andere, aber er rechnet nicht mit
ihnen. Er tauscht sich mit ihnen aus, aber er zwingt sie nicht. Er geht seinen Weg, den Gott für ihn vorgesehen hat.

Findet das gottgefällige Leben bloss hinter der Klostermauer, in der Kirche oder im Gebetsraum statt? Hoffentlich nicht. Es ist ein Thema für uns alle – im Hier und Jetzt.

Vom indischen Philosophen und Nobelpreisträger Rabindranath Tagore (1861 – 1941) stammt folgendes Gleichnis:

In unserer hochkomplexen modernen Gesellschaft sind die mechanischen Kräfte derart effizient organisiert, dass ihre Produkte der Fähigkeit des Menschen, sie im schlichten Einklang mit seinen Bedürfnissen und seiner Natur zu gebrauchen, längst entwachsen sind. Solch ein wucherndes Wachstum erdrückt den Menschen. Ein Nest ist einfach, es besitzt eine natürliche Beziehung zu seiner Umgebung. Ein Käfig ist komplex, er schliesst alles aus, was sich ausserhalb von ihm befindet. Heute ist der Mensch mit grossem Eifer dabei, sich seinen eigenen…