«Seien Sie vorsichtig, wenn das Militär zu einer Stimme der Vernunft wird»
Maaza Mengiste, fotografiert von Nina Subin.

«Seien Sie vorsichtig, wenn das Militär zu einer Stimme der Vernunft wird»

Aus New York City arbeitet die Schriftstellerin historische Ereignisse in Äthiopien kreativ auf. Ihr halbes Jahr in Zürich hat sie ausgerechnet während der Pandemie verbracht.

Ihr erster Roman, «Beneath the Lion’s Gaze», behandelte 2010 die kommunistische Ära unter Diktator Mengistu, der die marxistisch-leninistische Militärorganisation namens Derg anführte. Ihr zweiter, «Shadowking», erschien 2019 und behandelt die italienische Invasion in Äthiopien 1935. Weshalb der lange Unterbruch?

Die Erforschung der historischen Fakten dauerte fast acht Jahre. Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs ist kompliziert und ich wollte, auch wenn das Buch Fiktion ist, nichts falsch darstellen. Ich habe auch in Italien recherchiert und dabei die von den Faschisten gespeicherten (und von ihnen bereits zensierten) Dokumente ausgewertet und dabei Italienisch gelernt. Diese Dokumente zeigten, wie Faschisten wollten, dass die Geschichte in Erinnerung bleibt. Natürlich habe ich auch mit italienischen Freunden gesprochen. Aber es war schwierig: Einer beschrieb das Thema Äthiopien als eine Mauer, die nicht einmal mit dem eigenen Grossvater überwunden werden kann.

Wie sind Sie denn vorgegangen?

Ich fing an, in Antiquitätengeschäften und auf Flohmärkten in ganz Italien nach Briefen, Tagebüchern oder Fotografien zu suchen. Gefunden habe ich vieles: Auf italienischen Flohmärkten gibt es fast immer einen Faschistentisch, auf dem dann beispielsweise Mussolini-Statuen stehen. Ich fragte die Händler stets, ob sie etwas über die Kolonialzeit im Angebot hätten. Einige Anbieter halfen mir und informierten mich auch danach, wenn sie etwas erhielten, das mich interessieren könnte; häufiger aber schickten sie mich weg. Dann habe ich halt einen italienischen Freund gebeten, an den gleichen Tisch zu gehen und nach Fotos zu suchen. Sie haben das dann gekauft für mich, und so habe ich viele meiner Informationen erhalten. Fotos mit Bemerkungen darauf waren für meine Forschung sehr wichtig.

Sie haben auch in Äthiopien recherchiert. Was haben Sie dort gefunden?

Die Italiener führten Unterlagen, machten Fotos, besassen Kameras. Die Äthiopier haben mündliche Überlieferungen, das Familiengedächtnis. Meistens erhielt ich meine Informationen aus zweiter oder dritter Hand. Ich musste mir die Geschichten ansehen, sie mit diesen Archivmaterialien vergleichen, sie mit Fotos und Tagebucheinträgen vergleichen und versuchen, daraus eine vollständigere Geschichte zu erstellen. Viele Erinnerungen und Geschichten, die ich erzählt bekommen habe, waren Geschichten von Heldentum und Trotz, von Tapferkeit, meistens über Männer. Natürlich gab es das, aber über die Demütigungen des Krieges habe ich keine einzige Geschichte gehört.

In «Shadowking» haben Sie einen fiktiven Rahmen geschaffen, aber man merkt, dass viel persönliche Geschichte drinsteckt.

Ich wollte Fragen der Intimität untersuchen, die zwischen Menschen auftreten, die Feinde sein sollen. Was passiert, wenn sie interagieren, wie entwickeln sich ihre Beziehungen? Es geht mir um die Grauzonen des Krieges, um jene Bereiche, die nicht vollständig sauber geschnitten sind. Der Charakter von Ettore, einem jüdischen Fotografen, basiert auf Geschichten von italienischen Juden, die in Äthiopien mit dem italienischen Militär kämpften, aber wegen der antisemitischen Gesetze zurückgerufen wurden. Oft wurden sie in Lager gesteckt und schliesslich nach Auschwitz geschickt. Wie ist es, Teil einer Armee zu sein und rassistische Gesetze durchzusetzen, aber in der nächsten Minute zu sehen, wie sich die Gesetze gegen sie wenden? Wie fühlt sich das an? Ich wollte diese Ideen von Loyalität und Verrat in meinem Buch diskutieren.

Im Roman zieht eine Gruppe von Frauen in den Krieg. Wie viele Frauen kämpften denn tatsächlich gegen die Italiener?

Ich fand Zeitungsberichte von einer oder zwei Gruppen von Frauen, die in die Armee eingetreten sind. Ein Historiker erzählte mir, dass es eine bedeutende Anzahl kämpfender Frauen gab.

Wird die afrikanische Gesellschaft nicht stark von Männern dominiert?

Es gibt in ganz Afrika matrilineare Kulturen mit langer Tradition. In Äthiopien kämpften nicht nur Frauen im Krieg, es gab auch Kaiserinnen, die das Land regierten: Es war eine Frau, die 1896, im ersten Kampf gegen Italien, 40 000 Männer führte. Der Fortschritt kommt langsam: Als meine Mutter die High School besuchte, waren die Ehen der meisten Frauen arrangiert. Meine Generation war die erste, die heiraten kann, wen sie will. Und jetzt hat Äthiopien eine Präsidentin, und auch der Oberste Gerichtshof wird von einer Frau geleitet.

«Es gibt in ganz Afrika matrilineare Kulturen

mit langer Tradition.»

Sie wurden 1971 in Addis Abeba geboren, und ihre Familie musste während der äthiopischen Revolution fliehen. Viele Dinge aus dieser Zeit sind in Ihrem ersten Roman enthalten. Können Sie mir etwas über die kommunistische Ära erzählen? In dieser Zeit sollen über 1 Million Menschen in Äthiopien gestorben sein.

Niemand kennt die genauen Zahlen. Aber ich kenne keine einzige äthiopische Familie, die nicht betroffen war. Diese Revolution hat Äthiopien völlig verwüstet. Während der Herrschaft der Derg wurde systematische, alle betreffende Gewalt ausgeübt. Was derzeit in Ägypten und Syrien passiert, geschah 1974 in Äthiopien: Es gab Leute, die plötzlich verschwanden, geheime Inhaftierungen, geheime Lager.

Was haben Sie daraus gelernt?

Mein Rat ist: Seien Sie vorsichtig, wenn das Militär in einem Land zu einer Stimme der Vernunft wird. Weil es für Stabilität und Ordnung steht, neigen Menschen in chaotischen Situationen dazu, ihm Macht zu übertragen. Doch Armeeangehörige wissen nicht, wie sie zivile Regierungen aufbauen sollen. In Äthiopien führte das zu einer Diktatur.

Nach Ihrer Zeit in Addis Abeba lebten Sie in Nigeria und Kenia, nun aber in New York City.

Ja, in Queens. Die meisten New Yorker sagen, dass NYC nicht die USA sei. Ich habe das nie ganz verstanden – bis Trump gewählt wurde, jetzt verstehe ich es besser. New York ist sehr international, es fühlt sich europäischer an als andere Orte.

Sie haben Ihr halbes Jahr als Writer in Residence im Literaturhaus Zürich während der Pandemie verbracht. Was haben Sie über die Schweizer Gesellschaft erfahren?

Die Schweizer vertrauen ihrer Regierung, ihrem System. In den ersten ein oder zwei Wochen, als nicht klar war, wie schlimm es werden würde, gerieten auch die Schweizer etwas aus der Fassung. Doch sie fingen bald an, sich zu entspannen und die Regeln zu befolgen. Die Ruhe hier in der Schweiz stand im Gegensatz zur Panik, Wut und Frustration, die ich über die Situation in den USA hörte. In New York und den Vereinigten Staaten sind die Menschen, insbesondere seit Trump gewählt wurde, unruhig, wütend und frustriert. Deshalb sind die Leute jetzt auf den Strassen. Es sind Proteste, die sich wirklich anders anfühlen als in anderen Jahren.

Wie zufrieden sind Sie mit der aktuellen äthiopischen Regierung?

Für mich ist das eine komplizierte Frage. Premierminister Abiy Ahmed hat ja bekanntlich den Friedensnobelpreis gewonnen: Er hat alle politischen Gefangenen, die während der Herrschaft des alten Regimes in Äthiopien Ende der 1990er Jahre eingesperrt wurden, freigelassen; er hat die Presse geöffnet, die freie Meinungsäusserung wieder ermöglicht. All dies geschah in den ersten drei Monaten, in denen er an die Macht kam. Ich ging zurück nach Äthiopien und sagte meiner Mutter, dass ich möglicherweise zurückkommen müsse, wenn die Dinge in den USA wegen Trump gefährlich würden. Nun gibt es auch wieder Spannungen in Äthiopien, aber das ist nachvollziehbar: Es ist unmöglich, ein System, ein Land in nur drei oder vier Jahren zu ändern.

Viele afrikanische Länder haben riesige Geldbeträge von westlichen Ländern erhalten. Doch sie entwickeln sich sehr langsam, wenn man sie beispielsweise mit China oder Südkorea vergleicht. Warum ist das so?

Abiy Ahmed schrieb kürzlich in der «New York Times», dass die europäischen Länder den afrikanischen Ländern einen Schuldenerlass anbieten sollten. Stellen Sie sich vor, welches Potenzial sich freisetzen könnte, wenn die afrikanischen Nationen nicht mit der Rückzahlung dieser Schulden belastet wären. Die Beziehungen Europas zu Afrika waren nie ausgewogen. Europa hat von afrikanischen Arbeitskräften und Ressourcen profitiert.

Wie sieht die Zukunft aus?

Was auf dem gesamten Kontinent passiert, darüber habe ich nur begrenzte Kenntnisse. Aber mir scheint, Afrika mache Fortschritte. Was ich beurteilen kann, ist die Welt der Künste, und da sind mir zuletzt sehr viele brillante Arbeiten afrikanischer Künstler aufgefallen. Überhaupt ist Afrika ein unglaublich lebendiger und kreativer Kontinent und aus meiner Sicht überhaupt kein hoffnungsloser Fall.

«Unaufgeregt, präzise und spannend informieren.
Das ist eine hehre Kunst, welche die wenigsten
Blätter über lange Zeit beherrschen.»
Richard Kägi, Foodscout,
über den «Schweizer Monat»